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Autoreneintrag · Wassili Semjonowitsch Grossman
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Porträt Wassili Semjonowitsch Grossman
Wassili Semjonowitsch Grossman
1905 – 1964
– Autorenporträt –

Wassili Semjonowitsch Grossman

1905 – 1964 · 58 Jahre

Sowjetischer Kriegsreporter und Romancier, dessen Hauptwerk „Leben und Schicksal“ vom KGB beschlagnahmt wurde und erst Jahrzehnte nach seinem Tod erscheinen konnte.

Kurzbiografie↑

Als sowjetischer Schriftsteller und Journalist gehört Wassili Semjonowitsch Grossman zu den frühen Chronisten des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Geboren 1905, gestorben 1964 in Moskau, begleitete er als Kriegsreporter der Armeezeitung Krasnaja Swesda über tausend Tage lang die Rote Armee an der Front. Seine dokumentarischen Berichte über die Vernichtungslager – darunter der Artikel Die Hölle von Treblinka – zählten zu den ersten Augenzeugenberichten dessen, was später als Holocaust bekannt wurde. Sein Hauptwerk, der Roman Leben und Schicksal, wurde vom KGB beschlagnahmt; Grossman starb, ohne zu wissen, ob sein Werk je gelesen werden würde. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod erschien es und rückte den Autor in die Nähe der großen russischen Erzähltradition.


Biografie↑

Geboren wurde Grossman 1905 in einer aufgeklärten jüdischen Familie. In der Forschung umstritten ist die Schreibweise des Geburtsorts: Die Deutsche Biographie nennt ihn „Berditschew“, Wikidata dagegen „Berdytschiw“ – gemeint ist dieselbe Stadt in der heutigen Ukraine. Auf die Welt kam er unter dem Namen Josif Solomonowitsch Grossman. Ein russisches Kindermädchen wandelte den Rufnamen Jossja in das russische Wassja um, ein Diminutiv von Wassili, und die ganze Familie übernahm diese Form. Eine traditionelle jüdische Erziehung erhielt er nicht und beherrschte nur einige Worte Jiddisch. Sein Vater war Sozialdemokrat und schloss sich den Menschewiki an.

Während seines Studiums an der Moskauer Universität begann Grossman, Kurzgeschichten zu schreiben. Diese Tätigkeit setzte er fort, als er später als Ingenieur im Donezbecken arbeitete. Eine seiner ersten Geschichten, In der Stadt Berditschew, machte Maxim Gorki und Michail Bulgakow auf ihn aufmerksam; beide ermutigten den jungen Autor. Auf dieser knappen Erzählung beruht später der Film Die Kommissarin von Alexander Askoldow.

Mitte der 1930er Jahre gab Grossman den Ingenieurberuf auf und widmete sich ganz dem Schreiben. Bis 1936 hatte er zwei Sammlungen von Geschichten veröffentlicht, 1937 wurde er Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR. Während des Großen Terrors wurden Freunde und nahe Verwandte verhaftet, darunter seine Frau Olga, deren früherer Mann Boris Guber im August 1937 hingerichtet wurde. Monatelang schrieb Grossman Eingaben an die Behörden; 1938 erreichte er Olgas Freilassung.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 blieb seine Mutter in Berditschew zurück und wurde zusammen mit vielen tausend anderen Juden ermordet. Grossman war vom Militärdienst freigestellt, meldete sich aber freiwillig zur Front, wo er mehr als tausend Tage verbrachte. Als Reporter der Armeezeitung Krasnaja Swesda schilderte er die großen Ereignisse des Krieges: die Schlacht um Moskau, die Schlacht von Stalingrad, die Schlacht um Kursk, die Rückeroberung Weißrusslands und die Schlacht um Berlin. Neben den Reportagen erschienen Romane wie Dies Volk ist unsterblich, und Grossman galt als Kriegsheld. Der Roman Stalingrad von 1950, später in Die gerechte Sache umbenannt, beruht auf seinen Erfahrungen während der Belagerung.

Schon 1943 verfasste Grossman dokumentarische Berichte über die zerstörte Ukraine, Weißrussland und Polen sowie über die Lager Treblinka und Majdanek. Sein Artikel Die Hölle von Treblinka von 1944 wurde während der Nürnberger Prozesse als Dokument der Anklage verbreitet. Tief erschütterte ihn die Unterdrückung des Schwarzbuchs, das vom Jüdischen Antifaschistischen Komitee erarbeitet wurde und dessen Herausgeberschaft er von Ilja Ehrenburg übernommen hatte. Die Zensoren verlangten Änderungen, um den antijüdischen Charakter der Morde zu verbergen. 1948 fertiggestellt, wurde das Buch nicht veröffentlicht: Der Satz wurde eingeschmolzen, die gedruckten Bogen eingestampft. Der Dichter Semjon Lipkin, ein Freund Grossmans, sah in Stalins antisemitischer Kampagne den Grund, der Grossmans Glauben an das sowjetische System zerstörte.

Zu Lebzeiten erschienen nur wenige seiner Nachkriegswerke. Nachdem er den Roman Leben und Schicksal 1959 zur Veröffentlichung vorgelegt hatte, durchsuchte der KGB seine Wohnung und beschlagnahmte Manuskripte, Durchschläge, Notizbücher, Kopien und sogar die Schreibmaschinenbänder. Während der Tauwetter-Periode wandte sich Grossman an Chruschtschow. Der Chefideologe Michail Suslow bedeutete ihm, das Buch werde frühestens in 200 Jahren erscheinen. Leben und Schicksal und der letzte Roman Alles fließt von 1961 galten als Bedrohung der kommunistischen Herrschaft, und der Autor wurde zur Unperson. Grossman starb 1964, ohne zu wissen, ob sein Werk je ein Publikum finden würde.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Grossmans Schreiben ist die Nähe zur Dokumentation. Als Kriegsreporter schilderte er über tausend Tage lang die großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs aus eigener Anschauung. Seine Beschreibungen der ethnisch gesäuberten Gebiete und der Vernichtungslager gehörten zu den ersten Augenzeugenberichten des Holocaust und wurden bis in die Nürnberger Prozesse als Beweismittel herangezogen. Diese Verbindung von unmittelbarer Beobachtung und breiter erzählerischer Anlage bestimmt auch seine großen Romane. Einige Kritiker verglichen sie mit der monumentalen Prosa Lew Tolstois.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten blieb Grossmans wichtigstes Werk dem Publikum verschlossen. Erst dank anderer Dissidenten gelangte ein Teil von Leben und Schicksal an die Öffentlichkeit: Andrei Sacharow fotografierte heimlich Seiten des Entwurfs, die Semjon Lipkin aufbewahrt hatte, und dem Schriftsteller Wladimir Woinowitsch gelang es, die Filme ins Ausland zu schmuggeln. So erschien 1980 ein Abschnitt in der Schweiz. Mit der Glasnost-Politik Gorbatschows wurde das Buch 1988 in Russland veröffentlicht, Alles fließt folgte 1989 in der Sowjetunion. Das rund 11.000 Seiten umfassende Manuskript zu Leben und Schicksal übergab der russische Geheimdienst im Juli 2013 dem Staatsarchiv in Moskau und machte es damit öffentlich zugänglich.

Auch die Erzählung In der Stadt Berditschew wirkte nach: Der darauf beruhende Film Die Kommissarin wurde 1967 vom KGB unterdrückt, erst 1987 freigegeben und erhielt bei der Berlinale 1988 den Spezialpreis der Jury. Zu den Bewunderern von Leben und Schicksal gehörte der Philosoph Emmanuel Levinas. 1998 äußerte Alexander Solschenizyn seinen „großen Respekt“ für Grossmans „geduldige, beharrliche, weitreichende Arbeit“.

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