1621 – 1676
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Kurzbiografie↑
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen wurde um 1621/1622 in Gelnhausen geboren und starb am 17. August 1676 in Renchen. Er gilt als bedeutendster deutschsprachiger Erzähler des Barock. Sein Hauptwerk Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch erschien 1668/69. Es schildert die Wirren des Dreißigjährigen Krieges aus der Sicht eines naiven Helden und ist der erste große Roman der deutschen Literatur. Grimmelshausen selbst hatte den Krieg als Trossjunge, Soldat und Regimentsschreiber erlebt. Nach 1649 lebte er als Gutsverwalter, Gastwirt und schließlich als Schultheiß im badischen Renchtal. Die Deutsche Biographie nennt ihn den „größten und geheimnisvollsten deutschen Dichter seit dem Hochmittelalter“.
Biografie↑
Geboren wurde Grimmelshausen in Gelnhausen, einer protestantischen Freien Reichsstadt im Kinzigtal. Über das genaue Geburtsjahr besteht in der Forschung Unklarheit. Wikidata gibt 1621 an, die Deutsche Nationalbibliothek 1622, die Neue Deutsche Biographie spricht vorsichtig von „bald nach 1620“. Seine Familie war eine verarmte Uradelsfamilie aus dem thüringischen Dorf Grimmelshausen an der Werra. Sie hatte sich im 16. Jahrhundert in Gelnhausen niedergelassen. Der Großvater, Bäcker und Gastwirt, hatte den Adelstitel 1592 abgelegt. Ein bürgerlicher Erwerbsberuf zog für Adlige damals den Standesverlust nach sich.
Aus den ersten zwanzig Lebensjahren liegen kaum sichere Zeugnisse vor. Der Vater starb, als der Junge vier oder fünf Jahre alt war. Die Mutter heiratete erneut und zog nach Frankfurt am Main. Der Sohn blieb beim Großvater in Gelnhausen zurück und besuchte die örtliche Lateinschule, laut Deutscher Biographie etwa sechs Jahre lang. Im September 1634 erreichte der Dreißigjährige Krieg die Stadt: kaiserliche Truppen nahmen Gelnhausen ein und verwüsteten es. Im Januar 1635 wiederholte sich das Unheil. Sehr wahrscheinlich floh auch Grimmelshausen in die nahegelegene Festung Hanau, die von schwedisch-lutherischem Militär gehalten wurde.
Es gibt Anhaltspunkte, dass er bereits im Sommer 1631 als Trossjunge an der Belagerung Magdeburgs beteiligt war. 1637 gehörte er, noch nicht als regulärer Soldat, einem kaiserlichen Dragonerregiment in Westfalen an. Laut der Deutschen Biographie war es das bayerische Dragonerregiment des Feldmarschalls Graf Götz. 1639, mit 17 oder 18 Jahren, kämpfte er aktiv im Regiment des kaiserlichen Obristen Hans Reinhard von Schauenburg und stieg dort zum Regimentsschreiber auf. Seit 1644 sind Schriftstücke von seiner Hand überliefert. Bis etwa 1647 versah er wohl seinen Dienst in der Festung Offenburg. 1648 war er Kanzleisekretär im Regiment des Obristen Johann Burkard von Elter in Wasserburg am Inn. Im Juli 1649 beendete er in Vilshofen in der Oberpfalz seinen Kriegsdienst.
Um diese Zeit trat Grimmelshausen vom evangelischen zum katholischen Glauben über. Am 30. August 1649 heiratete er in Offenburg nach katholischem Ritus Catharina Henninger, die Tochter eines Wachtmeisterleutnants aus Zabern. In der Heiratsurkunde verwendete er wieder den vom Großvater abgelegten Adelszusatz „von“. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor, vier Söhne und sechs Töchter.
Nach der Hochzeit zog das Paar nach Gaisbach im Renchtal, dem heutigen Ortsteil von Oberkirch in Baden-Württemberg. Von 1649 bis 1661 arbeitete Grimmelshausen dort als Guts- und Burgverwalter, „Schaffner“ genannt, der Freiherren von Schauenburg. In diese Zeit fiel der Ausbau von Schloss Gaisbach, für den Steine der alten Burg Schauenburg verwendet wurden. Von 1656 bis 1658 betrieb er zusätzlich im Schaffnerhaus die Gastwirtschaft „Zum Silbernen Stern“. Von 1662 bis 1665 wirkte er als Burgvogt auf der benachbarten Ullenburg, die dem Straßburger Arzt Johannes Küffer dem Jüngeren gehörte. Nach einem weiteren Versuch als Gastwirt trat er 1667 in den Dienst des Fürstbischofs von Straßburg, Franz Egon von Fürstenberg, und wurde Schultheiß von Renchen. Damit war er für die niedere Gerichtsbarkeit, das Eintreiben von Steuern und die öffentliche Ordnung zuständig.
In genau dieser Lebensphase entstand sein literarisches Werk. 1666 erschienen die ersten Schriften, der Satyrische Pilgram und der Joseph. Im Frühjahr 1668 folgte das Hauptwerk Der abenteuerliche Simplicissimus in fünf Büchern. Rasch schlossen sich weitere Schriften an: eine Erweiterung als sechstes Buch (Continuatio), Jahreskalender, weitere simplicianische Werke wie Courasche, Springinsfeld, Vogelnest I und II und das Ratstübel Plutonis, ein Ewigwährender Kalender sowie die erbaulich-idealisierenden Romane Dietwald, Musai und Proximus. Veröffentlicht wurden viele dieser Werke unter Pseudonymen wie Melchior Sternfels von Fuchshaim oder Samuel Greifnson vom Hirschfeld.
1673 eröffnete der französische König Ludwig XIV. im Niederländisch-Französischen Krieg am Oberrhein einen neuen Kriegsschauplatz. Unterstützt wurde er vom Straßburger Bischof, also Grimmelshausens Dienstherrn. Renchen und das Umland litten unter den Kriegslasten. Grimmelshausen leistete offenbar noch einmal Militärdienst. Er starb am 17. August 1676 in Renchen. Das dortige Kirchenbuch nennt ihn „ein Mann von großem Geist und hoher Bildung“. Seine Frau Catharina überlebte ihn um sieben Jahre und starb am 23. März 1683.
Literarische Merkmale↑
Grimmelshausens Schreiben speist sich aus einer ungewöhnlich breiten Lektüre und aus eigener Lebenserfahrung. Die Deutsche Biographie führt eine eindrucksvolle Reihe von Voraussetzungen auf: möglicherweise Wolframs Parzival in einem Druck von 1477, die volkstümliche deutsche Dichtung des 16. Jahrhunderts von Hans Sachs bis Fischart, Volksbücher und Schwanksammlungen, astrologische und naturphilosophische Traktate aus dem Umkreis des Paracelsus sowie geographisches und kulturgeschichtliches Sachschrifttum wie Garzonis Piazza Universale. Dazu kommen Geschichtswerke wie der Teutsche Florus und das Theatrum Europaeum. Die eigentliche Grundlage seines Erzählens bildeten jedoch die aus Spanien einwandernden Schelmenromane, etwa Alemans Guzman von Alfarache, sowie das gegenreformatorisch geprägte geistliche Schrifttum mit seiner Vanitas-Idee, vermittelt durch Ägidius Albertinus. Den stärksten zeitgenössischen Einfluss übten Prätorius, Moscherosch, Francisci und vor allem der Nürnberger Harsdörffer aus.
Aus dieser Fülle formte Grimmelshausen einen Ton, der das Selbsterlebte mit literarischen Mustern verschmilzt. Formal lehnt er sich an den spanischen Schelmenroman an: Er erzählt das Leben eines Abenteurers aus niedriger sozialer Schicht in der Ich-Form, realistisch in den Einzelheiten, mit erbaulichem Kommentar daneben. Doch der Simplicissimus gewinnt mehr Tiefe als das spanische Vorbild. Aus der scheinbar verwirrenden Fülle des Geschehens heben sich klare Phasen ab: Stille und Einsamkeit, die Schrecken des Krieges, das Erwachen der Weltklugheit, der äußere Erfolg. Laut Deutscher Biographie hat Grimmelshausen den Roman nach Planeten gegliedert, ganz im Sinne seines Nebenberufs als Kalenderschreiber. Das Buch führt von der Einsicht in höchste Beständigkeit beim Einsiedel durch alle weiteren Stufen bis zur Erkenntnis der Unbeständigkeit dieser Welt am Ende des fünften Buches.
Die Werke sind oft glänzend strukturiert. Nur die Kalender und einige kleinere Schriften wurden, so die NDB, offenbar unter Verwendung vorhandenen Materials leicht hingeworfen. Doch auch dort verrät sich der Sinn des Verfassers für Publikumswirksamkeit. Der frühe Satyrische Pilgram folgt noch einem einfachen dialektischen Schema, der Joseph erzählt konventionell. Die späteren simplicianischen Bücher variieren das Ich-Erzählen auf je eigene Weise. Die Landstörtzerin Courasche zeigt knapp und herb den Niedergang einer Existenz im Krieg. Der Springinsfeld fügt eine kurze Lebensgeschichte in einen Gesprächsrahmen. Die beiden Vogelnest-Romane steigern die Möglichkeiten der Ich-Erzählung durch einen Gegenstand, der den Erzähler unsichtbar macht – die Welt erscheint so nur noch von einem abstrakten Ich aus in ihrer ganzen Fragwürdigkeit.
Rezeption↑
Die Deutsche Biographie zählt Grimmelshausen zu den großen Rätselgestalten der deutschen Literatur und nennt ihn den „größten und geheimnisvollsten deutschen Dichter seit dem Hochmittelalter“. Die Spannung zwischen dem literarischen Rang und der dürftigen biographischen Überlieferung prägt seitdem die Beschäftigung mit seinem Werk. Die erste Lebenshälfte ist vor allem aus dem Roman erschlossen, der freilich ins Barocke steigert und dichterisch umformt. Aus der zweiten Hälfte enthüllen die Urkunden nur das kleinbürgerliche, für die poetische Existenz fast bedeutungslose Dasein des Verfassers als Schreiber, Verwalter, Wirt und Dorfschultheiß.
Grimmelshausen veröffentlichte den größten Teil seiner Werke unter Pseudonymen wie Melchior Sternfels von Fuchshaim oder Samuel Greifnson vom Hirschfeld. Das hat seine Identifizierung lange erschwert und die Forschung beschäftigt. Schon im 19. Jahrhundert widmete ihm die Allgemeine Deutsche Biographie 1879 einen Artikel von Adelbert von Keller. 1966 folgte der ausführliche Beitrag von Günther Weydt in der Neuen Deutschen Biographie. Die Deutung des Simplicissimus ist nach Auskunft der Deutschen Biographie bis heute umstritten. Konkurrierende Lesarten reichen von einer psychologischen Entwicklungsgeschichte des Helden über die These des „Geworfenseins“ bis zu der Frage, ob ein symmetrischer, „klassischer“ Aufbau oder gerade die verwirrende und bunte Fülle das Bestimmende sei. Die spätere astrologische Gliederung nach Planeten, die Weydt in der NDB skizziert, ist ein eigener Versuch, dem Roman eine sinnvolle Ordnung abzulesen.
Im literarischen Nachleben wirkt vor allem der Romanheld selbst weiter. Das Wort Simplicissimus wurde zum Sinnbild des arglosen Helden in einer aus den Fugen geratenen Welt und gab in späteren Jahrhunderten unter anderem einer satirischen Münchner Zeitschrift den Namen. Auch die Nebenfiguren wie die Courasche haben spätere Bearbeitungen angeregt. Die folgenden simplicianischen Schriften gelten der Deutschen Biographie zufolge eher als „Anbauten“, die die Geschlossenheit der ursprünglichen Konzeption des Simplicissimus eher verdecken als steigern – der erste Roman bleibt das Werk, an dem sich Grimmelshausens Ruhm festmacht.
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