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Porträt Wilhelm Grimm
Wilhelm Grimm
1786 – 1859
– Autorenporträt –

Wilhelm Grimm

1786 – 1859 · 73 Jahre

Schöpfer des Märchentons der Kinder- und Hausmärchen und gemeinsam mit seinem Bruder Jacob einer der Begründer der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft.

Kurzporträt

Wilhelm Grimm (1786–1859) war ein deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Jacob sammelte er die Märchen und Sagen des deutschsprachigen Raums und gab sie heraus. Sein Name ist so eng mit dem des Bruders verbunden, dass beide meist als die Brüder Grimm zusammen genannt werden. Innerhalb dieser Arbeitsgemeinschaft trug Wilhelm vor allem für den erzählerischen Ton der Kinder- und Hausmärchen die Verantwortung. Daneben war er Bibliothekar sowie Professor in Göttingen und Berlin. Er gehörte zu den Göttinger Sieben, die 1837 wegen ihres Verfassungsprotests ihre Ämter verloren. Bis zu seinem Tod arbeitete er mit dem Bruder am Deutschen Wörterbuch.


Biografie

Wilhelm Carl Grimm wurde am 24. Februar 1786 in Hanau geboren. Seine Jugend verbrachte er in Steinau an der Straße. Dorthin war der Vater Philipp Wilhelm Grimm 1791 als Amtmann versetzt worden. Die Brüder selbst betrachteten dieses Städtchen als ihre eigentliche Heimat. Vom Herbst 1798 an besuchte Wilhelm gemeinsam mit Jacob das Friedrichsgymnasium (Lyceum Fridericianum) in Kassel. Ostern 1803 ging er, ein Jahr nach dem Bruder, zum Jurastudium an die Universität Marburg. Dort prägte ihn der Rechtslehrer Friedrich Carl von Savigny. Nach Wilhelms eigenen Worten vermittelte dieser den Brüdern die Einsicht in den Wert geschichtlicher Betrachtung und einer richtigen Methode. Im Mai 1806 bestand Wilhelm die juristische Prüfung in Marburg.

Nach dem Studium lebte er zunächst bei der Mutter in Kassel. Asthma und eine Herzerkrankung hielten ihn längere Zeit davon ab, sich um eine feste Anstellung zu bewerben. 1809 unterzog er sich bei dem Arzt Johann Christian Reil in Halle einer Kur. Dort nahm ihn der Komponist Johann Friedrich Reichardt gastfreundlich auf. Mit Clemens Brentano reiste er anschließend nach Berlin. Dort lebte er mit Brentano und Achim von Arnim unter einem Dach. Auf der Rückreise traf er in Weimar Johann Wolfgang von Goethe, der sich lobend über seine Bemühungen zu Gunsten einer lang vergessenen Kultur äußerte.

Seit 1806 sammelte Wilhelm gemeinsam mit Jacob Märchen, die sie später bearbeiteten und herausgaben. Unterstützt wurden sie unter anderem von Werner und August von Haxthausen. 1813 lernte er bei der Familie Haxthausen die Schwestern Jenny und Annette von Droste-Hülshoff kennen, die bei der Sammlung von Märchen und Volksliedern halfen. Mit Jenny verband ihn danach eine lange Brieffreundschaft. Es gibt Anzeichen für eine unerfüllte Liebesbeziehung zwischen ihnen.

Von April 1816 bis 1829 war Wilhelm Bibliothekssekretär an der Landesbibliothek in Kassel. Die Brüder lebten in dieser Zeit bei geringem Dienst und bescheidenem Gehalt im gleichen Haushalt als Privatgelehrte. Am 15. Mai 1825 heiratete er in Kassel Henriette Dorothea (Dortchen) Wild, Tochter des Kasseler Apothekers Rudolf Wild. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: der im April 1826 geborene und noch im selben Jahr verstorbene Jakob, der spätere Kunsthistoriker Herman (geboren im Januar 1828), Rudolf (geboren im März 1830) und die Tochter Auguste (geboren 1832).

1831 wurde Wilhelm Bibliothekar an der Universität Göttingen, 1835 dort außerordentlicher Professor. Laut der Deutschen Biographie rückte er noch im selben Jahr zum ordentlichen Professor auf. Er unterzeichnete den Protest der Göttinger Sieben gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes durch den hannoverschen König Ernst August. Am 11. Dezember 1837 verlor er deshalb sein Amt. 1841 lud Friedrich Wilhelm IV. die Brüder nach Berlin. Dort ließen sie sich im März nieder und wurden Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Die Familie wohnte zunächst am Rand des Tiergartens in der Lennéstraße, später in der Dorotheenstraße und ab 1847 in der Linkstraße nahe dem Potsdamer Bahnhof.

1848 gehörte Wilhelm dem Vorparlament an. 1852 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. An der Universität Berlin hielt er bis zum Sommer 1852 Vorlesungen. Bis zu seinem Tod arbeitete er zusammen mit Jacob am Deutschen Wörterbuch, über das er auf dem Germanistentag 1846 in Frankfurt am Main gesprochen hatte. Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859 in Berlin.


Literarische Merkmale

Wilhelm Grimms Schaffen bewegte sich, wie es die Deutsche Biographie formuliert, mit Vorzug auf dem Felde einfühlender Philologie. Anders als der genialisch-kühne Jacob arbeitete er bedächtiger und war der poetischen Sprache besonders zugetan. Schon sein erstes selbständiges Werk zeigt diese Neigung zum lebendigen Erzählton: die Übersetzung Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen von 1811.

Innerhalb der gemeinsamen Märchensammlung ergab sich daraus eine klare Arbeitsteilung. Die Kinder- und Hausmärchen wurden um 1807 vor allem von Jacob in Gang gebracht. Der erste Band erschien 1812, der zweite 1815. Wilhelm schrieb die Vorreden und schuf den Märchenstil. Von der zweiten Auflage 1819 an verantwortete er die Sammlung allein. In diesem unverwechselbaren Erzählton der Märchen liegt seine bleibende sprachliche Leistung.

Auch als Herausgeber alter deutscher Dichtung verfolgte er einen einfühlenden, philologisch genauen Zugang. Die Schrift Über deutsche Runen (1821) bezeichnet die Deutsche Biographie als bedeutungslos geworden. Dagegen gilt Die deutsche Heldensage (1829) als früh begonnene Zusammenstellung von Zeugnissen mit dauerndem Wert. Jacob bezeichnete dieses Werk als Wilhelms Hauptwerk. In späteren Jahren beschäftigte ihn zunehmend das Herausgeben altdeutscher Poesie.

Am Deutschen Wörterbuch arbeitete Wilhelm gemeinsam mit dem Bruder. Doch blieben dort die wissenschaftlichen Individualitäten nach Auskunft der Deutschen Biographie getrennt: Jacob bearbeitete die Buchstaben A, B, C und F bis zum Wort Frucht, Wilhelm den Buchstaben D. In der Vorrede zum zweiten Band von 1860 charakterisierte Jacob die Arbeitsweise des verstorbenen Bruders.

Im Verhältnis zum öffentlichen Leben galt Wilhelm als der konservativere, ruhigere der beiden Brüder. Der empfindlichere Jacob übernahm die Führung. Beide waren laut der Deutschen Biographie aller einengenden Parteiung abhold und in Achtung vor der Geschichte einer auf Vaterlandsliebe gegründeten Einheit freier Männer zugewandt.


Rezeption

Die Wirkung Wilhelm Grimms ist bis heute untrennbar mit der gemeinsamen Arbeit der Brüder Grimm verbunden. Sein Anteil an dieser Wirkung liegt vor allem im Erzählton der Kinder- und Hausmärchen. Deren stilistische Gestalt verantwortete er ab 1819 allein, und schon ab 1820 wurden sie in Übersetzungen verbreitet. Bereits Johann Wolfgang von Goethe hatte sich bei der frühen Begegnung lobend über die Bemühungen Wilhelm Grimms zu Gunsten einer lang vergessenen Kultur geäußert.

Auch als Wissenschaftler und Hochschullehrer wurde er anerkannt. 1841 wurde er, gemeinsam mit Jacob, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1852 auswärtiges Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Deutsche Biographie führt Wilhelm Grimm in der Allgemeinen Deutschen Biographie (Band 9, 1879, verfasst von Wilhelm Scherer) sowie in der Neuen Deutschen Biographie (Band 7, 1966, verfasst von Friedrich Neumann). Er ist außerdem im Catalogus Professorum Gottingensium, in der Hessischen Biografie und im Frankfurter Personenlexikon verzeichnet. Sein wissenschaftliches Nachwirken zeigt sich auch in der Edition der Briefwechsel mit Karl Lachmann, die Albert Leitzmann 1927 herausgab.

Innerhalb der Familie wurde das wissenschaftliche Erbe fortgesetzt. Sein Sohn Herman Grimm wurde als Kunsthistoriker bekannt und hielt an der Universität Berlin viel beachtete kunstgeschichtliche Vorlesungen unter Einsatz von Lichtbildprojektion. Das gemeinsam mit Jacob begonnene Deutsche Wörterbuch wurde von anderen Generationen weitergeführt und in seinem ursprünglichen Titel erst 1961 abgeschlossen. Das ist ein Hinweis darauf, welche Dimension das Alterswerk hatte, das die Brüder als belastende Verpflichtung gemeinsam vorbereiteten.

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