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Werkseintrag · Hänsel und Gretel
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Cover Hänsel und Gretel
Hänsel und Gretel
1812
– Werkseintrag –

Hänsel und Gretel

1812 · Märchen

Zwei Kinder, im Wald ausgesetzt und dem Hunger überlassen, geraten an ein Häuschen aus Brot und Zucker – und in die Hände dessen, der darin wohnt.

Überblick↑

Zu den bekanntesten deutschen Märchen zählt Hänsel und Gretel. Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an fünfzehnter Stelle und trägt dort die Nummer KHM 15. In der Fachwelt wird es dem Erzähltyp ATU 327A zugeordnet. Ab der zweiten Auflage schrieb sich der Titel eine Zeit lang „Hänsel und Grethel“. Ludwig Bechstein übernahm die Geschichte später in sein Deutsches Märchenbuch. Erzählt wird vom Hunger einer armen Familie, von zwei ausgesetzten Kindern und von einer Hexe im Wald. Es ist ein Stoff, der bis heute immer wieder neu erzählt und verfilmt wird.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zwei Kinder eines armen Holzfällers leben mit Vater und Mutter am Rand eines Waldes. Als die Not im Haus zu groß wird, drängt die Mutter ihren Mann, die beiden Kinder tief im Wald zurückzulassen. Der Vater fügt sich schweren Herzens.

Hänsel aber hat die Eltern belauscht. Auf dem Weg in den Wald streut er heimlich kleine weiße Steine aus. An ihnen finden die Geschwister im Mondlicht wieder nach Hause. Der erste Versuch, sie loszuwerden, scheitert darum. Beim zweiten Mal jedoch bekommen die Kinder nur noch ein Stück Brot mit. Hänsel zerbröckelt es und legt eine Spur aus Krumen. Doch die Vögel picken sie auf. Nun finden die beiden den Rückweg nicht mehr und irren durch den Wald.

Am dritten Tag stoßen sie auf ein Häuschen, das ganz aus Brot, Kuchen und Zucker gebaut ist. Hungrig brechen sie Stücke davon ab. Doch in dem Haus wohnt eine Hexe, die es auf die Kinder abgesehen hat. Sie stellt sich zunächst freundlich und lässt die beiden nicht mehr fort.

Die Handlung im Detail↑

In einer Zeit großer Teuerung lebt ein armer Holzhauer mit seinen zwei Kindern und deren Mutter am Wald. Als der Hunger übermächtig wird, überredet die Frau den Mann, die Kinder tief im Wald auszusetzen. In den ältesten Fassungen ist es die leibliche Mutter, die das betreibt; erst in den späteren Ausgaben der Brüder Grimm wird daraus eine Stiefmutter.

Hänsel hört das Gespräch mit an. Beim ersten Gang in den Wald legt er eine Spur aus weißen Kieselsteinen und führt die Geschwister damit sicher zurück. Beim zweiten Mal aber ist die Tür verschlossen, und er hat nur noch Brot, das er zerbröckelt. Damit der Vater die Kinder länger arglos glaubt, bindet er einen Ast an einen Baum, dessen Schlagen im Wind wie Axtschläge klingt. Die Brotkrumen werden von Vögeln gefressen, und die Kinder verirren sich.

Am dritten Tag finden sie das Häuschen aus Brot, Kuchen und Zucker und beginnen davon zu essen. Aus dem Haus ruft es: „Knuper, knuper, kneischen, wer knupert an meinem Häuschen?“ Die Kinder antworten: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“ Die Hexe, die darin wohnt, ist eine Menschenfresserin. Sie fängt die beiden, macht Gretel zur Dienstmagd und sperrt Hänsel in einen Stall, um ihn zu mästen und später zu verspeisen.

Die halbblinde Hexe befühlt Hänsels Finger, um zu prüfen, ob er schon fett genug ist. Er aber streckt ihr jedes Mal einen kleinen Knochen entgegen, sodass sie meint, er bleibe mager. Schließlich verliert sie die Geduld und will ihn sofort braten. Sie befiehlt Gretel, in den heißen Ofen zu sehen. Gretel stellt sich ungeschickt und behauptet, sie sei zu klein dafür. Als die Hexe selbst nachschaut, stößt Gretel sie in den Ofen.

Die Kinder nehmen die Schätze aus dem Hexenhaus mit. In der frühen Fassung finden sie geradewegs zurück zum Vater. In der erweiterten Fassung von 1819 stehen sie zunächst vor einem Gewässer, das sie nicht überqueren können; eine weiße Ente trägt sie hinüber, dann wird ihnen die Gegend vertraut. Zu Hause ist die Mutter inzwischen gestorben. Von nun an leben Vater und Kinder ohne Hunger glücklich zusammen.

Stil↑

Knapp und streng gebaut, lebt die Erzählung von klaren Gegensätzen. Elternhaus und Hexenhaus, Innen und Außen, Hunger und Mästung, Trennung und Wiedersehen stehen einander gegenüber und ordnen die Welt in Gut und Böse. Das Geschehen schreitet in festen Wiederholungen voran: zweimal werden die Kinder ausgesetzt, dreimal führt der Weg tiefer in den Wald.

Prägend sind die eingestreuten Verse und Klangspiele. Der lautmalerische Ruf der Hexe „Knuper, knuper, kneischen, wer knupert an meinem Häuschen?“ und die Antwort „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“ haben sich fest eingeprägt. In der Wortwahl klingt die Frömmigkeit der Zeit an, etwa in Hänsels Trost „Schlaf nur, lieb Gretel, der liebe Gott wird uns schon helfen“.

Wilhelm Grimm feilte über die Auflagen hinweg immer weiter am Text. Er baute die Dialoge im Hexenhaus aus, fügte den Kindern feste Namen bei und ergänzte anschauliche Züge. Dazu gehören der Ast, der im Wind die Axtschläge des Vaters vortäuscht, und die Beschreibung der Hexe mit den roten Augen, die schlecht sieht, aber eine feine Witterung hat. So gewann die schlichte Volkserzählung nach und nach ihre wirkungsvolle, gerundete Gestalt.

Rezeption↑

Schon bald nach dem Erstdruck wurde das Märchen weit verbreitet und in andere Sammlungen übernommen. Franz von Pocci erzählte und illustrierte es neu. 1844 erschien es im Deutschen Volkskalender von Friedrich Wilhelm Gubitz. Ludwig Bechstein nahm es in sein Deutsches Märchenbuch auf und wich dabei in einigen Zügen von den Brüdern Grimm ab. Bei ihm stirbt die Mutter nicht, sondern bereut die Aussetzung. Ein Vogel leitet die Kinder zum Haus und warnt Gretel vor dem Ofen, ein Schwan trägt sie am Ende heim.

Bis in die Gegenwart hat der Stoff Bühne und Leinwand beschäftigt. Immer wieder entstanden Verfilmungen, außerdem eine musikalische Bühnenfassung. Der Wandel von der leiblichen Mutter zur Stiefmutter wurde dabei oft mitgedacht. In den frühen Fassungen setzt die eigene Mutter die Kinder aus, weil die Familie zu verhungern droht. Dieser Zug gibt dem Märchen eine sozialkritische Note.

Immer wieder wurde die Geschichte auch gedeutet. Aus historischer Sicht spiegelt sie drei Verbrechen, die in der Frühen Neuzeit denkbar waren: das Aussetzen der Kinder in einer Zeit von Teuerung und Krieg, die Vorstellung von Menschenfresserei in Hungerjahren und die Tötung der vermeintlichen Hexe im Backofen. Wirklich erfunden sei allein das Lebkuchenhaus. Psychologisch orientierte Ausleger wie Bruno Bettelheim lasen im Anfang die kindliche Angst, von den Eltern verstoßen zu werden und verhungern zu müssen. Hedwig von Beit deutete die Hexe als „Große Mutter“. So blieb das Märchen über zwei Jahrhunderte ein Text, an dem sich Erzähler, Künstler und Deuter immer wieder abgearbeitet haben.

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