Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Der abenteuerliche Simplicissimus
Eingang · Werke · Der abenteuerliche Simplicissimus
Cover Der abenteuerliche Simplicissimus
Der abenteuerliche Simplicissimus
1668
– Werkseintrag –

Der abenteuerliche Simplicissimus

1668 · Roman

Ein einfältiger Hirtenjunge gerät in den Strudel des Dreißigjährigen Krieges und lernt auf seinem Weg durch eine aus den Fugen geratene Welt Aufstieg wie Abgrund kennen.

Überblick↑

Der Roman Der abenteuerliche Simplicissimus ist das Hauptwerk von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Er erschien im Jahr 1668. Das Titelblatt ist auf 1669 datiert. Er gilt als eines der wichtigsten deutschsprachigen Prosawerke des Barocks und als der erste Abenteuerroman in deutscher Sprache.

Das Buch gehört zur Gattung des Schelmenromans, der aus Spanien stammt. Das spanische Wort pícaro bedeutet „Schelm“. Diese Form arbeitet mit den Mitteln der Satire und wurde damals dem „niederen“ Genre zugerechnet. Zugleich erfüllt der Roman aber auch Ansprüche der „hohen“ Literatur. Denn sein Held ist von adliger Herkunft, gebildet und spricht über Bücher.

Erzählt wird der Lebensweg eines Jungen, der im Dreißigjährigen Krieg als Kind von Soldaten verschleppt wird. Er bringt es bis zum Offizier, wechselt mehrfach die Seiten und wendet sich am Ende von der Welt ab. Grimmelshausen veröffentlichte das Werk unter dem Pseudonym German Schleifheim von Sulsfort, einem Anagramm seines eigenen Namens. Auch der Name des Helden, Melchior Sternfels von Fuchshaim, ist beinahe ein solches Buchstabenrätsel. Der Roman trägt stark autobiographische Züge, ist aber kein Schlüsselroman.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein Bauernjunge wächst so einfältig auf einem Hof im Spessart auf, dass er nicht einmal seinen eigenen Namen kennt. Als er beim Schafehüten auf seiner Sackpfeife spielt, lockt er einen Trupp verirrter Soldaten an. Die Männer plündern den Hof, foltern, morden und brandschatzen. Der Junge flieht in den Wald und verliert dabei seine Familie.

Nach tagelangem Umherirren nimmt ihn ein alter Einsiedler auf, der ihn Simplicius nennt – den „Einfältigen“. Er unterweist ihn im christlichen Glauben und bringt ihm Lesen und Schreiben bei. Doch die friedliche Waldeinsamkeit hat keinen Bestand. Simplicius wird bald in die zerstörte Welt des Dreißigjährigen Krieges hinausgestoßen.

Von nun an führt ihn sein Weg durch die Wirren des Krieges. Er gerät an Höfe und in Belagerungen, muss sich als Narr verstellen, wird gefangen und entkommt wieder. Immer wieder steht er zwischen den Fronten und muss sich mit List durchschlagen. Der Roman erzählt, wie ein arglos-einfältiges Kind in einer aus den Fugen geratenen Welt seinen Platz sucht. Dabei lernt es Aufstieg wie Abgrund kennen.

Die Handlung im Detail↑

Als Zehnjähriger hütet Simplicius das Vieh auf dem Hof seiner vermeintlichen Eltern, die er im Spessart-Dialekt „Knan“ (Vater) und „Meuder“ (Mutter) nennt. Sein Sackpfeifenspiel lockt Soldaten an, die den Hof überfallen, den Knecht foltern, die Frauen schänden und alles niederbrennen. Auf Rat der misshandelten Magd flieht der Junge in den Wald und wird so von seiner Familie getrennt. Ein alter Einsiedler nimmt ihn auf, gibt ihm den Namen Simplicius und lehrt ihn den christlichen Glauben sowie Lesen und Schreiben.

Nach zwei Jahren kündigt der Einsiedler, den Simplicius inzwischen als Vater ansieht, seinen nahen Tod an und bittet den Jungen, ihn zu begraben. Später findet Simplicius das nahe Dorf niedergebrannt vor. Erschüttert von der Heillosigkeit der Welt will er selbst Einsiedler werden. Doch nach der Schlacht bei Nördlingen plündern Soldaten auch seine Hütte. In ihr entdeckt er einen letzten Brief des Einsiedlers, der ihm rät, den Wald zu verlassen, und ihm drei Leitlinien als Vermächtnis mitgibt: Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und Beständigkeit.

Über das verwüstete Gelnhausen gelangt Simplicius nach Hanau. Dort wird er zunächst als Spion verdächtigt, mit Hilfe des Stadtpfarrers aber freigelassen. Er erfährt, dass der Einsiedler früher ein Offizier und der Schwager des Gouverneurs war. Simplicius wird zum Pagen des Gouverneurs, und es zeigt sich, dass das vermeintliche Waisenkind in Wahrheit dessen Neffe ist – der Sohn seiner verschollenen Schwester und des Einsiedlers. Das höfische Leben aber empfindet Simplicius als heuchlerisch und gottlos, und man hat wenig Verständnis für seine Einfalt.

Er verliert die Gunst des Gouverneurs und soll durch ein Ritual zum Narren gemacht werden: Tagelang sperrt man ihn mit maskierten „Teufeln“ in einen Keller und zwingt ihn, viel Alkohol zu trinken. Vom Pfarrer gewarnt, widersteht er der geplanten Verwandlung. Fortan trägt er zwar ein Narrenkostüm aus Kalbsfellen und Eselsohren, bleibt aber verständig und stellt sich nur närrisch. Kroatische Soldaten nehmen ihn gefangen, doch er entkommt. Nach einer Hexentanzszene gelangt er vor das belagerte Magdeburg, wo ihn ein kaiserlicher Oberst als Narr übernimmt. Dort schließt er Freundschaft mit dem Hofmeister Ulrich Hertzbruder und dessen gleichnamigem Sohn.

In der Schlacht bei Wittstock flieht Simplicius mit Hilfe des jungen Ulrich, der inzwischen für Schweden kämpft; Ulrich selbst gerät durch seinen Ehrgeiz in Gefangenschaft. Simplicius rettet sich als Diener eines Dragoners in ein Frauenkloster bei Soest. Als sein Herr stirbt, wird er selbst Soldat und macht als „Soester Jägerken“ durch kühne Beutezüge Ruhm und Vermögen, begeht dabei aber zahllose Untaten und kommt stets ungeschoren davon. Einem Nachahmer, dem „Jäger von Werl“, lauert er nachts auf und droht ihm den Tod an, falls er weiter in Jägerkluft raube.

Bei einem verbotenen Duell besiegt Simplicius zwei Soldaten und wird festgenommen, handelt sich die Freilassung aber aus, indem er dem General eine List zur unblutigen Einnahme einer Stadt vorschlägt. Danach verprasst er sein Geld und verliebt sich in die Tochter des Obersten. Über Köln reist er nach Paris, wo er als Opernsänger und Liebhaber reich wird. Eine schwere Krankheit und ein Raubüberfall bringen ihn um alles; als Quacksalber kommt er wieder zu Geld, bis ihn Musketiere zum Kriegsdienst zwingen.

Bei einem Spähmanöver kentert sein Schiff auf dem Rhein; im letzten Moment wird er gerettet. Erneut als Soldat eingezogen und gefangen genommen, fällt er einem Räuber in die Hände, der sich als sein alter Feind Olivier – der frühere „Jäger von Werl“ – entpuppt. Eine Weile plündern beide gemeinsam, bis Soldaten sie in einem Wirtshaus stellen. Olivier stirbt im Kampf, Simplicius entkommt und trifft wieder auf Ulrich Hertzbruder.

Gemeinsam wollen sie zur Buße nach Einsiedeln wallfahren. Simplicius geht nur widerwillig mit, staunt aber über den Wohlstand der friedlichen Schweiz, während das Reich unter Krieg, Hunger und Elend leidet. Danach kehrt er in den Kriegsdienst zurück. Am Mummelsee erscheint ihm der König der Wassergeister und schenkt ihm einen Stein, der eine Heilquelle sprudeln lässt. Simplicius will ein Heilbad gründen, legt den Stein aber versehentlich beim Schlafengehen ab und verliert so das Vermögen. Verdrossen zieht er sich auf einen Bauernhof zurück und studiert allerlei Künste.

Truppen nehmen ihn gefangen und verschleppen ihn nach Moskau, wo er dem Zaren die Pulverherstellung zeigt und dafür freikommt. Doch Tataren verschleppen ihn nach Korea; als Lehrer der Schießkunst darf er die Rückreise antreten und erlebt Abenteuer in Japan, Macau, Ägypten, Konstantinopel und Rom. Piraten verkaufen ihn als Galeerensklaven, ehe er schließlich heimkehrt. Bei einem Waldspaziergang berührt er ein Steinbild, das sich in immer neue Dinge und Tiere verwandelt und zuletzt als Vogel davonfliegt (Baldanders). Simplicius deutet dies als göttliches Zeichen und will nach Santiago de Compostela pilgern.

Doch das Schiff kentert, und Simplicius rettet sich mit einem Schiffszimmermann auf eine Insel, die reich an Obst, Geflügel und Wasser ist. Nachdem sich der Zimmermann am Palmwein zu Tode getrunken hat, wird Simplicius zum Einsiedler und schreibt sein Leben nieder. Als Jahre später ein holländisches Schiff vorbeikommt, übergibt er dem Kapitän seinen Lebensbericht; dessen Schlusswort bildet das letzte Kapitel des Buches. Wie Simplicius die Insel verlässt, bleibt offen – in der Erzählung Springinsfeld, die später spielt, kehrt er überraschend zurück.

Stil↑

Erzählt wird der Roman als scheinbare Lebensbeichte aus der Ich-Perspektive des Helden. Diese vorgetäuschte Selbstdarstellung wird jedoch bewusst untergraben. Der Leser soll den Bericht nicht schlicht als Autobiografie lesen. Grimmelshausen treibt dieses Spiel mit der Identität schon auf dem Titelblatt. Der Verfassername ist ein Anagramm, also ein verschlüsseltes Buchstabenrätsel. Auch der Name des Helden ist beinahe ein solches.

Der Aufbau folgt dem Schema des Schelmenromans und gliedert sich in drei Stufen. Am Anfang steht das prägende Erlebnis des Überfalls. Dann folgt eine Reise in Episoden quer durch die Gesellschaft der Zeit. Und schließlich blickt der Held nachdenklich auf sein Schelmenleben zurück. Durchgängiges Leitmotiv ist die Ernüchterung. Immer wieder erweist sich, was verlockend schien, als trügerisch. Mit den Mitteln der Satire hält der Roman der Kriegswelt einen Spiegel vor und verbindet derbe Komik mit ernster Wahrheit.

Auffällig ist die Rolle der Musik. Sie ermöglicht dem Helden den sozialen Aufstieg, bis sie unversehens verstummt. Simplicius beginnt die Musik zu hassen und zerstört seine Laute. Damit ist ein Wendepunkt gesetzt, nach dem er sich der Theologie und der Dichtung zuwendet. Am Ende erscheint der schreibende Simplicius fast als von Gott begnadeter Dichter. Zu den einprägsamsten Bildern gehört die Baldanders-Episode mit dem sich unablässig verwandelnden Steinbild. Der abschließende Aufenthalt auf der einsamen Insel gilt als erste Robinsonade der deutschen Literatur – lange vor dem berühmten Inselroman von Daniel Defoe.

Rezeption↑

Der Roman hat eine gewaltige Wirkungsgeschichte. Über die Jahrhunderte hinweg hat er immer wieder Künstler angeregt. Besonders reich ist seine Illustrationsgeschichte seit der frühen Moderne. Gepflegt wird dieses Erbe im Simplicissimus-Haus in Renchen. In jüngerer Zeit wurde das Werk in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher und in die ZEIT-Schülerbibliothek aufgenommen.

Auch die Musik hat sich des Stoffes vielfach angenommen. Johann Strauss vertonte ihn in seiner 1887 uraufgeführten Operette Simplicius nach einem Libretto von Victor Léon. Dort erscheint der Held als „Narr in Christo“ und „weiser-wissender Narr“. Ludwig Achilles Mauricks Oper Simplicius Simplicissimus wurde 1938 in Düsseldorf uraufgeführt. Karl Amadeus Hartmann schuf seine Oper Des Simplizius Simplizissimus Jugend, die 1949 in Köln szenisch uraufgeführt wurde. Sie entstand im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft und im Geist einer neuen, humanen Gesellschaftsordnung.

Auch Film und Rundfunk griffen den Stoff auf. Fritz Umgelter verfilmte den Roman 1975 für das ZDF, und das DDR-Bildungsfernsehen widmete ihm eine kürzere Bearbeitung. Über die Jahre entstanden zahlreiche Hörspiele und Hörbücher, darunter aufwändige Vollfassungen für den Rundfunk. Als Zeugnis seiner anhaltenden Lebendigkeit lässt Grimmelshausen den Helden in der später spielenden Erzählung Springinsfeld noch einmal auftreten.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten