1869
Der Spleen von Paris
Überblick↑
Mit Le Spleen de Paris hinterließ Charles Baudelaire eine Sammlung von fünfzig kurzen Prosagedichten. Gedruckt erschienen sie erst zwei Jahre nach seinem Tod, 1869. Das Buch ist auch unter dem Titel Petits Poèmes en prose bekannt. Es gilt als einer der Gründungstexte der literarischen Moderne. Baudelaire selbst beschrieb sein Vorhaben als Fortsetzung der Fleurs du mal – „dieselben Blumen des Bösen, nur mit mehr Freiheit, viel mehr Detail und viel mehr Spott". Anregung holte er sich bei Aloysius Bertrands Gaspard de la nuit. Dieses Buch hatte er nach eigenen Worten mindestens zwanzigmal gelesen, bevor er selbst zur Feder griff. Anders als Bertrand verlegte Baudelaire die Schauplätze jedoch in das Paris seiner eigenen Zeit. Es war eine Großstadt, die sich rasant modernisierte und in der Reichtum und Elend Tür an Tür wohnten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Fünfzig kurze Prosastücke führen den Leser durch ein Paris. Dieses Paris besteht nicht aus eleganten Boulevards, sondern aus Hinterhöfen, ärmlichen Vierteln, Cafés, Kneipen und einsamen Zimmern. Mal beobachtet der Sprecher eine bettelarme Familie, die durch das Fenster in ein neu eröffnetes Café blickt. Mal verliert er sich im Strom der Menge. Mal spricht er mit einer Geliebten, mit einem Hund, mit dem eigenen Spiegelbild. Es gibt keinen durchlaufenden Helden, keine fortlaufende Handlung und keinen festgelegten Schluss. Jedes Stück steht für sich. Baudelaire selbst lädt seinen Leser im Vorwort ausdrücklich dazu ein, das Buch an beliebiger Stelle aufzuschlagen, einzelne Stücke herauszugreifen und wieder beiseitezulegen. Es habe weder Kopf noch Schwanz, oder vielmehr sei alles in ihm zugleich Kopf und Schwanz. Wer das Buch zur Hand nimmt, betritt eine Folge von Szenen, Träumen und Stimmungen. In ihnen liegen Lust, Müdigkeit, Spott und plötzliche Anteilnahme dicht beieinander.
Die Handlung im Detail↑
Eine durchgehende Handlung im üblichen Sinn besitzt Le Spleen de Paris nicht. Die fünfzig Stücke folgen keiner festen Ordnung, haben weder Anfang noch Ende und lassen sich wie Gedanken oder kleine Erzählungen in einem inneren Bewusstseinsstrom lesen. Was die Sammlung zusammenhält, sind wiederkehrende Schauplätze, Stimmungen und Themen.
Immer wieder steht die Großstadt im Mittelpunkt, vor allem ihre ärmeren Viertel. In Die Augen der Armen beobachtet der Sprecher mit seiner Geliebten von einem neuen Café aus eine Familie aus dem Elendsviertel, die staunend hereinblickt; er gesteht, daß ihn nicht nur die Augen dieser Familie rührten, sondern daß er sich auch der eigenen Gläser und Karaffen schäme, die größer seien als der Durst. Stücke wie Das Spielzeug des Armen, Falschgeld und Schlagen wir die Armen tot kehren auf je eigene Weise zum sozialen Gefälle der Stadt zurück – mal mitfühlend, mal in beißend ironischem Ton, der die Empörung des Lesers wachrufen soll. In Menschenmengen und Der alte Gaukler tritt der Sprecher als nachdenklicher Beobachter auf, der sich in das Treiben verliert und doch außerhalb steht.
Ein zweites großes Feld ist die Lust. Stücke wie Das doppelte Zimmer, Eine Halbkugel im Haar oder Versuchungen sprechen offen oder verhüllt von Sinnlichkeit, Verführung und Sünde. In Das doppelte Zimmer hängt der Musselin „in einer Schneekaskade" über Fenstern und Bett, in dem das „Idol, die Königin der Träume" ruht. Verwandt damit ist das Lob des Rausches: Berauscht euch fordert den Leser auf, sich ständig zu berauschen – an Wein, an Dichtung, an Tugend, ganz wie man wolle –, weil die Zeit sonst die Schultern niederdrücke. Ob das wörtlich gemeint ist oder ob Baudelaire ironisch die Trunkenheit gegen die geduldige Arbeit ausspielt, ist in der Forschung umstritten.
Frauen erscheinen in vielen Stimmungen: bewundert in Die Lust zu malen, aber häufig auch als kalt, eitel oder käuflich gezeichnet. In Der Strick hängt sich der junge Gehilfe des Sprechers auf; als seine Mutter kommt, um den Strick zu holen, glaubt der Erzähler, sie wolle ihn als schmerzliches Andenken bewahren – tatsächlich gedenkt sie ihn zu verkaufen, weil sich mit dem Strick eines Selbstmörders Geld machen läßt. An die Stelle mütterlicher Liebe tritt eine nüchterne wirtschaftliche Rechnung.
Andere Stücke kreisen um Religion und um die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei. In Der Kuchen bricht zwischen zwei Kindern ein Kampf um ein Stück Brot aus, der die hohen Ideale des Sprechers Lügen straft. Der Heiligenschein verloren zeigt einen Dichter, der seinen Heiligenschein in den Straßenkot fallen läßt und darüber merkwürdig erleichtert ist – ein spöttischer Abgesang auf die hehre Würde des Künstlers. Immer wieder rührt Baudelaire daran, daß höherer Stand nicht zugleich höhere Sittlichkeit bedeutet.
Über allem liegt das Thema der vergehenden Zeit und der eigenen Sterblichkeit. Schon! endet mit dem Ausruf des Sprechers, er habe sich nicht etwa erleichtert, sondern todwärts gezogen gefühlt: Wenn die Gefährten „Endlich!" riefen, habe er nur „Schon!" sagen können. Lust, Frau, Rausch und Dichtung erscheinen vor diesem Hintergrund als Fluchtwege – Augenblicke, in denen die Zeit für einen Atemzug aufgehoben scheint.
Eine besondere Rolle spielt schließlich das Verhältnis von Dichter und Leser. In der Widmung an Arsène Houssaye, die der Sammlung vorangestellt ist, lädt Baudelaire seinen Verleger und seinen Leser dazu ein, das Werk wie eine Schlange zu zerteilen: Man könne einen Wirbel herausziehen, und die beiden Hälften der Phantasie fänden mühelos wieder zusammen. In Der Hund und das Fläschchen hält der Sprecher seinem Hund ein feines Parfüm hin; das Tier wendet sich angeekelt ab und sucht lieber den Geruch von Unrat – worauf der Erzähler bitter feststellt, das Publikum verhalte sich nicht anders, man dürfe ihm nur gut ausgesuchten Mist vorsetzen. So endet das Buch nicht mit einem großen Schluß, sondern mit dem Bild eines Dichters, der seine Leser zugleich umwirbt und verspottet.
Stil↑
Stilistisch markiert Le Spleen de Paris einen entschiedenen Bruch mit der überlieferten Versdichtung. Baudelaire schreibt in „Prosagedichten". Das sind kurze Stücke, die zwischen erzählender Prosa und Lyrik stehen und sich keiner der beiden Formen ganz unterordnen. Im Vorwort beschreibt er das Ziel selbst: eine „poetische Prosa, musikalisch ohne Rhythmus und ohne Reim, geschmeidig genug und stoßkräftig genug, um sich den lyrischen Regungen der Seele, den Wellen der Träumerei, den jähen Sprüngen des Bewußtseins anzuschmiegen". Genau diese Sprache versucht er einzulösen.
Die einzelnen Stücke schwanken bewußt in der Tonlage. Manche sind betont lyrisch, fast traumhaft – etwa Abenddämmerung. Andere wirken nüchtern erzählend, beinahe anekdotisch wie Der schlechte Glaser. Anschauliche Bilder aus dem Alltag der Großstadt stehen neben kurzen Reflexionen, plötzlichen Ausrufen und ironischen Pointen. Die Stücke folgen keinem Reim und keinem festen Versmaß. Ihre Wirkung beruht auf Bildkraft, Rhythmus des Satzes und der überraschenden Wendung am Schluß. Auch die Themen der Fleurs du mal kehren wieder, doch in freierer, ausführlicherer und spöttischerer Form.
Rezeption↑
Erst nach Baudelaires Tod 1869 wurde Le Spleen de Paris als geschlossener Band veröffentlicht. Heute gilt es als einer der Schlüsseltexte der literarischen Moderne. Die Form des Prosagedichts baute Baudelaire im Anschluß an Aloysius Bertrand zu einer eigenen Gattung aus. Zahllose spätere Dichter in Frankreich und darüber hinaus griffen sie auf. Spätere Sammlungen wie Francis Ponges Le parti pris des choses sind ohne diesen Schritt kaum denkbar. Baudelaire warf einen schonungslosen Blick auf das moderne Paris, auf Armut, Klassengrenzen und die Risse der bürgerlichen Selbstgewißheit. So lieferte er ein Bild der Großstadt, das die Literatur des späten 19. und des 20. Jahrhunderts tief geprägt hat. Die Forschung diskutiert bis heute, wie ernst seine Lobreden auf den Rausch zu nehmen sind und wie tief seine Anteilnahme an den Armen reicht. Dieser Streit zeigt, daß der Band auch lange nach seinem Erscheinen seine Spannung nicht verloren hat.
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