1898
Der Stechlin
Überblick↑
Der letzte Roman Theodor Fontanes erschien 1898. Es ist das Alterswerk eines Erzählers, der den Wandel seiner Epoche aus der Ruhe einer märkischen Landschaft heraus betrachtet. Der Stechlin trägt den Namen eines Sees im Kreis Ruppin. An dessen Ufer lebt das alte Adelsgeschlecht der Stechline. Im Mittelpunkt steht der alte Dubslav von Stechlin. Diese Hauptfigur ist mit großer Sympathie gezeichnet, und in ihr sind Züge des Autors selbst zu erkennen. Fontane starb wenige Wochen vor dem Erscheinen des Buches. Was bleibt, ist ein leiser, skeptisch-versöhnlicher Roman. In ihm kommt das Alte mit dem Neuen ins Gespräch.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist Schloss Stechlin in der Mark Brandenburg. Dort führt der sechsundsechzigjährige, verwitwete Dubslav von Stechlin als Major außer Dienst ein zurückgezogenes Leben. Er ist von freundlichem Wesen und hört gern eine freie Meinung, je drastischer und ungewöhnlicher, desto besser. Sein einziger Sohn Woldemar ist Offizier der Garde-Dragoner in Berlin. Er besucht den Vater mit zwei Kameraden, dem Ministerialassessor Rex und dem Hauptmann von Czako.
Um das Schloss versammelt sich eine Welt voller Gestalten. Da ist der Oberförster Katzler. Da ist das zugezogene Mühlenbesitzer-Ehepaar von Gundermann, das vom alteingesessenen Adel skeptisch beäugt wird. Und da ist Pastor Lorenzen, der sozialdemokratische Gedanken nicht scheut. Aus zahlreichen Gesprächen entfaltet sich ein leise melancholisches Bild der Zeit. Darin werden konservative Sichtweisen gegen neue, liberale und sozialdemokratische Strömungen abgewogen.
In Berlin lernt Woldemar das Haus des verwitweten Grafen Barby kennen. Der Graf lebt mit seinen beiden Töchtern Melusine und Armgard. Melusine ist über dreißig, geschieden, gebildet und schlagfertig und vertritt freimütig ihre Ansichten. Die jüngere Armgard ist still und zurückhaltend. Woldemar fühlt sich von beiden Frauen wie auch vom Grafen angezogen und verkehrt häufig im Haus. Daneben rückt eine Reichstags-Nachwahl näher. Für sie wird Dubslav als konservativer Kandidat gewonnen. Wie sich die persönlichen Bindungen entwickeln und wie der alte Stechlin in den Lauf einer neuen Zeit hineingestellt wird, entfaltet der Roman in vielen ruhig geführten Szenen.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung kreist um das alte märkische Adelsgeschlecht von Stechlin, dessen Sitz am Großen Stechlinsee im Kreis Ruppin liegt. Fontane selbst hat den Gang der Ereignisse ironisch zusammengefasst: „Zum Schluß stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht."
Der sechsundsechzigjährige, verwitwete Dubslav von Stechlin, Major außer Dienst, lebt auf dem fiktiven Schloss Stechlin. Sein einziger Sohn Woldemar, Garde-Dragoner-Offizier in Berlin, besucht ihn mit den Freunden Rex und Czako. Im Lauf des Romans tritt eine ganze Reihe weiterer Figuren auf: der mit einer Prinzessin verheiratete Oberförster Katzler, das zugezogene Ehepaar von Gundermann und Pastor Lorenzen, der sozialdemokratischem Gedankengut zuneigt und ein Anhänger des portugiesischen Reformpädagogen João de Deus ist. In zahlreichen Gesprächen werden aktuelle Ereignisse erörtert und alte, konservative Auffassungen gegen neue, liberale und sozialdemokratische Tendenzen abgewogen. Auf der Rückreise nach Berlin besuchen Woldemar und seine Freunde Dubslavs Halbschwester Adelheid im Kloster Wutz, einem Damenstift, das sie streng und erzkonservativ führt; die liberalen Ansichten ihres Bruders missbilligt sie.
In Berlin lebt der ebenfalls verwitwete Graf Barby mit seinen beiden Töchtern. Melusine, über dreißig, nach kurzer Ehe geschieden, trägt nun den Nachnamen Ghiberti. Sie ist gebildet, schlagfertig und freimütig. Ihre jüngere Schwester Armgard ist still und tritt selten in Erscheinung. Woldemar fühlt sich vom Grafen wie von beiden Töchtern angezogen und verkehrt häufig im Haus. Melusine interessiert sich für Dubslav und die Geheimnisse um den Stechlinsee. Sie lädt Woldemar zu einer Dampferfahrt zum „Eierhäuschen" auf der Spree ein, an der auch ihr Vater, ihre Schwester und ein weiteres adliges Ehepaar teilnehmen. Am Ende dieser Fahrt deutet Melusine an, dass eine Verlobung anstehe.
Kurz darauf wird Dubslav bei einem Treffen in Stechlin als konservativer Kandidat für eine Nachwahl zum Reichstag aufgestellt. Die Wahl findet im Wahllokal in Rheinsberg statt und endet mit einem deutlichen Sieg des sozialdemokratischen Kandidaten. Dubslav ist insgeheim erleichtert, die Wahl verloren zu haben, und kehrt nach Stechlin zurück.
Bei einem weiteren Treffen im Haus des Grafen Barby teilt Woldemar mit, dass er zu einer Mission am britischen Königshaus berufen worden sei. Da der Graf und seine Töchter lange in England gelebt haben, ergibt sich ein lebhafter Austausch. Woldemar bricht für einige Wochen nach England auf. Nach seiner Rückkehr sucht er die Barbys auf. Armgard hat in dieser Zeit, vor die Frage gestellt, ob sie eher Elisabeth Tudor oder Maria Stuart zuneige, sich für Elisabeth von Thüringen entschieden und seither das Gefühl gehabt, mit Woldemar verlobt zu sein. Wenige Tage später sind die beiden tatsächlich verlobt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag fahren Melusine, Armgard und Woldemar für zwei Tage nach Stechlin, wo mit zahlreichen Gästen die Verlobung gefeiert wird. Im Gespräch unter vier Augen bittet Melusine Pastor Lorenzen, Woldemar weiterhin als Stütze zur Verfügung zu stehen. Die Hochzeitsfeier findet Ende Februar im Haus des Grafen Barby statt.
Nach seiner Rückkehr aus Berlin erkrankt Dubslav ernsthaft, während Woldemar und Armgard sich auf die Hochzeitsreise begeben. Adelheid besucht den Bruder; auch sterbenskrank bleibt er seinem Charakter treu. Um die strenge Schwester zur Abreise zu bewegen, nimmt er Agnes, ein uneheliches Kind von niederer Herkunft, bei sich auf, woraufhin Adelheid gereizt das Haus verlässt. Schließlich stirbt Dubslav. Bei der Beerdigung, die Pastor Lorenzen hält, sind Graf Barby und Melusine anwesend. Die Brautleute erfahren auf Capri vom Tod des Vaters und kehren nach Stechlin zurück. Sie leben kurze Zeit in Berlin, sehnen sich dann nach Stechlin und ziehen dorthin. Das Schlusswort gehört Melusine, die in einem Brief an Lorenzen an ihre Unterhaltung am zweiten Weihnachtsfeiertag erinnert, als sie sagte: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben."
Stil↑
Der Roman umfasst rund vierhundert bis fünfhundert Seiten. Er ist in neun Abschnitte mit eigener Überschrift gegliedert. Diese Abschnitte zerfallen in mehrere Kapitel, die durchlaufend von eins bis sechsundvierzig nummeriert sind.
Erzählerisch lebt das Buch nicht von einer dichten Handlung, sondern von Gesprächen. Leichthin geführte Unterhaltungen und tiefsinnige Aussprachen wechseln einander ab. Sie tragen die ganze Stimmung des Werks: die Melancholie einer Spätzeit, voll Skepsis und doch versöhnlich. Die märkische Landschaft mit dem Stechlinsee bildet den ruhigen Hintergrund. Vor ihm entfaltet sich das Geflecht aus Figuren. Statt zugespitzter Konflikte stellt Fontane Stimmen nebeneinander: konservative neben liberalen, sozialdemokratische neben streng kirchlichen. Dieses Abwägen verschiedener Sichtweisen wird von der Sympathie des Erzählers für seine Hauptfigur getragen. So gewinnt der Roman seinen unverwechselbaren, gelassenen Ton.
Rezeption↑
Der Roman Der Stechlin gilt als Fontanes letzter Roman und als ein Höhepunkt seines Spätwerks. Die mit großer Sympathie gezeichnete Hauptfigur Dubslav trägt Züge ihres Autors. Fontane starb im Monat vor der Veröffentlichung des Buches. Dieser Umstand prägt den Charakter des Werks als Vermächtnis bis heute.
Das Buch wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Den Essay über den Roman verfasste Peter Härtling. Eine Fernsehbearbeitung unter der Regie von Rolf Hädrich brachte den Stoff 1975 auf den Bildschirm. Bis heute wird Der Stechlin als versöhnliches Alterswerk gelesen. In ihm beschreibt ein leiser Erzähler den Übergang von einer alten in eine neue Zeit, ohne Partei zu ergreifen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →