1819 – 1898
Theodor Fontane
Kurzbiografie↑
Theodor Fontane gehört zu den großen Erzählern des deutschen Realismus. Sein umfangreiches Romanwerk entstand erst im fortgeschrittenen Lebensalter. Dazu zählen Frau Jenny Treibel, Effi Briest und Der Stechlin. Es begründete seinen Rang als epochaler Vertreter des bürgerlichen Zeitromans. Geboren wurde er 1819 in Neuruppin als Sohn einer hugenottischen Apothekerfamilie. Zunächst durchlief er eine vollständige Ausbildung zum Apotheker, ehe er sein Leben ganz dem Schreiben widmete. Daneben war er Balladendichter, Theaterkritiker, Journalist und Verfasser der Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Biografie↑
Heinrich Theodor Fontane kam am 30. Dezember 1819 in Neuruppin zur Welt. Seine Familie war französisch-reformierten Glaubens und hugenottischer Herkunft. Unter seinen 32 Ahnen waren, so vermerkt die Deutsche Biographie, dreizehn französischer und neunzehn deutscher Abstammung. Der Vater Louis Henri Fontane (1796–1867) besaß nacheinander Apotheken in Neuruppin, Swinemünde, Mühlberg an der Elbe und Letschin. Zuletzt lebte er als Privatmann bei Freienwalde. Der Großvater väterlicherseits, Pierre Barthélemy Fontane, war Maler, Zeichenlehrer der königlichen Prinzen und Kabinettsekretär der Königin Luise gewesen. Die Mutter Emilie, geborene Labry, stammte aus einer Berliner Kaufmannsfamilie. Laut der Deutschen Biographie verband sich im Vater südfranzösische Phantasie und Plauderkunst mit der nüchternen märkischen Sachlichkeit und Ordnungsliebe der Mutter. Beide Züge nahm der Sohn in sich auf.
Die Kindheit verbrachte Fontane in Neuruppin und Swinemünde. Sie hat er später in seinem Erinnerungsbuch Meine Kinderjahre (1894) geschildert. Der Vater führte ihn auf anekdotische Weise und über die historischen Romane Walter Scotts in die Geschichte ein. Damit weckte er jenen Sinn für das Historische, den die NDB als einen Grundpfeiler seiner geistigen Persönlichkeit beschreibt. Der schulische Unterricht hinterließ keine tieferen Eindrücke: der Hauslehrer in Swinemünde, das Gymnasium in Neuruppin von 1832/33 und die Berliner Gewerbeschule von 1833 bis 1836. Seine Bildung erwarb er sich, wie die Deutsche Biographie festhält, weitgehend als Autodidakt.
Am 1. April 1836 trat Fontane als Lehrling in eine Berliner Apotheke ein. Nach Abschluss der Lehre 1840 arbeitete er als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg, in Leipzig und Dresden sowie in der väterlichen Offizin in Letschin. Parallel dazu entwickelte er früh literarische Ambitionen. Bereits im Winter 1839/40 erschienen kleinere Dichtungen in einer Berliner Tageszeitung, und er schloss sich literarischen Vereinigungen an. Während seines einjährig-freiwilligen Militärdienstes in einem Berliner Garderegiment trat er der literarischen Sonntagsgesellschaft Der Tunnel über der Spree bei, die ihn als Dichter anerkannte. Diese Bestätigung bestärkte ihn darin, am 1. Oktober 1849 den Apothekerberuf endgültig aufzugeben und sein „Leben auf den Vers“ zu stellen.
In der Märzrevolution 1848 stand Fontane noch auf Seiten der Barrikadenkämpfer und trat in radikalen Artikeln für „Freiheit um jeden Preis“ ein. Schon Weihnachten 1849 jedoch veröffentlichte er die Sammlung Männer und Helden mit acht Preußenliedern, die die brandenburgisch-preußische Geschichte verklärten. Mehrere Gründe brachten ihn dazu, sich den wiedererstarkenden konservativen Kräften anzunähern: die Ziellosigkeit der demokratischen Politik, die finanzielle Not eines freien Schriftstellers und die im Oktober 1850 nach fünfjähriger Verlobung geschlossene Ehe mit Emilie Rouanet-Kummer. Im August 1850 übernahm er, wie die NDB notiert, „resigniert und verbittert“ eine Lektorenstelle im Literarischen Kabinett des reaktionären preußischen Innenministeriums. Ein Gesuch um eine Dichterpension wurde abgelehnt, weil man an seiner politischen Zuverlässigkeit zweifelte. Im November 1851 wurde er bei der staatlichen Zentralstelle für Preßangelegenheiten eingestellt.
Im April 1852 ging Fontane als ministerieller Journalist nach London. Aus den Korrespondenzberichten entstand 1854 das Buch Ein Sommer in London. Im August 1855 reiste er erneut im Regierungsauftrag dorthin, um eine deutsch-englische Korrespondenz aufzubauen. Nach dem Scheitern dieses Unternehmens wurde er Londoner Presseagent der preußischen Regierung. Er schrieb für angesehene englische Zeitungen und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze über England, die er 1860 in dem Band Aus England zusammenfasste. Im selben Jahr erschien sein schottisches Reisebuch Jenseit des Tweed. Als Pressereferent der Regierung und Redaktionsmitglied der Kreuzzeitung schuf er sich später Freiräume für die Wanderungen durch die Mark Brandenburg sowie für umfangreiche Darstellungen der deutschen Einigungskriege von 1864 bis 1871.
Bei Recherchen vor Ort in Frankreich gegen Ende des Deutsch-Französischen Krieges wurde Fontane unter Spionageverdacht verhaftet und musste um sein Leben fürchten. Nach der Freilassung wirkte er zwanzig Jahre lang als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung und begann nun sein eigentliches Romanwerk. Am 20. September 1898 starb er in Berlin. Sein Nachlass ist weit verstreut. Große Teile befinden sich heute im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv und in der Staatsbibliothek zu Berlin. Zur Hinterlassenschaft gehört auch eine außerordentlich umfängliche Briefkorrespondenz mit Familie und Bekannten. In ihr erscheinen, anders als in seinem öffentlichen Wirken, teils antijüdische Akzente. Diese stehen im Widerspruch zu seinen oft sehr guten persönlichen Beziehungen zu Juden.
Literarische Merkmale↑
Fontanes Schreiben lebt aus der Verbindung deutscher und französischer Wesenszüge. Nach der Deutschen Biographie werden sie schon im Klang seines Namens hörbar: zweisilbig mit französischem Nasallaut, aber mit deutscher Akzentuierung auf der ersten Silbe. Vom Vater übernahm er die phantasievolle Weltbetrachtung, die Plauderkunst und das gesellige Erzählen. Von der Mutter übernahm er den märkisch nüchternen Tatsachensinn, das unbestechliche Gefühl für das Echte und das Maß. Diese Mischung aus Anekdote und Genauigkeit, aus Plauderton und genauem Hinsehen wurde zur Signatur seines Werks.
Ein zweiter Grundpfeiler ist der historische Sinn. Schon der Vater hatte ihn anekdotisch und über die Romane Walter Scotts in die Geschichte eingeführt. Aus dieser frühen Prägung wurde, wie die NDB festhält, einer der Grundpfeiler seiner geistigen Persönlichkeit. Zugleich war Fontane stets ein aufmerksamer Beobachter und Analytiker seines Zeitgeschehens, von der polnischen Aufstandsbewegung 1830/31 bis zu den Einigungskriegen.
Das England-Erlebnis hat nach der Darstellung der Deutschen Biographie nicht nur seinen Blick erweitert. Es wurde zu einem entscheidenden Faktor seiner Entwicklung als Erzähler. In Dickens und Thackeray sah er seine Forderung an die moderne Dichtung bestätigt: die Wiedergabe der Wirklichkeit. Auch der journalistische Beruf verwies ihn durch die Pflicht zu geschärfter Beobachtung an die Realität. Bereits seine englischen und schottischen Reisebücher, Aus England und Jenseit des Tweed, weisen laut NDB jene impressionistischen Stilzüge auf, die später beim Romanautor wiederkehren.
Rezeption↑
Der Rang Fontanes als „epochaler Vertreter des zeitgenössischen Realismus“ gründet sich auf das umfangreiche Romanwerk seiner späten Jahre. Dazu zählen Frau Jenny Treibel, Effi Briest und Der Stechlin. Dass diese Bücher erst im fortgeschrittenen Lebensalter entstanden, gehört zu den Eigenheiten seines Werks und seiner Wirkung.
Im Wissenschaftsbetrieb ist Fontane breit verankert. Die Deutsche Biographie verzeichnet einen ADB-Artikel von Richard M. Meyer aus dem Jahr 1904 und einen NDB-Artikel von Kurt Schreinert aus dem Jahr 1961. Eine Vielzahl weiterer NDB-Bände erwähnt ihn im Zusammenhang mit Zeitgenossen, von Otto von Bismarck und Gerhart Hauptmann über Theodor Storm bis zu Fritz Reuter und Julius Rodenberg. Das belegt das dichte Beziehungsgeflecht, in dem sein Werk steht. Auch in der NDB-online tritt er bei Autoren wie Peter Huchel und Marcel Reich-Ranicki als Bezugsgröße auf. Das zeigt seine Nachwirkung in die Literatur und Literaturkritik des 20. Jahrhunderts hinein an.
Sein Nachlass wird heute vor allem im Potsdamer Theodor-Fontane-Archiv und in der Staatsbibliothek zu Berlin bewahrt. Diese Institutionen sichern seinen festen Platz in der Erinnerungskultur. Ein Schatten auf dem öffentlichen Bild liegt allerdings in den teils antijüdischen Akzenten seiner Briefe. Sie stehen in auffälligem Widerspruch zu seinen oft sehr guten persönlichen Beziehungen zu Juden und beschäftigen die jüngere Forschung.
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