1766
Liaozhai Zhiyi
Überblick↑
Unter dem Titel Liaozhai Zhiyi versammelte der chinesische Autor Pu Songling (1640–1715) rund fünfhundert Geschichten. Der Titel lässt sich ungefähr mit „Seltsame Geschichten aus dem Liao-Studierzimmer“ wiedergeben. In der chinesischen Literaturgeschichte gilt die Sammlung als Höhepunkt der klassischen Erzählung. Zugleich markiert sie deren Endpunkt: Nach Pu Songling wurden die wichtigen Erzählungen in der Umgangssprache Baihua verfasst.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine bunte Fülle von Stoffen findet sich in dieser Sammlung. Sie enthält Mythen und Legenden, Volksmärchen und Fabeln. Daneben stehen Anekdoten aus Pu Songlings eigener Zeit, Kriminalfälle und Begebenheiten des täglichen Lebens. Immer wieder geht es um außergewöhnliche Vorkommnisse und um Erscheinungen, die sich nicht mit dem Alltagsverstand erklären lassen.
Im Vorwort erklärt der Autor, worauf es ihm ankam: Er wollte die Wunder und das Erstaunliche im China seiner Gegenwart beschreiben. Die einzelnen Stücke sind kurz und in sich abgeschlossen. Wer das Buch aufschlägt, kann an fast jeder Stelle beginnen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Lebzeiten Pu Songlings kursierte das Werk nur in Manuskripten und Abschriften. Der erste Druck erschien 1766, also rund fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors. Aus diesem Grund gibt es heute eine Unmenge von Varianten der einzelnen Geschichten. Auch Pu Songlings eigenes Manuskript blieb nur zum Teil erhalten: Von den acht Bänden sind heute noch vier vorhanden.
Die Sammlung ist keine durchlaufende Erzählung mit einem Ende, sondern eine Reihung von rund fünfhundert einzelnen Stücken. Nebeneinander stehen wundersame Überlieferungen, Volksmärchen und Fabeln, zeitgenössische Anekdoten, Kriminalfälle, Szenen aus dem gewöhnlichen Leben sowie Berichte über seltsame Ereignisse und Beschreibungen aller Art. Übernatürliche Wesen treten dabei ganz selbstverständlich in die Welt der Menschen ein.
Einzelne Geschichten haben eigenständige Berühmtheit erlangt. Dazu zählt Das lachende Mädchen, das Günter Eich als Hörspiel bearbeitete. Auch die Vorlage für die Filmreihe A Chinese Ghost Story und für Painted Skin stammt aus dieser Sammlung.
Stil↑
Verfasst sind die Geschichten durchweg in klassischem Chinesisch, dem Wenyan. Pu Songling reichert diese Sprache jedoch mit umgangssprachlichen Elementen an, dem Baihua. Das geschieht vor allem in Dialogen, Scherzen, Streitigkeiten und gerichtlichen Verhören. Über diese umgangssprachlichen Wechselreden charakterisiert er auch seine Figuren.
Mit dieser Mischung schuf Pu Songling einen neuen Kurzgeschichtenstil. Vor ihm beschränkte sich ein solcher Stilmix vor allem auf die Lyrik, etwa bei Du Fu oder Li Bai. Erst mit dem Liaozhai Zhiyi lässt sich überhaupt von der Gattung einer chinesischen Kurzgeschichte sprechen.
Drei große Stilrichtungen bringt der Autor darin zusammen. Chuanqi sind romantische Erzählungen in Prosa, die ihren Höhepunkt in der Tang-Zeit hatten. Biji dagegen sind sachliche, kurz gehaltene Notizen; in dieser Form wurden Zhiguai-Geschichten oft aufgeschrieben. Zhiguai schließlich sind übernatürliche Erzählungen mit Wurzeln in der Han-Zeit und den Sechs Dynastien, die in der Tang-Zeit als eigene Gattung ihren Platz in der Literatur fanden. Meist handelt es sich um Sammlungen kurzer, einfacher Anekdoten in Prosa, in denen Bizarres nüchtern berichtet wird. Unter den Quellen, die Pu Songling verwendete, ist vor allem das Soushenji von Gan Bao zu nennen.
Rezeption↑
Als Höhepunkt der klassischen Erzählung gilt die Sammlung in der Literaturgeschichte Chinas. Zusammen mit dem Traum der roten Kammer zählt sie zu den bemerkenswertesten Werken der Literatur des 18. Jahrhunderts. Im Westen ist das Buch dagegen kaum bekannt. Das dürfte auch an der Übersetzungsbarriere liegen: Die literarischen Anspielungen und der ständige Wechsel zwischen Umgangssprache und klassischer Sprache lassen sich kaum ohne Verlust wiedergeben.
Eine Parallele bietet die Arbeit der Brüder Grimm, die etwa zur gleichen Zeit in Europa ihre Märchensammlungen zusammenstellten. Anders als Pu Songling veränderten diese ihre Geschichten allerdings nur geringfügig. Pu Songling hingegen formte aus den verschiedensten Quellen eigene Geschichten in ganz persönlichem Stil.
In ganz China genießen die Liaozhai-Geschichten bis heute große Beliebtheit. Davon zeugen zahlreiche Bearbeitungen für Theater und Film. Zu ihnen gehört die Filmtrilogie A Chinese Ghost Story aus den achtziger Jahren. Im Jahr 2008 kam der Film Painted Skin mit Donnie Yen in der Hauptrolle heraus. Günter Eich bearbeitete die Geschichte Das lachende Mädchen als Hörspiel; die Produktion des NDR entstand 1956.
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