1640 – 1715
Pu Songling
Kurzbiografie↑
Der chinesische Schriftsteller Pu Songling wurde 1640 in Zichuan in der Provinz Shandong geboren und starb dort 1715. Zu Lebzeiten blieb er ein armer Privatlehrer, der bei den kaiserlichen Prüfungen mehrfach scheiterte. Seinen Ruhm verdankt er einer Sammlung von 431 Erzählungen, dem Liaozhai Zhiyi, auf Deutsch „Seltsame Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer“. Darin treten Fuchsgeister, Krähen und Blumen in Menschengestalt auf, doch zugleich kommen die Nöte der eigenen Zeit zur Sprache. Anerkennung fand das Werk erst nach seinem Tod.
Biografie↑
Geboren wurde Pu Songling am 5. Juni 1640 in Zichuan, dem heutigen Zibo in der Provinz Shandong. Seine ethnische Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Möglicherweise stammte er von einer Jurchen-Familie ab, die während der Jin-Dynastie nach Shandong ausgewandert und dort aufgegangen war. Anderen Vermutungen zufolge waren seine Vorfahren Mongolen oder Hui-Chinesen.
Seine Kindheit war kränklich und öde. Bei den kaiserlichen Examina, dem Zugangsweg zum Staatsdienst, versagte er mehrfach. Den Traum von einer Beamtenlaufbahn musste er deshalb früh aufgeben. Stattdessen arbeitete er als Schullehrer. Die Einkünfte waren spärlich, gesellschaftliche Anerkennung blieb aus.
Sein ganzes Leben verbrachte Pu Songling in seiner Heimatprovinz Shandong; nur eine weitere Reise ist überliefert. Der Überlieferung nach eröffnete er dort ein Teehaus und lud seine Gäste ein, Geschichten zu erzählen. Was er hörte, schrieb er auf und veröffentlichte es. Vor allem aber verdiente er sein Brot als Privatlehrer. Daneben entstand ein umfangreiches Werk: Handbücher, Enzyklopädien, Gedichte und Essays.
Erst mit 72 Jahren, drei Jahre vor seinem Tod, erhielt er ein kleines Amt. In seinen nachgelassenen Papieren spricht er offen von der Einsamkeit und dem Verdruss seiner letzten Jahre: „Ich bin nur ein Vogel, dem es vor dem Winterfrost graut und der in den Zweigen keine Zuflucht findet; die Herbstgrille, die den Mond anzirpt und sich an die Tür schmiegt, um ein wenig Wärme zu erhaschen. Wo sind die, die mich kennen?“ Weder hoher gesellschaftlicher Rang noch eine politische Laufbahn wurden ihm zuteil. Am 25. Februar 1715 starb er in seiner Geburtsstadt.
Unter zahlreichen Namensformen ist er überliefert. Neben Pu Songling begegnen in den Verzeichnissen unter anderem Pu Liuxian, Pu Liaozhai und Xizhousheng.
Literarische Merkmale↑
Bekannt wurde Pu Songling durch das Liaozhai Zhiyi von 1679, die „Seltsamen Geschichten aus einem Gelehrtenzimmer“. Endgültig abgeschlossen hat er die Sammlung erst 1707. Sie umfasst 431 Erzählungen und verbindet die Geister- und Liebesgeschichten des frühen Mittelalters mit der Novellenkunst der Tang-Zeit.
Viele dieser Geschichten tragen übernatürliche oder phantastische Züge. In ihnen zeigt sich die daoistische Vorstellung einer beseelten Natur. Häufig treten Fuchsgeister auf, weibliche Fabelwesen, die ahnungslose junge Männer ins Verderben stürzen. In Die Krähen hebt Pu Songling die Grenze zwischen Menschen- und Vogelwelt auf; die Verwandlung von einer Gestalt in die andere ist jederzeit möglich. Päonien und Chrysanthemen erscheinen in Menschengestalt: davon berichten Die Blumenfrauen und Die Chrysanthemengenien. Auch gemalte Szenen können sich mit der Wirklichkeit vermischen, so in Das Wandbild.
Religiöse und mythologische Motive kommen ebenfalls vor. In Der Richter wird ein Höllenrichter zum Scherz zum Mahl geladen. Er setzt seinem Gastgeber ein neues, klügeres Herz ein und dessen Frau einen hübscheren Kopf auf. In Der Gott im Exil nehmen sich der Donnergott und ein verstorbener Freund des Helden Yo an.
Bei aller poetischen und weltflüchtigen Verspieltheit blieb Pu Songling nicht bei den Wundern stehen. Er setzte sich auch mit den Verhältnissen seiner Zeit auseinander: mit der Bestechlichkeit der Beamten, mit dem unbarmherzig strengen Prüfungssystem, mit der einseitigen Buchgelehrsamkeit der Akademiker. Das Elend der Flüchtlinge, die Hungersnöte und das Räuberunwesen der frühen Qing-Zeit finden ebenfalls Eingang in seine Erzählungen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten brachte ihm sein Schreiben weder Rang noch Amt. Der Ruhm kam erst nach seinem Tod, und er gründet sich auf sein Lebenswerk, das Liaozhai Zhiyi. In deutschen Bibliotheksverzeichnissen ist er unter einer Fülle von Namensvarianten geführt, was die lange und verzweigte Überlieferung seiner Texte im deutschen Sprachraum erkennen lässt.
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