1855
Aurelia oder der Traum und das Leben
Überblick↑
Mit der Erzählung Aurélia ou le Rêve et la Vie – auf Deutsch Aurelia oder Der Traum und das Leben – hinterließ Gérard de Nerval eines der eindringlichsten Zeugnisse der französischen Romantik. Der Dichter (1808–1855) schrieb den Text am Ende seines Lebens. Er wollte sich damit von seinen Gefühlen befreien und jenen Geisteszustand beschreiben, in dem er sich während seiner Wahnsinnsanfälle befand. Der Untertitel „Der Traum und das Leben“ nennt das eigentliche Thema. Nerval will dem Traum wieder einen Platz in einer Gesellschaft verschaffen, die ihn mit dem Wahnsinn gleichsetzt. Das Buch zählt zu seinen bekanntesten Werken. Der Verfasser war zugleich als Übersetzer des Faust bekannt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum steht ein Erzähler, der vom Verlust einer Frau erfährt, die er verehrt und geradezu zu einer göttlichen Gestalt erhoben hatte. Von diesem Augenblick an ist er überzeugt, dass auch er bald sterben werde. Der Text folgt keiner geraden Linie, sondern der sprunghaften Logik der Träume. Der Erzähler berichtet seine Träume und deutet sie im selben Atemzug. Die Grenzen zwischen Traum und wachem Leben lösen sich mehr und mehr auf. Mal liest sich der Text wie eine Erzählung, mal wie eine Rede, mal wie ein Brief. So entsteht das Bild einer verhängnisvollen Liebe, die auf einen Traum des Dichters selbst zurückgeht.
Die Handlung im Detail↑
Der Erzähler erfährt vom Tod einer Frau, die er verehrt und beinahe vergöttlicht hatte. Dieser Verlust wird für ihn zum Vorzeichen: Er glaubt fest, dass sein eigener Tod nahe sei. Von hier aus öffnet sich der Text ganz den Träumen. In einer Folge von Bildern und Visionen wandert der Erzähler durch eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit nicht mehr zu trennen sind. Er schildert, was er in seinen Wahnzuständen erlebt, und versucht zugleich, dem Erlebten einen Sinn abzuringen.
Die Dichtung entstand aus dem Wunsch, den eigenen seelischen Ausnahmezustand zu erfassen und darzustellen. Sie will den Traum nicht als bloße Verirrung zeigen, sondern als eine zweite Form des Lebens, die dem wachen Dasein ebenbürtig ist. Der Weg des Erzählers führt tief in ein Reich aus rätselhaften Bildern hinein. Ein festes Ende erreicht der Text nicht: Die Dichtung blieb unvollendet.
Stil↑
Auffällig ist die offene, ständig wechselnde Form. Der Text gehorcht nicht den Regeln einer geschlossenen Erzählung, sondern der sprunghaften Logik des Traums. Mal spricht der Erzähler wie in einem Bericht, mal wie in einer Rede, mal wie in einem Brief. Er schildert seine Träume und legt sie zugleich aus. Voller bizarrer, rätselhafter Bilder verwischt die Sprache die Grenze zwischen Traum und wachem Leben. Dass die Dichtung unvollendet blieb, verstärkt ihren offenen, schwebenden Charakter.
Rezeption↑
Nur wenige Monate nach Nervals Tod erschien das Buch. Der Dichter war am 26. Januar 1855 erhängt in der Pariser Rue de la Vieille Lanterne aufgefunden worden, das Manuskript der Erzählung in seiner Tasche. Seine Freunde Théophile Gautier und Arsène Houssaye gaben den Text mit einer ausführlichen Würdigung heraus. Das rätselhafte Werk voller seltsamer Bilder wirkte weit über seine Zeit hinaus. Es beeinflusste Dichter wie Baudelaire und später die Surrealisten. Auch bildende Künstler nahmen sich seiner an: André Masson schuf Aquarelle, Alfred Kubin Zeichnungen zu dem Text. Das Werk erlebte zahlreiche Auflagen, fand Aufnahme in bedeutende Buchreihen und wurde immer wieder neu in viele Sprachen übersetzt.
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