1808 – 1855
Gérard de Nerval
Kurzbiografie↑
Unter dem Namen Gérard de Nerval veröffentlichte der 1808 in Paris geborene Gérard Labrunie seine Werke. Zu Lebzeiten galt er als eher randständiger Vertreter der Romantik. Doch seine Texte wirken heute oft frischer als die mancher zu seiner Zeit gefeierten Kollegen. Er war zugleich ein wichtiger Vermittler deutscher Literatur in Frankreich. Sein Prosatext Aurélia faszinierte spätere Autoren wie Baudelaire, Proust und die Surrealisten. 1855 nahm er sich in Paris das Leben.
Biografie↑
Geboren wurde Gérard Labrunie am 22. Mai 1808 in Paris als einziges Kind eines Mediziners. Der Vater wurde kurz nach der Geburt zum Stabsarzt ernannt und mit der französischen Rheinarmee nach Deutschland versetzt. Die Mutter begleitete ihn. Sie gab den Sohn zu einer Amme im heimatlichen Valois und starb bereits 1810 im fernen Schlesien. Nach ihrem Tod kam der Junge zu einem Onkel der Mutter, ebenfalls im Valois. Dort blieb er, bis ihn der nach dem Ende der napoleonischen Feldzüge heimgekehrte Vater 1814 nach Paris holte. Dort besuchte er das Lycée Charlemagne und hatte den späteren Autor Théophile Gautier zum Mitschüler.
Schon 1821, mit 13 Jahren, begann er zu dichten. 1826 wurden seine ersten Texte gedruckt: politisch-oppositionelle Gedichte im Geist der damaligen Napoleon-Nostalgie sowie ein satirischer Sketch über die bei Sitzungen häufig fehlenden Mitglieder der Académie française. Zur selben Zeit entstand seine Übertragung von Goethes Faust I. Sie verschaffte ihm nach ihrem Erscheinen 1827 große Anerkennung, und Hector Berlioz vertonte sie 1829 auszugsweise. Den Namen Gérard de Nerval führte er ab 1831.
1828 wurde er Victor Hugo vorgestellt und arbeitete dessen Roman Han d’Islande zu einem Theaterstück um. Uraufgeführt wurde es allerdings erst nach der Julirevolution 1831. Am 25. Februar 1830 war er mit dem Freundeskreis Hugos bei der Uraufführung von dessen Drama Hernani zugegen, dem legendären Theaterskandal um Applaus und Buh-Rufe. Im selben Jahr veröffentlichte er eine vielbeachtete Anthologie selbst übertragener deutscher Gedichte samt einer einleitenden Studie über die deutschen Dichter. Damit machte er seinen Landsleuten zahlreiche deutsche Lyriker bekannt.
Obwohl er als Literat bereits erfolgreich war, begann er 1832 auf Drängen des Vaters ein Medizinstudium. 1834 erbte er von einem Großvater 30.000 Francs – eine Summe, von der ein sparsamer Mensch zwanzig Jahre hätte leben können. Daraufhin brach er das lustlos betriebene Studium ab und schloss sich der „Bohème“ um Théophile Gautier an. Er unternahm eine erste längere Reise nach Südfrankreich und Italien. Im selben Jahr verliebte er sich in die Schauspielerin Jenny Colon. Sie erhörte ihn nicht, beeinflusste ihn aber bis 1838 stark. 1835 gründete er für sie eine aufwendige Theaterzeitschrift. Als diese ein Jahr später pleiteging, war er ruiniert und musste fortan von seiner Feder leben. Das gelang ihm als Co-Autor von Theaterstücken, etwa an der Seite des umtriebigen Alexandre Dumas, und als Journalist mit Literaturkritiken und Reiseberichten. 1837 reiste er mit Gautier nach Belgien, 1838 erstmals nach Deutschland bis Frankfurt, 1839/40 ein zweites Mal bis Wien. 1840 erschien seine Übertragung des gesamten Faust mit beiden Teilen sowie weiterer deutscher Gedichte.
1841 hatte er erstmals Wahnvorstellungen und verbrachte fast das ganze Jahr in Kliniken. 1842 versuchte er mit journalistischen Arbeiten wieder Tritt zu fassen und bereitete eine Orientreise vor. 1843 war er das ganze Jahr unterwegs – Malta, Kairo, Beirut, Rhodos, Smyrna. Berichte darüber erschienen ab 1844 in Zeitschriften. Später verarbeitete er sie zu dem Buch Scènes orientales I: Les Femmes du Caire. Bei seinem Erscheinen im Revolutionsjahr 1848 blieb es jedoch fast unbeachtet. Auch in den Jahren 1844 bis 1847 reiste er viel und verfasste Reisereportagen. Zugleich schrieb er Novellen und Lyrik und übersetzte Gedichte des in Paris lebenden Heinrich Heine, mit dem er befreundet war.
Ab 1850 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand drastisch, und er verbrachte immer mehr Zeit in Kliniken. Wenn er konnte, arbeitete er wie besessen. 1851 veröffentlichte er die endgültige Fassung seiner Orientreise unter dem Titel Voyage en Orient. Im Dezember brachte er sein Stück L’Imagier de Haarlem zur Aufführung, das durchfiel. Danach suchte er ältere und neuere, bereits in Zeitschriften erschienene Texte zusammen, überarbeitete sie und fasste sie zu zwei Sammelbänden zusammen. Diese gelten heute als seine Meisterwerke: Les Illuminés ou Les Précurseurs du socialisme (1852) und Les Filles du feu (1854). Der zweite Band enthält als Anhang zwölf kunstvolle, hermetische Sonette unter dem Titel Les Chimères. Darunter ist das berühmte, wie ein Fazit seines Lebens wirkende El Desdichado, der Unglückselige.
Sein letztes Werk wurde der wohl schon 1841 begonnene Prosatext Aurélia, eine suggestive Gratwanderung zwischen Traum und Wirklichkeit. Deren letzter Teil erschien erst nach seinem Tod. Eine letzte Reise führte ihn 1854 erneut nach Deutschland, wo ihn besonders Nürnberg, Bamberg, Leipzig und Dresden begeisterten. Ende des Jahres fand er sich nach einem erneuten Klinikaufenthalt ohne feste Bleibe und mit nur noch spärlichen Honoraren auf den Pariser Straßen wieder. Anfang 1855 nahm er sich das Leben: Er erhängte sich am Gitter vor einem Abflusskanal in der heute nicht mehr vorhandenen Rue de la Vieille Lanterne.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Nervals Schreiben ist die Nähe zwischen Traum und Wirklichkeit. Sein Prosatext Aurélia erscheint als ebenso suggestive wie formvollendete Gratwanderung zwischen beiden Sphären. In ihr wird die Grenze zwischen innerem Erleben und äußerer Welt durchlässig. Auch seine Lyrik zeigt einen Hang zum Verschlüsselten. Die zwölf Sonette der Les Chimères gelten als kunstvoll und hermetisch. Eines der bekanntesten unter ihnen, El Desdichado, wirkt wie ein verdichtetes Fazit seiner eigenen Existenz.
Sein Werk reicht über viele Formen hinweg – von politischen und satirischen Anfängen über Reiseberichte und Novellen bis zu Theaterstücken, die er oft gemeinsam mit anderen verfasste. Eine eigene Linie bildet seine Vermittlerrolle. Als Übersetzer Goethes und als Herausgeber einer Anthologie deutscher Lyrik samt einleitender Studie brachte er den französischen Lesern die deutschsprachige Dichtung nahe. Seine Texte wirken heute oft frischer als die mancher zu seiner Zeit angeseheneren Autoren. Das deutet auf eine Modernität hin, die erst spätere Generationen voll erkannten.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten galt Nerval als eher randständiger Vertreter der Romantik. Erst später wuchs seine Bedeutung. Seine beiden Sammelbände Les Illuminés ou Les Précurseurs du socialisme und Les Filles du feu gelten heute als seine Meisterwerke. Sein Prosatext Aurélia faszinierte nachfolgende Autoren wie Baudelaire und Proust sowie die Surrealisten.
Sein Nachleben ist auch mit seiner Rolle als Vermittler zwischen den Literaturen verbunden. Von 1989 bis 2016 verliehen die französische Autorenvereinigung Société des gens de lettres und das Goethe-Institut alljährlich den Prix Gérard de Nerval. Mit ihm wurden literarische Übersetzer aus dem Deutschen ins Französische ausgezeichnet.
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