1904 – 1973
Pablo Neruda
Kurzporträt↑
Als chilenischer Dichter und Diplomat gehört Pablo Neruda zu den prägenden Stimmen der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er 1904 als Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto. Weltberühmt machte er das Pseudonym Pablo Neruda. Seine Dichtung verband sich früh mit politischem Engagement. Er kämpfte gegen den Faschismus in Spanien und in seiner Heimat und trat der Kommunistischen Partei Chiles bei. 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1973 in Santiago de Chile, wenige Tage nach dem Militärputsch unter Augusto Pinochet.
Biografie↑
Geboren wurde Neruda am 12. Juli 1904 in Parral. Sein Vater war der Lokomotivführer José del Carmen Reyes, seine Mutter die Volksschullehrerin Rosa Neftalí Basoalto. Die Mutter starb an Tuberkulose, als das Kind einen Monat alt war. Der Vater zog nach Temuco, wo Neruda zunächst einsam beim Großvater aufwuchs. 1906 holte ihn der Vater zu sich und heiratete ein zweites Mal. Seine Stiefmutter Trinidad Candia Marverde nannte Neruda in seinen Werken mamadre. Bis 1920 besuchte er die Knabenschule von Temuco. Dort lernte er die Dichterin Gabriela Mistral kennen, die später ebenfalls den Nobelpreis für Literatur erhalten sollte. Die weite, ursprüngliche Landschaft seiner Jugend und die Fahrten im Zug seines Vaters prägten sein späteres Werk nachhaltig.
Schon 1919 gewann er einen dritten Preis bei den Blumenspielen von Maule mit dem Gedicht Comunión ideal. Ab 1920 benutzte er das Pseudonym Pablo Neruda, um der Missbilligung des Vaters über seine Dichtung zu entgehen. Über die Herkunft des Namens gibt es unterschiedliche Darstellungen. Der Legende nach wählte er ihn in Anlehnung an den tschechischen Dichter Jan Neruda. Neueren Untersuchungen zufolge stammt er von einer Partitur, die der Geigerin Wilma Norman-Neruda gewidmet war. In seinen Memoiren Ich bekenne, ich habe gelebt berichtete Neruda selbst, er habe den tschechischen Namen zufällig in einer Zeitschrift gefunden, ohne zu wissen, dass dahinter ein verehrter Schriftsteller stand. Von 1921 bis 1926 studierte er Französisch und Pädagogik an der Universidad de Chile in Santiago. 1923 veröffentlichte er sein erstes, selbstfinanziertes Buch.
Im Jahr 1927 trat Neruda in den diplomatischen Dienst und arbeitete als Honorarkonsul in Südostasien, unter anderem in Rangun, Colombo, Singapur und Batavia. 1933 wurde er nach Buenos Aires versetzt, wo er den spanischen Dichter Federico García Lorca kennenlernte. 1934 erhielt er einen Posten als chilenischer Konsul in Spanien, zunächst in Barcelona, später in Madrid. Mit García Lorca und anderen gab er die Zeitschrift Caballo verde para la poesía heraus. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 und die Ermordung García Lorcas wurden zu einem Wendepunkt. Neruda engagierte sich offen gegen die Putschisten und wurde daraufhin als Konsul abgesetzt. Sein Werk wurde zunehmend politisch. Als die Truppen Francos vor Madrid standen, musste er fliehen; sein Wohnhaus wurde bombardiert. In dieser Zeit entstand der Gedichtzyklus España en el corazón.
Nach Stationen in Paris und Madrid kehrte Neruda 1938 nach Chile zurück und arbeitete als Redakteur. Im Auftrag der Volksfront-Regierung organisierte er 1939 die Ausreise von rund 2.000 spanischen Flüchtlingen. Er brachte sie mit dem Passagierdampfer Winnipeg nach Chile. Anschließend wurde er Generalkonsul in Mexiko und kehrte 1943 nach Santiago zurück. 1945 wurde er als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunistischen Partei in den Senat gewählt; im selben Jahr trat er der Partei bei.
Als Präsident González Videla im Kalten Krieg seine politische Haltung änderte, wurde Neruda zu einem seiner schärfsten Kritiker. Nach einer öffentlichen Anklagerede wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Eineinhalb Jahre lang lebte er im Untergrund, von der einfachen Bevölkerung versteckt. In dieser Zeit schrieb er wesentliche Teile seines Hauptwerks Canto General, eines umfangreichen Gedichtwerks über Wesen und Geschichte des amerikanischen Kontinents. Schließlich floh er über einen unbewachten Grenzabschnitt nach Argentinien und mit dem Pass seines Freundes Miguel Ángel Asturias weiter nach Europa. In Paris wurde ihm Pablo Picasso eine wichtige Hilfe. 1950 erhielt Neruda gemeinsam mit Picasso den Friedenspreis des Weltfriedenskongresses, 1953 den Stalinpreis.
Im Jahr 1952 durfte Neruda nach Chile zurückkehren. 1969 wurde er von der Kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert, verzichtete aber zugunsten seines Freundes Salvador Allende. Nach dessen Wahlsieg 1970 wurde Neruda Botschafter in Paris. Während einer Genesung von einer Operation wurde ihm am 21. Oktober 1971 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen – „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich danach stetig. Am 23. September 1973, zwölf Tage nach dem Militärputsch unter Augusto Pinochet, starb Neruda angeblich an seinem Krebsleiden; die Todesursache ist umstritten. Nach seinem Tod wurde sein Haus vom Militär geplündert und zerstört.
Literarische Merkmale↑
Geprägt war Nerudas frühes lyrisches Werk von der europäischen Avantgarde, insbesondere vom Surrealismus. Diesen Frühstil kennzeichnen ein außerordentlicher Reichtum an Assoziationen und die bewusste Außerkraftsetzung der Regeln von Syntax und Zeichensetzung. Auch sein erster Roman El habitante y su esperanza von 1926 trägt diese avantgardistischen Züge.
Im Laufe seiner Entwicklung nahm Neruda immer mehr Einflüsse auf. Zu seinen Vorbildern zählten Arthur Rimbaud, Wladimir Majakowski und vor allem Walt Whitman, dessen Porträt in allen seinen Häusern hing. Whitmans Grashalme betrachtete er als Pionierleistung, die der amerikanischen Dichtung den Weg gewiesen habe. Das Konzept einer „reinen“ Poesie, wie es etwa Paul Valéry vertrat, lehnte Neruda entschieden ab. In seinem Text Sobre una poesía sin pureza bekannte er sich stattdessen zu einer „unreinen“ Poesie. Diese stellt den Bezug zur Welt über Konstruktion und Musikalität und soll das ganze Spektrum des Lebens einfangen – gleichgültig, ob moralisch, amoralisch oder gar trivial. Alle Dinge haben darin gleichermaßen ihre Berechtigung.
Mit Whitman teilte Neruda das Gefühl für den geographischen Raum, für die Weite des Kontinents. Seine Landschaften sind jedoch anders als die Whitmans historisch aufgeladen. Sie haben eine Vorgeschichte und müssen gleichsam archäologisch erschlossen werden. Nach dem Urteil von Fernando Alegría handelt es sich bei der Ähnlichkeit beider Dichter um eine optische Täuschung: Beide teilten zwar ein erotisches Verhältnis zur Natur, doch trenne Whitmans Mystizismus ein Abgrund von Nerudas Materialismus. Auch die Einordnung seines Werks ab dem Canto General als sozialistisch-realistisch greift nach diesem Verständnis zu kurz. Diese Tendenz zeigt sich allerdings in Werken wie Las uvas y el viento von 1954.
Rezeption↑
Von der einfachen Bevölkerung Chiles wurde Neruda zu Lebzeiten als Volksdichter verehrt. Während seiner Zeit im Untergrund fand er stets Unterschlupf, weil viele Menschen den Dichter liebten, der im Parlament so mutig seine Meinung gesagt hatte. Die internationale Anerkennung gipfelte 1971 im Nobelpreis für Literatur.
Auch sein Tod 1973 wurde zu einem politischen Ereignis. Sein Begräbnis am 25. September 1973 war wohl nur wegen der Anwesenheit ausländischer Kamerateams in dieser Form möglich. Es geriet zum ersten großen öffentlichen Protest gegen die Militärjunta. Zwischen zwei Reihen bewaffneter Soldaten wurde sein Sarg zu Grabe getragen. Die Menge antwortete auf den Ruf „¡Camarada Pablo Neruda!“ mit „¡Presente!“ und sang an seinem Grab die Internationale. Die Schriftstellerin Isabel Allende beschreibt das Begräbnis in ihrem Roman Das Geisterhaus als „symbolisches Begräbnis der Freiheit“.
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