1834 – 1891
Jan Neruda
Kurzbiografie↑
Als Journalist und Dichter zählt Jan Neruda zu den prägenden Gestalten des tschechischen Kulturlebens im 19. Jahrhundert. Geboren 1834 auf der Prager Kleinseite, verbrachte er fast sein ganzes Leben in dieser Stadt und starb dort 1891. Über zweitausend Feuilletons stammen aus seiner Feder, dazu Gedichte, Dramen, Reiseberichte und Kunstkritiken. Lange Jahre war er Redakteur der liberalen tschechischen Zeitung Národní listy und Mitbegründer mehrerer literarischer Zeitschriften. Mit seinem Werk führte er eine eigene Art des Realismus in die tschechischsprachige Literatur ein.
Biografie↑
Geboren wurde Neruda am 9. Juli 1834 in der steil ansteigenden Spornergasse auf der Prager Kleinseite, im Haus zu den zwei Sonnen. Sein Vater war ein Kleinhändler, seine Mutter Barbora Nerudová arbeitete lange als Haushälterin des Geologen Joachim Barrande. Die Spornergasse wurde später nach dem Dichter in Nerudova ulice umbenannt. Dort verbrachte er mit Unterbrechungen fast sein gesamtes Leben.
Obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte, besuchte er ab 1845 ein Akademisches Gymnasium und studierte anschließend einige Semester an der philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag. Vorübergehend arbeitete er als Lehrer und bei Tageszeitungen. Ab 1856 war er Mitarbeiter des deutschsprachigen Tagesboten aus Böhmen. Von 1865 bis 1891 wirkte er als Redakteur der bedeutenden liberalen tschechischen Zeitung Národní listy, später auch bei den Blättern Obrazy domova und Čas. Er war Mitbegründer der literarischen Zeitschriften Květy und Lumír sowie der Lyrikreihe Poetické besedy.
Seit dem Ende der fünfziger Jahre stand Neruda im Zentrum des tschechischen kulturellen Lebens. Er sympathisierte mit der Künstlergruppe der Májovci und fühlte sich der tschechischen nationalen Wiedergeburt verbunden. 1871 wurde er von nicht näher bekannten Institutionen als Verräter der Nation bezeichnet, verließ Prag und reiste durch andere Länder der Monarchie Österreich-Ungarn. Er kam nach Wien und Graz und besuchte Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland und Ägypten. Seine Reiseberichte aus dieser Zeit sind ein interessantes Zeugnis über sein Leben und die zeitgenössische Gesellschaft.
Neruda blieb unverheiratet. Seiner Jugendliebe Anna Holinová widmete er viele seiner Liebesgedichte. Eine weitere Zuneigung galt der verheirateten Schriftstellerin Karolína Světlá, die er als ideelle Frau bezeichnete. Terezie Marie Macháčková, der er mehrere Publikationen widmete, starb nach kurzer Bekanntschaft. Im Alter von fünfzig Jahren soll er sich in ein junges Mädchen namens Božena verliebt haben.
Zeit seines Lebens fühlte sich Neruda verkannt. Daraus erwuchs eine ablehnende Haltung gegenüber seinen Mitmenschen, die durch eine schwere Erkrankung noch verstärkt wurde. Er hatte Alkoholprobleme und lebte durchgehend in wirtschaftlich bedrängten Verhältnissen. In den 1880er Jahren geriet er, schwer erkrankt, zunehmend in Vereinsamung und Not.
Ab den 1860er Jahren veröffentlichte Neruda mehrere antijüdische Texte. In der Schrift Die Angst vor dem Judentum von 1869, die sich an Richard Wagners Aufsatz Das Judenthum in der Musik anlehnte, unterstellte er den Juden eine gefährliche, angeblich die ganze Welt bedrohende Macht. Er rief die Völker dazu auf, sich gegen diese vermeintliche Gefahr enger zusammenzuschließen.
Literarische Merkmale↑
Die Armut ist in allen Publikationen Nerudas ein wiederkehrendes Motiv. Nostalgisch verklärende Elemente wechseln sich dabei mit dem Gefühl von Bedrückung, Entfremdung und Lebendig-begraben-Sein ab. Aus seinem umfangreichen journalistischen Werk ragen über zweitausend Feuilletons heraus, in denen sich sein selbstbewusstes Engagement zeigt. Neben Gedichten und Dramen verfasste er Reisebeschreibungen und Kunstkritiken. Mit seinem Schaffen brachte er eine besondere Art des Realismus in die tschechischsprachige Literatur des 19. Jahrhunderts.
Rezeption↑
Seit dem Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts stand Neruda im Zentrum des tschechischen kulturellen Lebens. Seine Wirkung reicht bis in die Weltliteratur: Der chilenische Nobelpreisträger Neftalí Ricardo Reyes Basualto wählte den Nachnamen seines Pseudonyms Pablo Neruda in Erinnerung an den Prager Schriftsteller. Als Erneuerer, der eine eigene Form des Realismus in die tschechischsprachige Literatur einführte, wirkt Jan Neruda bis heute nach.
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