1878
Kleinseitner Geschichten
Überblick↑
Das Werk Kleinseitner Geschichten (tschechisch Povídky malostranské) ist eine Sammlung von dreizehn Erzählungen des tschechischen Schriftstellers Jan Neruda. Sie erschien 1878. Schauplatz aller Geschichten ist die Prager Kleinseite, das alte Stadtviertel unterhalb der Burg. Neruda führt seine Leser in die Häuser, Gasthäuser und Gassen dieses Viertels und stellt dessen Bewohner vor: kleine Beamte, Kaufleute, Witwen, Studenten, einen Bettler und allerlei Sonderlinge. Aus scheinbar harmlosen Alltagsbegebenheiten entwickeln sich mal heitere, mal traurige, mal bittere Menschenbilder.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Jede der dreizehn Erzählungen spielt auf der Prager Kleinseite und rückt eine Figur oder eine kleine Gemeinschaft in den Mittelpunkt. In der Geschichte „Eine Woche in einem stillen Hause“ lernt der Leser nach und nach alle Bewohner eines Mietshauses kennen – ihre Sorgen, ihre Heiratspläne und ihre finanziellen Nöte. Andere Erzählungen greifen jeweils eine einzelne Begebenheit heraus.
So sitzen im vornehmen Gasthaus „Zum Steinitz“ zwei angesehene Stammgäste jahrelang schweigend am selben Tisch, weil sie einst dieselbe Frau geliebt hatten. Ein überall bekannter und beliebter Bettler gerät in Verruf, als sich ein Gerücht über ihn verbreitet. Eine Witwe kann bei keinem Begräbnis fehlen und vergießt dort ihre Tränen. Ein menschenscheuer Doktor, der nie als Arzt tätig ist, wird plötzlich in ein aufsehenerregendes Ereignis hineingezogen. Ein alter Sonderling hütet Schachteln voller Steine, die er für Edelsteine hält. Ein Zugezogener eröffnet einen neuen Laden und wartet vergeblich auf Kundschaft.
Neruda erzählt diese Episoden mit genauem Blick für die kleinen Leute und mit feiner Ironie. Wie die einzelnen Schicksale ausgehen, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Die Sammlung besteht aus dreizehn Geschichten, die alle auf der Kleinseite angesiedelt sind.
In „Eine Woche in einem stillen Hause“ schildert Neruda das Leben in einem Prager Mietshaus. Gleich zu Beginn entdecken die Bewohner den Tod der alten Žanýnka, deren Hund verzweifelt bellt. Im Erdgeschoss lebt die Bavorová, die eine kleine Greißlerei betreibt und aus ihren Träumen Lottozahlen herausliest; ihr Sohn Václav ist Praktikant im Amt und versucht sich in der Literatur. Der Hausherr Eber wohnt mit Frau und zwei Töchtern im ersten Stock; seine Tochter Matylda sucht einen Bräutigam, doch der Oberleutnant Kořinek wird ihr von einer Freundin weggeschnappt. Der Doktor Loukot wohnt zur Untermiete bei den Lakmus, die für ihre Tochter Klara einen Mann suchen. Der Doktor aber schwärmt für das arme Fräulein Josefinka aus dem zweiten Stock. Václav schreibt respektlos über seinen Amtsalltag und lässt den Doktor mitlesen. Als der Doktor erfährt, dass Josefinka bald heiratet, gibt er den Werbungen der Frau Lakmusová nach und wendet sich der in ihn verliebten Klara zu. Die vornehm auftretende Hausherrnfamilie ist finanziell am Ende. Als die Bavorová einen großen Lotteriegewinn macht, heiratet Václav deren Tochter Matylda, auf die er schon lange ein Auge geworfen hatte.
In „Herr Ryšánek und Herr Schlegl“ beobachtet der Erzähler im führenden Gasthaus „Zum Steinitz“ zwei Stammgäste, die täglich am selben Tisch sitzen, aber elf Jahre lang kein Wort miteinander wechseln. Sie hatten einst dieselbe Frau geliebt; obwohl diese längst tot ist, bleibt die Feindschaft bestehen. Als Herr Ryšánek schwer erkrankt und nach drei Monaten schwach und abgemagert zurückkehrt, wird er von allen herzlich begrüßt. Er bemerkt, dass er seinen Tabaksbeutel vergessen hat, und schickt einen Buben. Da schiebt Herr Schlegl, ohne hinzusehen, seinen eigenen Beutel über den Tisch. Ryšánek zögert lange, dankt dann – und die beiden sprechen seit diesem Augenblick wieder miteinander.
In „Die hat den Bettler zugrunde gerichtet“ erinnert sich der Erzähler an den überall bekannten Bettler Vojtíšek, der stets ordentlich wirkte und von allen etwas geschenkt bekam. Eine andere Bettlerin umwirbt ihn und will mit ihm zusammenziehen, doch Vojtíšek lehnt ab. Danach verbreitet sich das Gerücht, er sei in Wahrheit gar nicht arm und besitze zwei Häuser. Die Leute fühlen sich betrogen, geben ihm nichts mehr, spotten über ihn und bitten ihn nun selbst um Darlehen. Vojtíšek leidet Not und ist in seiner Ehre getroffen, kommt immer mehr herab und wird schließlich erfroren aufgefunden – ohne selbst ein Hemd am Leib.
In „Das weiche Herz der Frau Ruska“ wird der beliebte Kaufmann Josef Velš aufgebahrt. Unter den Trauernden erscheint auch die Witwe Ruska, die den Toten gar nicht kannte, aber dafür bekannt ist, jedes Begräbnis zu besuchen und dort zu weinen. Am Sarg macht sie despektierliche Bemerkungen über den Verstorbenen. Empört weist man sie hinaus, ein Polizist bringt sie heim, und auf dem Kommissariat wird ihr streng verboten, künftig Begräbnisse zu besuchen. Nach einiger Zeit zieht sie in ein Haus, an dem alle Begräbniszüge vorbeiziehen müssen – dort tritt sie vor das Tor und weint bitterlich.
In „Abendplaudereien“ treffen sich Studenten nachts auf den Dächern und erzählen einander. Diesmal soll Jäkl das Thema geben; er berichtet, dass er verliebt sei. Es ist Lízinka, die er seit seiner Kindheit liebt und nach Jahren wiedertraf. Als Lízinka eine Zeit lang fortreist, kehrt sie mit einem Kind zurück.
In „Doktor Allesverderber“ tritt der seltsame Dr. Heribert auf, der Medizin studiert hat, aber nie als Arzt arbeitet und den Kontakt zu Menschen meidet. Beim Leichenzug des Rechnungsrats Schepeler tragen fast alle ein zufriedenes Gesicht, weil sie über den Tod des Mannes froh sind; nur sein Freund Kejřík trauert wirklich. Als der Sarg vom Wagen fällt, springt der Deckel auf, und die Hand des Toten ragt heraus. Dr. Heribert, der zufällig danebensteht, ergreift die Hand, untersucht die Leiche und erklärt, der Mann sei gar nicht tot. Gegen den Protest des anderen Arztes gelingt es ihm, Schepeler ins Leben zurückzuholen; nach zwei Monaten geht dieser wieder ins Amt. Weil er damit allen Erben ihre Erwartungen verdorben hat, erhält Heribert den Spottnamen „Doktor Allesverderber“. Danach behandelt er wie zuvor keinen einzigen Menschen mehr.
In „Der Wassermann“ wird der alte Herr Rybář vorgestellt, der noch mit Zopf und Kniebundhosen geht und an Aussichtspunkten seufzt: „Das Meer! Warum wohnen wir nicht am Meer!“ Wegen seines grünen Rockes und seines Namens, der Fischer bedeutet, nennt man ihn den Wassermann. Er hütet viele Schachteln mit vermeintlichen Edelsteinen. Als er dem Gymnasialprofessor Mühlwenzel eine Schachtel zeigt, erklärt dieser, nur ein Stein sei ein seltener Moldavit, den er für drei Gulden kaufen wolle – die übrigen seien wertlos. Tief getroffen beginnt Rybář abends, die Steine aus dem Fenster zu werfen. Da tröstet ihn sein Verwandter, wie wertvoll er selbst doch sei, und rät ihm, die Steine mit den Kindern zu betrachten. Als Rybář nun aus dem Fenster blickt, sieht er zum ersten Mal das Meer vor seinen Augen.
In „Wie Herr Vorel seine Meerschaumpfeife anrauchte“ eröffnet der zugezogene Herr Vorel eine neue Greißlerei, wo vorher keine war. Voll Optimismus wartet er auf Kunden, doch niemand kommt; um die Zeit zu vertreiben, raucht er seine Meerschaumpfeife. Die erste Kundin bemerkt die rauchige Luft, und zu Hause schmeckt man den Rauch an der Ware. So gilt Vorel bald als „geselchter Greißler“. Je weniger Kunden kommen, desto mehr raucht er. Als der Laden nach Monaten eines Tages geschlossen bleibt, findet man Herrn Vorel erhängt – die Meerschaumpfeife in seiner Tasche ist großartig angeraucht.
In „Zu den drei Lilien“ sitzt der Erzähler in einer Gewitternacht im gleichnamigen Lokal und beobachtet ein Mädchen, das ihn beim Tanzen immer wieder ansieht. In einer Tanzpause sagt ihr eine andere etwas, worauf sie im Regen fortgeht. Nach einer Viertelstunde kehrt sie zurück, und er hört, dass ihre Mutter soeben gestorben sei. Dennoch zieht er sie an sich, und die beiden ziehen sich ins Dunkel der Arkaden zurück, wo die vom Friedhof exhumierten Gebeine aufgeschichtet liegen.
In „Die St.-Wenzels-Messe“ lässt sich der Erzähler als neunjähriger Knabe nachts im Veitsdom einschließen. Er hatte seinen Mitschülern erzählt, um Mitternacht stehe der heilige Wenzel aus seinem Sarkophag auf und lese eine Messe; das will er mit eigenen Augen sehen. Seiner Mutter sagt er, er sei bei einer Tante. Die langen Stunden beflügeln seine Phantasie, und er malt sich die prächtige Messe mit allen Heiligenfiguren und böhmischen Königen aus. Doch als er vom Chor in die Kirche hinabblickt, sind einige Spatzen die einzigen Lebewesen im Dom außer ihm selbst.
Stil↑
Kennzeichnend für die Sammlung ist der genaue, zugleich liebevolle und ironische Blick auf die kleinen Leute eines einzigen Prager Viertels. Neruda arbeitet mit knappen, anschaulichen Alltagsszenen: ein vergessener Tabaksbeutel, eine rauchende Pfeife, eine Schachtel voller Steine. Aus solchen scheinbaren Nebensächlichkeiten entwickelt er ganze Menschenbilder und oft eine überraschende Wendung am Schluss.
Häufig tritt ein Ich-Erzähler auf, der selbst zum Viertel gehört und sich an Menschen und Begebenheiten seiner Jugend erinnert. Dadurch wirken die Geschichten wie erzählte Erinnerungen. Der Ton wechselt von Erzählung zu Erzählung: mal heiter und spöttisch, wenn Heiratspläne und Standesdünkel vorgeführt werden, mal bitter und mitleidsvoll, wenn Menschen an Gerüchten oder an ihrer Einsamkeit zugrunde gehen. Immer wieder deckt Neruda die kleinen Bosheiten, Eitelkeiten und Selbsttäuschungen seiner Figuren auf, ohne sie bloßzustellen.
Rezeption↑
Bis heute sind die Kleinseitner Geschichten eng mit dem Namen Jan Nerudas und mit dem Bild der Prager Kleinseite verbunden. Die Sammlung hält das Leben eines alten Stadtviertels und seiner Bewohner fest, wie es der Erzähler aus eigener Erinnerung schildert. Gerade die Verbindung von genauer Beobachtung, Menschenkenntnis und feiner Ironie hat den Erzählungen ihren Platz bewahrt.
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