1801 – 1862
Johann Nestroy
Kurzporträt↑
Johann Nepomuk Nestroy war ein österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger. Er wurde 1801 in Wien geboren und starb 1862 in Graz. Sein Werk gilt als literarischer Höhepunkt des Alt-Wiener Volkstheaters. Nestroy schrieb 83 Bühnenstücke und stand im Laufe seines Lebens in rund 880 Rollen auf der Bühne. Neben Ferdinand Raimund war er vermutlich einer der populärsten Wiener Volksstückautoren des Vormärz.
Biografie↑
Geboren wurde Nestroy am 7. Dezember 1801 in Wien als zweites von acht Kindern einer angesehenen Bürgerfamilie. Sein Vater Johann, ein aus Österreichisch-Schlesien eingewanderter Hof- und Gerichtsadvokat, bestimmte den Sohn zum Juristen. Doch den jungen Nestroy zog es zum Theater. Er besuchte das Akademische Gymnasium und danach das Schottengymnasium. 1814 starb seine Mutter Magdalena; im selben Jahr trat er in einem Konzert erstmals öffentlich als Klavierspieler auf.
An der Universität Wien begann Nestroy 1819 ein Philosophie- und 1820 ein Jus-Studium. Bereits damals sang er im Redoutensaal der Hofburg eine Bass-Solopartie von Georg Friedrich Händel. Das Studium brach er ab und wandte sich der Bühne zu. 1822 feierte er als Sarastro in Mozarts Zauberflöte am Kärntnertortheater ein erfolgreiches Debüt als Bassist.
Im Jahr 1822 lernte Nestroy Wilhelmine Nespiesni kennen, die er am 7. September 1823 in der Augustinerkirche heiratete. Kurz darauf trat er ein Engagement am Deutschen Theater in Amsterdam an, wo er als Sänger debütierte. Dort kam 1824 der Sohn Gustav zur Welt. Nach Stationen in Brünn und Graz zerbrach die Ehe: Wilhelmine begann in Graz ein Verhältnis mit einem Grafen Batthyány und verließ 1827 ihren Gatten. Der kleine Gustav blieb beim Vater. Wegen des damaligen österreichischen Eherechts konnte sich Nestroy erst 1845 nach einem langwierigen Annullierungsprozess zivilrechtlich scheiden lassen. Seine spätere langjährige Lebensgefährtin war die Sängerin Marie Weiler, mit der er drei Kinder hatte und die ihm bis zu seinem Tod eine Stütze in finanziellen und administrativen Dingen blieb.
In Brünn und Graz vollzog sich zugleich Nestroys künstlerischer Wandel vom Opernsänger zum komischen Darsteller. In Brünn verhängte die Polizei ein Bühnenverbot, weil er auf offener Bühne frei improvisierte. In Graz schrieb er 1827 seine erste Posse selbst. 1831 erhielt er ein Engagement nach Lemberg, floh aber vor einer Choleraepidemie. Noch im selben Jahr holte ihn Direktor Carl Carl als Bühnenautor und Komiker an das Theater an der Wien. Damit begann seine Laufbahn als vielbeschäftigter Theaterschriftsteller. 1834 starb sein Vater; im selben Jahr wandte er sich von den Zauberstücken seiner frühen Zeit ab und der Lokalposse, der Parodie und der Satire zu.
Das Improvisieren brachte Nestroy 1836 sogar eine mehrtägige Haftstrafe ein. In diesen Jahren unternahm er große Sommertourneen, die ihn bis Hamburg (1841) und Berlin (1844) führten. Als Direktor Carl 1838 auch das Leopoldstädter Theater übernahm, musste Nestroy fortan für zwei Bühnen schreiben und spielen. Während der Revolution von 1848 nutzte er den kurzzeitigen Wegfall der Zensur. Manche Stücke aus der Zeit danach gab er nicht zur Aufführung frei; sie wurden erst aus seinem Nachlass bekannt.
Von 1854 bis 1860 leitete Nestroy nach Carls Tod das Carltheater in der Leopoldstadt. Die finanzielle Leitung und die privaten Geschäfte lagen dabei in den Händen Marie Weilers, ihrer umsichtigen Kalkulation verdankte er ein ansehnliches Vermögen. 1860 zog er sich in den Ruhestand nach Graz zurück, wohin er zuvor ein Haus erworben hatte. Nach Wien kehrte er nur noch zu Gastspielen zurück. Seine letzte Wiener Rolle war im März 1862 der Knieriem in Der böse Geist Lumpazivagabundus. Zum letzten Mal stand er am 29. April 1862 in Graz auf der Bühne. Wenige Wochen später, am 25. Mai 1862, starb er in Graz in seinem 61. Lebensjahr an einem Schlagfluss. Beigesetzt wurde er in Wien.
Literarische Merkmale↑
Als Bühnendichter knüpfte Nestroy zunächst an die ältere poetologische Tradition des 18. Jahrhunderts an. Sein wichtigster Orientierungspunkt aber war die Altwiener Volkskomödie. Laut der Neuen Deutschen Biographie beeinflussten ihn unter seinen Vorläufern Alois Gleich und Adolf Bäuerle, besonders jedoch Ferdinand Kringsteiner und Karl Meisl. Damit stellte er sich in die Tradition des sogenannten niederen Stils, zu der Lehrhaftigkeit, Entidealisierung und die Verankerung im örtlichen Alltag gehörten. Seine gründliche rhetorische Bildung kam ihm dabei zugute.
Die meisten seiner Stücke waren Bearbeitungen fremder Vorlagen aus der dramatischen und teils auch epischen Literatur. Nestroy machte sie sich durch die Neuschöpfung der jeweiligen Fabel zu eigen. Er erwies sich damit als später Vertreter einer vorsubjektivistischen Kunstauffassung, wie sie die Altwiener Volkskomödie stets geprägt hatte. Insgesamt schrieb er 83 Stücke, die er als Zauberspiel, Quodlibet, Parodie, Travestie, Posse mit Gesang oder Burleske bezeichnete.
Die Forschung hat Nestroy nicht zu Unrecht als Satiriker charakterisiert. Seinem eigenen Selbstverständnis entsprach das kaum. Er war als Schauspieler zum Schreiben gekommen und ging nicht von einer literarischen Theorie aus, sondern von der Praxis der Bühne. Darum verstand er sich selbst als Komiker, eng verbunden mit dem Theaterbetrieb der Wiener Vorstädte, der nach Angebot und Nachfrage funktionierte. Eine innere Entwicklung im Sinne des Geniegedankens lässt sich in seinem Werk deshalb nicht feststellen. Wechselnde Tendenzen, Erfolge und Misserfolge ergaben sich vor allem aus den Umschichtungen im Publikum, für das er produzierte. Kennzeichnend für sein dramaturgisches Konzept war eine realistische Fabelführung: Die Handlung strebt dem schlechten Ausgang zu, und das erkennbar aufgesetzte gute Ende verweist den Zuschauer auf die Unmöglichkeit einer so glücklichen Lösung in der Wirklichkeit.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Nestroy meist von unmittelbaren Interessen geleitet aufgenommen, geprägt vom Geschmack des jeweiligen Vorstadtpublikums. Aus heutiger Sicht lassen sich sein enormer sprachschöpferischer Witz und der spielerisch souveräne Umgang mit den Konventionen des Dramas würdigen. Auf diese Qualitäten beriefen sich später Ödön von Horváth und Friedrich Dürrenmatt.
Als erstes bedeutendes Werk gilt Der böse Geist Lumpacivagabundus oder das liederliche Kleeblatt, uraufgeführt 1833. Mit Der Talisman begann 1840 jene Schaffensperiode, die als sein künstlerischer Höhepunkt angesehen wird und bis zur Revolution von 1848 andauerte. In diesen acht Jahren machte Nestroy die sozialen Spannungen des Vormärz auf der Bühne sichtbar. Dazu zählt auch Einen Jux will er sich machen von 1842. Die gescheiterte Märzrevolution schlug sich in der politischen Komödie Freiheit in Krähwinkel nieder. Danach nahm seine Produktivität ab; in vierzehn Jahren entstanden nur noch knapp zwanzig Stücke. Höhepunkte bildeten nun Parodien und Travestien, etwa auf Wagner-Stoffe. Seine berühmteste Travestie ist Judith und Holofernes von 1849, die Friedrich Hebbels Judith satirisch aufhob. Nestroy gilt als ein Vorläufer Ludwig Anzengrubers.
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