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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der Talisman
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Der Talisman
1840
– Werkseintrag –

Der Talisman

1840 · Drama

Ein rothaariger Geselle, überall verspottet, entdeckt, dass eine schlichte schwarze Perücke ihm plötzlich alle Türen und Herzen öffnet.

Überblick

Das Werk Der Talisman ist eine Posse mit Gesang in drei Akten von Johann Nestroy. In einem ersten Konzept trug es den Titel Titus Feuerfuchs oder Die Schicksalsperücken. Im Mittelpunkt steht ein rothaariger junger Mann, der wegen seiner Haarfarbe überall auf Vorurteile stößt und sich mit Hilfe einer Perücke plötzlich alle Türen öffnen sieht. Nestroy verbindet dabei eine turbulente Verwechslungskomödie mit einem hintergründigen Blick auf Vorurteil und gesellschaftlichen Schein.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht Titus Feuerfuchs, ein arbeitsloser Geselle, der wegen seiner feuerroten Haare überall abgewiesen und verspottet wird. Ein ähnliches Los teilt die Gänsehirtin Salome Pockerl, die im Dorf ebenfalls wegen ihres roten Haares ausgegrenzt wird und sich doch tapfer für die Schönheit dieser Farbe einsetzt.

Als Titus das scheuende Pferd einer Kutsche bändigt, schenkt ihm der gerettete Friseur Marquis zum Dank einen ungewöhnlichen Talisman: eine schwarze Perücke. Mit dunklem Haar wird Titus plötzlich ganz anders angesehen. Rasch findet er eine Anstellung, und gleich mehrere Frauen fassen Gefallen an ihm und seinem selbstbewussten Auftreten. So beginnt für ihn ein rascher Aufstieg, der ganz von der geliehenen Haarpracht abhängt und ihn in immer neue heikle Lagen bringt.

Die Handlung im Detail

Die Gänsehirtin Salome Pockerl wird im Dorf wegen ihrer roten Haare verspottet. Sie hält dagegen und preist das Rot als schönste Farbe der Natur, die man an Rosen, am Morgenrot und an den Abendwolken bewundere. Dieselbe Ausgrenzung erlebt der rothaarige, arbeitslose Geselle Titus Feuerfuchs. Er trifft auf den Gärtnergehilfen Plutzerkern, der ihn für den erwarteten neuen Gartengehilfen hält, und Titus zeigt sich sofort interessiert, denn er qualifiziere sich zu allem. Salome, der Titus’ feuerrotes Haar gefällt, will ihm eine Anstellung beim Bäckermeister erbitten, doch der lehnt ab.

Als Titus das scheuende Pferd einer Kutsche bändigt, schenkt ihm der gerettete Friseur Marquis eine schwarze Perücke. Mit ihr erhält Titus die Stelle als Gartengehilfe bei der Witwe Flora Baumscheer. Diese ist von dem nun schwarzhaarigen Mann angetan, macht ihm Avancen und gibt ihm einen Anzug aus der Garderobe ihres verstorbenen Mannes. Doch auch die verwitwete Kammerfrau Constantia findet Gefallen an ihm und nimmt ihn mit auf das Schloss.

Im zweiten Akt kleidet sich Titus in die Livree von Constantias verstorbenem Gemahl und wird zum Jäger ernannt. Als Marquis auf das Schloss kommt und sieht, wie freundlich Constantia mit Titus umgeht, packt ihn die Eifersucht. Er droht, Titus’ Geheimnis zu verraten, sollte dieser sich Constantia nicht fernhalten. Während Titus schläft und dabei Constantias Namen murmelt, stiehlt Marquis ihm die schwarze Perücke. Beim Erwachen bemerkt Titus den Verlust und greift in der Dunkelheit versehentlich nach einer goldblonden Perücke.

Nun ist Frau von Cypressenburg, die Schlossherrin, von seinen blonden Locken entzückt und bietet ihm eine Stellung als Sekretär sowie die Kleidung ihres verstorbenen Gemahls an. Bald geraten Frau von Cypressenburg und Constantia in Streit: Die eine hält Titus für schwarzhaarig, die andere für blond. Als Titus hinzukommt, ist Constantia verblüfft. Titus nutzt seine neue Stellung und äußert sich abfällig über Constantia, Flora und Marquis, worauf alle drei aus dem Schloss entlassen werden. Am Abend stellt Frau von Cypressenburg bei einer Soiree ihren neuen Sekretär vor. Da stürmen die drei Entlassenen herein, und Marquis verkündet laut, Titus sei in Wahrheit rothaarig. Titus bestreitet es nicht, nimmt die Perücke ab und zeigt sein rotes Haar. Empört weist ihn die Schlossherrin aus dem Haus. Beim Zurückgeben des Gewandes findet er eine graue Perücke und nimmt sie an sich.

Im dritten Akt hört Titus’ Onkel Spund, ein „Bierversilberer“, von den Missetaten seines Neffen und eilt zum Schloss. Titus erscheint mit der grauen Perücke, um den Onkel zu täuschen. Spund ist tief bewegt und will Titus sofort zum Universalerben machen. Als reiche künftige Partie erscheint Titus nun allen Damen begehrenswert. Doch er zieht die Perücke ab und verzichtet: Er will keine Frau heiraten, die rote Haare nur an einem reichen Erben verzeihe. Endlich erkennt er, dass ihm allein Salome stets zugetan war. Er trägt ihr die Heirat an und erklärt dem Onkel augenzwinkernd, die roten Haare missfielen nur, weil ihr Anblick so ungewöhnlich sei; gäbe es mehr davon, käme die Sache in Schwung, und zu dieser Vervielfältigung werde er das Seine beitragen.

Stil

Die Bezeichnung als Posse mit Gesang verweist auf die Form: Nestroy verbindet eine rasch getriebene Verwechslungshandlung mit eingelegten Gesangsnummern. Getragen wird das Stück von einer volkstümlichen, mundartlich gefärbten Bühnensprache, in der die Figuren pointiert und schlagfertig sprechen. Salomes Lob der roten Farbe und Titus’ Schlussrede über die „Vervielfältigung“ des roten Haares zeigen, wie Nestroy scheinbar harmlose Alltagsrede zu geschliffenem Witz und hintergründiger Gesellschaftskritik zuspitzt. Die Perücken dienen dabei als sinnfälliges Bühnenmittel: Mit jedem Haarwechsel wechseln Rang, Ansehen und die Zuneigung der Umgebung, so dass die äußere Verwandlung zugleich die Wandelbarkeit gesellschaftlicher Urteile vorführt.

Rezeption

Die Uraufführung fand am 16. Dezember 1840 im Theater an der Wien statt, und zwar als Benefizvorstellung für Nestroys Lebensgefährtin Marie Weiler. Das Stück hat sich als eine der bekannten Possen Nestroys auf der Bühne gehalten und wurde wiederholt neu inszeniert, unter anderem in Theaterproduktionen unter der Regie von Gustav Manker und Michael Hampe. 1958 vertonte Heinrich Sutermeister den Stoff außerdem als burleske Oper unter dem Titel Titus Feuerfuchs.

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