1961
Der Tag der Eule
Überblick↑
Der Roman Der Tag der Eule (im italienischen Original Il giorno della civetta) stammt von dem sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia und erschien 1961. Er gilt als erste literarische Auseinandersetzung mit der Mafia und machte seinen Autor bekannt. Die deutschsprachige Übersetzung von Arianna Giachi kam 1964 im Walter Verlag heraus. Erzählt wird die Geschichte eines Mordes in einem sizilianischen Dorf und der Ermittlungen, die an einer Mauer aus Schweigen und politischer Verstrickung scheitern.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem sizilianischen Dorf wird am helllichten Tag auf offener Straße ein Mann erschossen. Das Opfer ist Salvatore Colasberna, Mitbegründer einer örtlichen Baugenossenschaft. Doch als Capitano Bellodi, ein zugezogener Norditaliener aus Parma mit für die Carabinieri ungewohnt höflichen Umgangsformen, die Leute befragt, will niemand etwas gesehen haben.
Erst ein anonymer Brief bringt Bewegung in den Fall: Colasberna soll von der Mafia bedroht worden sein, weil er sich weigerte, Schutzgeld zu zahlen. Kurz darauf verschwindet ein Baumschneider, dessen Frau ihn betrogen hat, und die Dorföffentlichkeit ist nur zu gern bereit, darin ein Verbrechen aus Leidenschaft zu sehen. Allein Bellodi ahnt, dass die beiden Fälle zusammenhängen, und beginnt, gegen eine Wand aus Schweigen und falschen Fährten zu ermitteln.
Die Handlung im Detail↑
Im sizilianischen Dorf S. wird Salvatore Colasberna, Mitbegründer einer örtlichen Baugenossenschaft, auf offener Straße erschossen. Capitano Bellodi, ein zugezogener Norditaliener aus Parma, nimmt die Ermittlungen auf, stößt aber überall auf Schweigen: Niemand will etwas gesehen haben. Ein anonymer Brief verrät schließlich, dass Colasberna von der Mafia bedroht wurde, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte.
Als der Baumschneider Paolo Nicolosi vermisst wird, der von seiner Frau betrogen wurde, nimmt die sizilianische Öffentlichkeit bereitwillig ein Verbrechen aus Leidenschaft an. Nur Bellodi erkennt den Zusammenhang der beiden Fälle: Nicolosi hatte den Mörder Colasbernas erkannt und ihn mit dem Spitznamen „Zicchinetta“ gerufen, der auf den erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Diego Marchica hinweist. Der Polizeispitzel Calogero Dibella, genannt Parrinieddu, bringt zwei weitere Namen ins Spiel, bevor er seinen Verrat mit dem Tod bezahlen muss: Rosario Pizzuco und Don Mariano Arena, den lokalen Mafiaboss.
Bellodi spielt die inhaftierten Marchica und Pizzuco gegeneinander aus, bis beide gestehen, dass Marchica über Pizzuco für den Mordanschlag angeheuert wurde. Der wahre Hintermann Arena zeigt sich von seiner Festnahme jedoch unbeeindruckt, denn er ist bis in die höchsten Kreise der italienischen Politik vernetzt. Immerhin erkennt er seinen Gegenspieler Bellodi als „Menschen“ an – eine Ehre, die er nur wenigen und keinem der Ermordeten zugesteht.
Seine Verbindung zum Minister Mancuso sorgt für einen kurzen politischen Skandal in Rom, der aber ebenso schnell erstickt wird wie Bellodis Ermittlungen. Eilig herbeigerufene Zeugen mit tadellosem Ruf verschaffen Diego Marchica ein wasserdichtes Alibi, woraufhin auch der Rest der Untersuchung in sich zusammenfällt. Der Tod des Baumschneiders wird seiner Frau und ihrem Liebhaber angelastet – das beliebte Verbrechen aus Leidenschaft, mit dem sich alles erklären lässt –, und die Mafia wird von offizieller Seite ins Reich der Legende verwiesen.
Bellodi, inzwischen zu einem Prozess nach Bologna abkommandiert, verfolgt die Niederschlagung seines Falls nur noch in der Presse. Er täuscht eine Krankheit vor, um nicht nach Sizilien zurückkehren zu müssen. Doch als seine Erlebnisberichte bei seinen Freunden in Parma kein Entsetzen, sondern ein wohlig romantisches Erschauern auslösen, spürt er, dass er Sizilien lieben gelernt hat. Er wird auf die Insel zurückkehren, auch wenn er sich an ihr den Kopf einrennen wird.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Kriminalroman, doch die Form der Ermittlung dient vor allem dazu, eine gesellschaftliche Ordnung sichtbar zu machen. Der Fall entwickelt sich weniger aus Spuren und Indizien als aus dem Schweigen der Befragten, das selbst zum sprechenden Zeichen wird. Sciascia stellt dem norditalienischen Ermittler Bellodi eine Welt gegenüber, die nach eigenen, ungeschriebenen Gesetzen funktioniert, und lässt den Gegensatz von Festland und Insel, von staatlichem Recht und lokaler Macht in den Dialogen aufeinanderprallen.
Kennzeichnend ist die knappe, klare Erzählweise. Statt großer Gefühlsausbrüche setzt der Text auf nüchterne Beobachtung, auf Andeutung und auf das, was ungesagt bleibt. Gerade das verleiht der Darstellung von Bedrohung und Einschüchterung ihre kühle Wucht.
Rezeption↑
Bekannt wurde das Buch vor allem deshalb, weil es als erste literarische Behandlung der Mafia gilt. Es machte Sciascia über Sizilien hinaus zu einem beachteten Autor. Die deutschsprachige Übersetzung von Arianna Giachi erschien 1964 im Walter Verlag. 1968 brachte der Regisseur Damiano Damiani eine gleichnamige Verfilmung in die Kinos.
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