1909 – 2006
Hilde Domin
Kurzporträt↑
Als eine der bekanntesten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit gab Hilde Domin dem sogenannten ungereimten Gedicht eine Stimme. Geboren 1909 in Köln als Hildegard Dina Löwenstein, floh sie als Jüdin vor den Nationalsozialisten und verbrachte 22 Jahre im Exil, zuletzt in der Dominikanischen Republik. Von diesem Inselstaat leitete sie später ihren Künstlernamen ab. Erst mit fast fünfzig Jahren trat sie mit dem Gedichtband Nur eine Rose als Stütze an die Öffentlichkeit. Ihre Gedichte kreisen um Flucht, Rückkehr und das Vertrauen in die Sprache als einzig verlässliche Heimat; sie starb 2006 in Heidelberg.
Biografie↑
Hildegard Löwenstein wurde im Juli 1909 in Köln geboren, in der Riehler Straße 23. Ihr Vater Eugen Siegfried Löwenstein (1871–1942) war ein aus Düsseldorf stammender jüdischer Rechtsanwalt und Kölner Justizrat, ihre Mutter Paula stammte aus Frankfurt. Die Familie lebte in gut situierten, bürgerlichen Verhältnissen und war stark assimiliert; nach eigener Aussage erfuhr Domin keine jüdische Erziehung. Sie besuchte zunächst mehrere Jahre lang Privatunterricht und trat dann in die Höhere Töchterschule, das Merlo-Mevissen-Lyzeum, ein. Nach dem Abitur 1929 schrieb sie sich in Heidelberg für Rechtswissenschaft ein, ein Fach, das sie aus Begeisterung für ihren Vater gewählt hatte.
Bald wandte sie sich der Volkswirtschaft sowie den Sozial- und Staatswissenschaften zu. Ihr Studium führte sie über Köln, Bonn und Berlin und wieder zurück nach Heidelberg, wo sie unter anderem philosophische Vorlesungen bei Karl Jaspers hörte. 1930 trat sie der SPD bei. Im selben Jahr wohnte sie in Berlin einer Rede Hitlers bei und las daraufhin dessen Buch Mein Kampf; sie war überzeugt, dass er das dort Angekündigte auch ausführen würde.
In Heidelberg lernte sie 1931 den Altphilologie- und Archäologiestudenten Erwin Walter Palm kennen. Seiner Italiensehnsucht folgend, gingen beide 1932 zu einem Auslandsstudium nach Rom. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 wurde daraus die erste Station eines langen Exils. 1935 wurde Hilde Löwenstein promoviert. 1936 heirateten die beiden in Rom. Die italienischen Rassengesetze von 1938 zwangen das Paar zur Ausreise, und 1939 floh es in letzter Minute über Paris nach Großbritannien. In Minehead in Somerset unterrichtete Hilde Palm ein halbes Jahr lang als Sprachlehrerin.
Angesichts der drohenden deutschen Angriffe verließen beide England am 26. Juni 1940 und gelangten über Kanada in die Dominikanische Republik. Dort widmete sich Palm archäologischen Forschungen und lehrte an der Universität von Santo Domingo, während Domin ihm zuarbeitete, Deutsch unterrichtete und den Lebensunterhalt sicherte. Aus einer gemeinsamen Arbeit über die Kolonialarchitektur der Insel gingen Fotografien und ein Lektorat aus ihrer Hand hervor.
Erschüttert durch den Tod der Mutter und belastet durch eine Ehekrise begann Domin 1951, Gedichte zu schreiben. Diesen Übergang bezeichnete sie später als ihre „zweite Geburt“ und als heilende Heimkehr in die deutsche Sprache. In rund zwei Jahren entstanden etwa 150 bis 200 Gedichte, die sich an moderner spanischsprachiger Lyrik orientierten. 1954 kehrte sie nach 22 Jahren Exil in die Bundesrepublik zurück, pendelte aber noch einige Jahre zwischen Spanien und Deutschland. In dieser Zeit veröffentlichte sie erste Gedichte unter dem Pseudonym Domin, benannt nach dem Inselstaat, in dem sie Zuflucht gefunden hatte.
1959 erschien ihr erster Gedichtband Nur eine Rose als Stütze im S. Fischer Verlag. Um zu verbergen, dass eine bereits Fünfzigjährige debütierte, gab man ihr Geburtsjahr fälschlich mit 1912 an; diese Angabe rückte Domin erst 1999 zurecht. 1961 übersiedelte sie endgültig nach Heidelberg. Neben Gedichten schrieb sie Erzählungen, den Roman Das zweite Paradies, autobiografische Schriften sowie lyriktheoretische Arbeiten wie Wozu Lyrik heute. Sie war zudem als Übersetzerin und Herausgeberin tätig und stand jungen Dichtern mit Rat zur Seite. Im Wintersemester 1987/1988 hielt sie als vierte Frau nach Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf die Frankfurter Poetik-Vorlesungen.
Bis ins hohe Alter unternahm sie Lesereisen, noch 2003 nach Spanien und 2005 nach England. Am 22. Februar 2006 starb Hilde Domin in Heidelberg im Alter von 96 Jahren, nachdem sie sich bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte. Sie wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt, neben ihrem 1988 verstorbenen Mann. Ihr selbst gewählter Grabspruch lautet: „Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug.“ Ihr literarischer Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Literarische Merkmale↑
Bekannt wurde Hilde Domin vor allem als Vertreterin des ungereimten Gedichts. Ihre freien Rhythmen und ihre kunstvolle Schlichtheit prägten ein Werk, das aus der Erfahrung von Verfolgung und Exil hervorging. Walter Jens besprach ihren Debütband begeistert, stellte sie in eine Reihe mit Nelly Sachs, Marie Luise Kaschnitz und Ingeborg Bachmann und lobte die kunstvolle Simplizität ihrer Lyrik. Ihre Gedichte kreisen um die Erfahrung ständiger Flucht und greifen das alte Motiv des rastlos Wandernden auf, der sich Heimat im eigenen Inneren schaffen muss.
Ihre frühen Gedichte orientierten sich an moderner spanischsprachiger Lyrik, etwa an Rafael Alberti, Federico García Lorca, Gabriela Mistral und César Vallejo. Domin sah sich selbst als spanische Autorin in deutscher Sprache, geprägt vom arabischen Erbe des Spanischen. In späteren Gedichten ließ sie sich von der japanischen Kunsttheorie inspirieren und stand auch unter dem Einfluss Hölderlins. Die deutsche Muttersprache war ihr Zuflucht; das Vertrauen in menschliche Beziehungen dagegen blieb bei aller Anerkennung fragil und wurde zu einem beherrschenden Thema.
Der zweite Band Rückkehr der Schiffe stellt das zwiespältige Erlebnis der Heimkehr nach Deutschland in den Mittelpunkt, zwischen Warnung und vorsichtiger Hoffnung. Der dritte Band Hier nimmt kritisch auf die bundesrepublikanische Gesellschaft der ausgehenden Adenauerzeit Bezug. In Ich will dich steht das lange Gedicht „Abel steh auf“, das Domin als ihr „letztes Wort“ bezeichnete, weil sie es nicht mehr überbieten könne. Mit der biblischen Formel „Steh auf!“ beschwört sie die Utopie eines Neubeginns hinter allen Katastrophen der Geschichte. Im Zentrum ihrer Poetik steht der Gedanke, dass jedes Gedicht ein Aufruf gegen das bloße Funktionieren des Menschen und damit ein „Augenblick von Freiheit“ sei.
Rezeption↑
Ihren Rang verdankt Hilde Domin vor allem ihren Gedichten, die die Erfahrungen des Exils und der Rückkehr nach Deutschland spiegeln und denen ein langfristiger Erfolg zuteil wurde. Ihre Gedichtbände erleben bis heute zahlreiche Neuauflagen und werden auch im theologischen Zusammenhang gelesen. Weniger beachtet wurden dagegen ihr umfangreiches lyriktheoretisches Werk, ihre autobiografischen Schriften und ihr Roman Das zweite Paradies, der zugleich als Roman einer Ehekrise gelesen werden kann.
Domin erhielt zahlreiche Ehrungen. 1992 wurde ihr der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg verliehen, wobei Ulla Hahn die Laudatio hielt. Zum 95. Geburtstag 2004 erhielt sie die Ehrenbürgerwürde der Stadt Heidelberg; die Dominikanische Republik zeichnete sie mit ihrem höchsten Orden aus. Bereits 1992 stiftete die Stadt Heidelberg ihr zu Ehren einen Literaturpreis, der seit ihrem Tod „Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil“ heißt. Kurz vor ihrem Tod wurde sie Ehrenmitglied des P.E.N.-Clubs des Exils.
Ihr Nachwirken zeigt sich auch im öffentlichen Raum: In Köln tragen ein Rosengarten in der Nähe ihres Geburtshauses und eine Schule ihren Namen, 2017 wurde vor ihrem ehemaligen Wohnhaus ein Stolperstein verlegt. Wissenschaftlich ist ihr Werk in zahlreichen Monografien und Aufsätzen erschlossen; ihr Briefwechsel mit Nelly Sachs sowie die Korrespondenz mit Hannah Arendt und Peter Szondi gelten als Dokumente von bleibendem zeit- und geistesgeschichtlichem Wert.
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