1572 – 1631
John Donne
Kurzbiografie↑
Als bedeutendster der metaphysischen Dichter gilt John Donne, geboren 1572 in London und dort 1631 gestorben. Sein Werk reicht von erotischen Liebesgedichten und Liedern über Elegien, Hochzeits- und Versbriefe bis hin zu geistlicher Lyrik, theologischen Streitschriften, Meditationen und Predigten. Berühmt wurde er ebenso für seine sinnlichen Verse wie für seine religiösen Sonette, die sogenannten Holy Sonnets. Nach einem Leben zwischen Katholizismus und Anglikanismus, zwischen höfischem Ehrgeiz und langen Jahren der Not wurde er schließlich anglikanischer Geistlicher und Dekan der St. Paul's Cathedral. Zu Lebzeiten kaum gedruckt, kreisten seine Dichtungen zunächst in Abschriften durch die Hände seiner Zeitgenossen.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Donne in einer katholischen Familie, die für ihren Glauben viel zu erleiden hatte. Rückblickend schrieb er 1610, er stamme von einem Menschenschlag ab, der wegen seines Gehorsams gegenüber dem Römischen Lehramt mehr habe erdulden müssen als jede andere Familie. Über seine Mutter Elizabeth Heywood war er ein Urgroßneffe von Sir Thomas More. Zwei Onkel gehörten dem Jesuitenorden an, ein Großonkel wurde 1574 hingerichtet, weil er verbotenerweise die Messe gefeiert hatte. Sein jüngerer Bruder Henry starb 1593 im Newgate-Gefängnis, nachdem er einen katholischen Priester versteckt hatte. Donnes Vater John, ein wohlhabender Londoner Eisenhändler, starb 1576; noch im selben Jahr heiratete die Mutter den Arzt Dr. John Syminges.
Ab 1584 studierte Donne in Oxford, ab 1588 in Cambridge. Examina legte er nicht ab, weil er dafür den Eid auf die Königin als Oberhaupt der Kirche hätte schwören müssen. Vermutlich bereiste er zwischen 1589 und 1591 Italien und Spanien. In den frühen 1590er-Jahren machte er sich als Dichter einen Namen: Er verfasste erotische Elegien, zeitkritische Satiren und zahlreiche Lieder und Gedichte, die nicht gedruckt wurden, sondern in Abschriften zirkulierten. In diesen Jahren wandte er sich vom Katholizismus ab und dem anglikanischen Protestantismus zu. Der genaue Zeitpunkt seiner Konversion lässt sich nicht bestimmen; spätestens beim Eintritt in den Staatsdienst 1597/98 musste sie vollzogen sein.
Von 1591 bis 1595 erhielt er eine juristische Ausbildung in Thavies Inn und Lincoln's Inn. Von 1596 bis 1597 begleitete er den Grafen von Essex auf die Flottenexpedition nach Cádiz und auf die gescheiterte Fahrt zu den Azoren. Von diesen Unternehmungen zeugen die Versbriefe The Storm und The Calm. Ende 1597 oder Anfang 1598 wurde Donne Sekretär des Lordkanzlers Sir Thomas Egerton, der ihn als scharfsinnigen Juristen und anregenden Gesprächspartner schätzte. Mit kritischem Blick beobachtete Donne Missstände in Justiz und Hof. Im Herbst 1601 war er kurzzeitig Mitglied des Parlaments.
Während seiner Zeit bei Egerton lernte Donne Ann More kennen und lieben, die Nichte von Egertons zweiter Frau. Da ihr Vater Sir George More der Verbindung niemals zugestimmt hätte, heirateten die beiden heimlich, wahrscheinlich im Dezember 1601. Für diesen Verstoß gegen das kanonische Recht ließ Sir George Donne kurzzeitig inhaftieren und sorgte für seine Entlassung aus dem Dienst. Mit dreißig Jahren stand Donne ohne Anstellung und ohne ausreichende Mittel da. Es folgten zehn Jahre in demütigender finanzieller Abhängigkeit, zunächst von der Wohltätigkeit von Anns Cousin Sir Francis Wolley in Pyrford, ab 1606 von einem Unterhalt des versöhnten Schwiegervaters, der einen Umzug nach Mitcham erlaubte. Wiederholt und erfolglos bewarb er sich um ein Amt, unter anderem 1614 um den Posten des englischen Botschafters in Venedig. Ann brachte zwölf Kinder zur Welt, von denen fünf vor dem Erwachsenenalter starben.
Trotz aller Not schrieb Donne unermüdlich. Es entstanden Prosawerke wie Biathanatos (1608), Pseudo-Martyr (1610) und Ignatius His Conclave (1611), dazu Liebeslyrik und die zwischen 1607 und 1610 geschriebenen Holy Sonnets. In den beiden Anniversaries – An Anatomy of the World (1611) und Of the Progress of the Soul (1612) – setzte er der jung verstorbenen Elizabeth Drury ein Denkmal; diese Gedichte gehören zu den wenigen, die er selbst in Druck gab. Darin äußerte er seinen Widerwillen gegen die „neue Wissenschaft“ von Giordano Bruno, Galilei und Kepler, die den Menschen aus dem Mittelpunkt des Weltalls verbannte.
Im Sommer 1614 lehnte König Jakob I. Donnes letzten Versuch ab, ein weltliches Amt am Hof zu erhalten, und ließ ihn wissen, er halte ihn für ein kirchliches Amt geeigneter. Inzwischen war Donne selbst zur Überzeugung gelangt, eine religiöse Berufung zu haben. Im Januar 1615 wurde er in der St. Paul's Cathedral zum Diakon und Priester geweiht und bald darauf zum Hofprediger ernannt; auf Befehl des Königs erhielt er im März 1615 den Doktor der Theologie von Cambridge. Im August 1617 starb seine Frau Ann nach der Totgeburt ihres zwölften Kindes. Von Trauer überwältigt, schwor Donne, nie wieder zu heiraten. Den Verlust verarbeitete er unter anderem im Sonett Since she whom I loved.
Nun wandte er sich ganz seiner Berufung zu. Die Qualität seiner Predigten verschaffte ihm bei Hof und in Lincoln's Inn den Ruf eines ausgezeichneten Predigers, und er stand bei König Jakob I. wie bei König Karl I. in hoher Gunst. Von 1619 bis 1620 begleitete er als Delegationsgeistlicher Viscount Doncaster nach Deutschland und predigte in Heidelberg vor dem kurfürstlichen Ehepaar. Am 22. November 1621 wurde er zum Dekan der St. Paul's Cathedral ernannt. Von dort verbreitete sich sein Ruf weit über Hof und Lincoln's Inn hinaus, denn nun predigte er vor einem Querschnitt der Londoner Bevölkerung. Ende 1623 brachte er während einer lebensgefährlichen Krankheit seine Devotions upon emergent occasions zu Papier. Seine letzte Predigt am 25. Februar 1631, berühmt geworden als Death's Duel, empfanden Zeitgenossen als seine eigene Leichenrede. Am 31. März 1631 starb Donne in London. Nach einer Zeichnung, die er sich auf dem Sterbebett in seinem Leichentuch hatte anfertigen lassen, schuf Nicholas Stone eine Marmorstatue, die den Großen Brand von 1666 überstand und noch heute in der St. Paul's Cathedral steht.
Literarische Merkmale↑
Bereits Donnes erster Biograph Izaak Walton stellte fest, der poetische Stil des jungen Dichters sei von geistreich gesuchten Metaphern geprägt, in denen Natur und Kunst mit höchstem Geschick zusammenwirkten. Manfred Pfister merkt dazu an, damit komme Walton schon dem nahe, was die Literaturkritik von John Dryden und Samuel Johnson bis heute mit dem Begriff „Metaphysical Poetry“ meint. Kennzeichnend sind die ausgedehnten Metaphern, die sogenannten conceits, die eine oft verblüffende Parallele zwischen weit auseinanderliegenden Dingen herstellen. Das Material dazu bezieht Donne aus Alchemie, Astronomie, Medizin, Mythologie, Philosophie, Politik und Theologie. Wo Walton das Zusammenwirken von Natur und Kunst pries, sah Samuel Johnson darin nur ein kritikwürdiges Verfahren, um die heterogensten Ideen gewaltsam unter ein gemeinsames Joch zu zwingen.
In Donnes Gedichten dominiert die Stimme eines Sprechers, der sich mit hoher emotionaler Intensität an ein Du wendet – an eine geliebte Frau, an Gott, an einen Freund oder Gegner. Der Sprecher wirbt, schmeichelt und hadert, er argumentiert und widerspricht. Wegen dieser Rolle des Sprechers sind seine Verse schärfer formuliert als sonst üblich; man hat ausgerechnet, dass zehn Zeilen bei Donne rund zwei Verben mehr enthalten als in der englischen Lyrik gewöhnlich. Die Metrik ist nicht glatt und melodiös, sondern oft uneben und rau, angepasst an die Dramatik der jeweiligen Situation. Insgesamt verwendet er 46 verschiedene Strophenformen, und keine davon mehr als zweimal – jeder neue Anlauf verlangt eine neue Gestalt.
Seine Liebeslyrik umfasst im Wesentlichen zwei Gruppen: die Elegies nach dem Vorbild der Amores Ovids und die Songs and Sonnets. Charakteristisch ist eine Sakralisierung des Erotischen, in der körperliches Begehren als heiliges Mysterium erscheint, in einer Bildersprache, die ans Blasphemische grenzt. Laut Helen Gardner zählt Donne zu den größten Liebesdichtern, weil bei ihm die Bandbreite von Stimmung und Erleben größer sei als bei jedem anderen Nicht-Dramatiker. In der geistlichen Dichtung kehrt sich dieses Verfahren um: Der „Sakralisierung des Erotischen“ entspricht in den Holy Sonnets eine „Erotisierung des Sakralen“. Im Sonett Batter my heart, three-personed God steigert Donne das Bild der Vereinigung von Seele und Gott bis zur ersehnten Vergewaltigung der Seele durch Gott. In seinen geistlichen Versen ringt er zugleich mit der strengen Prädestinationslehre Calvins und sucht im Sinne der anglikanischen via media einen Mittelweg zwischen dem katholischen und dem puritanischen Extrem.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten erschien nur wenig von Donne im Druck; seine Dichtungen kreisten in Abschriften, und viele Werke wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht. Der Titel Songs and Sonnets stammt gar nicht von ihm selbst, sondern von den Herausgebern der posthumen zweiten Auflage von 1635. Seine Verteidigung des Suizids, Biathanatos, hielt er zeitlebens unter Verschluss; das Buch erschien erst 1647, sechzehn Jahre nach seinem Tod.
Sein Nachruhm ist eng mit dem Begriff der metaphysischen Dichtung verbunden. Von John Dryden und Samuel Johnson bis in die Gegenwart hat die Literaturkritik daran ihre Urteile geschärft. Während Johnson die gewaltsame Verbindung entlegener Ideen tadelte, hebt die neuere Forschung gerade die emotionale Kraft und die intellektuelle Spannweite hervor. John Carey bezeichnete die Heroide Sapho to Philænis als das erste lesbische Liebesgedicht englischer Sprache. Weltliterarische Bedeutung erlangten die Devotions upon emergent occasions nicht zuletzt durch zwei Wendungen aus ihrer Meditation XVII. Sichtbares Zeichen seiner Wirkung blieb die Marmorstatue in der St. Paul's Cathedral, die den Großen Brand von 1666 überstand.
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