1924 – 1996
José Donoso
Kurzbiografie↑
Der chilenische Schriftsteller José Donoso zählt zu den führenden Autoren des sogenannten Booms der lateinamerikanischen Literatur in den 1960er und 1970er Jahren. Geboren 1924 in Santiago de Chile, starb er 1996 ebendort. Seine Romane richten den Blick immer wieder kritisch auf die chilenische Oberschicht. Sie gelten als komplex und pessimistisch: Donoso erzählt in Bildern von düsterem Surrealismus und mit spürbarer Ironie. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören Ort ohne Grenzen und Der obszöne Vogel der Nacht.
Biografie↑
Geboren wurde José Manuel Donoso Yáñez am 5. Oktober 1924. Bei der Angabe des Geburtsorts weichen die Quellen leicht voneinander ab: Wikidata nennt Santiago de Chile, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet den Stadtteil Santiago-Providencia.
Donoso studierte drei Jahre am Pädagogischen Institut der Universidad de Chile. Danach erhielt er ein zweijähriges Stipendium für die Princeton University in den Vereinigten Staaten. Dort schloss er 1951 mit dem Bachelor ab. Schon während der Princeton-Jahre veröffentlichte er Erzählungen auf Englisch. Zurück in Chile arbeitete er als Dozent für englische Literatur und für die englische Sprache an Universitäten. Daneben war er als Journalist tätig.
Der literarische Durchbruch kam in den fünfziger Jahren. 1956 zeichnete die Stadt Santiago de Chile seine erste Sammlung von Kurzgeschichten mit einem Preis aus. Ein Jahr später erschien sein erster Roman Die Krönung. Das Buch erzählt vom fünfzigjährigen Andrés, der allein mit seiner tyrannischen Großmutter in einem Haus lebt. Als er sich an die junge Pflegerin der alten Frau heranmachen will, scheitert er. Die Figur der Großmutter ist Donosos eigener Großmutter nachempfunden, die in den frühen 1930er Jahren ins Haus seiner Eltern gezogen war. Die englische Übersetzung des Romans erhielt 1962 den William Faulkner Foundation Prize.
1958 reiste Donoso nach Buenos Aires. Dort kam er mit wichtigen argentinischen Schriftstellern in Kontakt, unter ihnen Jorge Luis Borges. In Buenos Aires lernte er auch seine spätere Frau kennen.
1964 verließ Donoso Chile. Siebzehn Jahre lang kehrte er nicht in seine Heimat zurück. Er lebte vor allem in Spanien, zeitweise auch in den Vereinigten Staaten. In diese Jahre der Abwesenheit fallen seine bekanntesten Romane. 1965 erschien Ort ohne Grenzen. Hauptfigur ist ein Transvestit in einem Dorfbordell, das immer weniger Kundschaft hat; das Unglück der Hauptperson wächst mit dem Niedergang des Hauses. Arturo Ripstein verfilmte den Stoff 1978. Fünf Jahre nach Ort ohne Grenzen, im Jahr 1970, folgte Der obszöne Vogel der Nacht. Der Roman handelt von einem gescheiterten Schriftsteller in einer alptraumhaften Umgebung. 1978 kam Das Landhaus heraus. Darin freundet sich ein Kind aus gutbürgerlicher Familie mit Indios an, was die Angehörigen scharf missbilligen.
1986 veröffentlichte Donoso Die Toteninsel, einen kritischen Roman über das Leben in Chile unter der Diktatur Augusto Pinochets. 1990 erhielt er den Premio Nacional de Literatura de Chile, die höchste Literaturauszeichnung des Landes.
Nach zweijähriger Krankheit starb José Donoso am 7. Dezember 1996 im Alter von 72 Jahren in Santiago de Chile an Leberkrebs. Bis zuletzt hatte er gearbeitet. Kurz vor seinem Tod stellte er den Roman El mocho fertig, der erst nach seinem Tod erschien.
Seine Adoptivtochter Pilar Donoso (1967–2011) legte 2010 eine Biographie über ihren Vater und dessen Familie vor. Sie trägt den Titel Correr el tupido velo, auf Deutsch etwa: Den dichten Schleier zuziehen.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Donosos Bücher sind Komplexität und ein durchgehender Pessimismus. Er verpackt beides in Geschichten, die von einem düsteren Surrealismus und von Ironie leben. Seine Stoffe holt er häufig aus der Oberschicht der chilenischen Gesellschaft, die er kritisch vorführt.
Auffällig ist, welche Figuren Donoso in den Mittelpunkt rückt: einen alternden Mann im Haus einer tyrannischen Großmutter, einen Transvestiten in einem verfallenden Dorfbordell, einen gescheiterten Schriftsteller in alptraumhafter Umgebung. Es sind Randgestalten und Gescheiterte, deren Lage sich im Lauf der Handlung eher verschlimmert als bessert. Auch das Persönliche fließt ein: Die Großmutter aus Die Krönung ist Donosos eigener Großmutter nachgebildet.
Rezeption↑
Als einer der führenden Autoren des Booms der lateinamerikanischen Literatur in den 1960er und 1970er Jahren fand Donoso früh internationale Beachtung. Die englische Übersetzung seines Erstlingsromans Die Krönung wurde 1962 mit dem William Faulkner Foundation Prize ausgezeichnet. Bereits 1956 hatte die Stadt Santiago de Chile seine erste Kurzgeschichtensammlung geehrt.
In Chile selbst erhielt er 1990 den Premio Nacional de Literatura de Chile, die höchste literarische Auszeichnung des Landes. Sein Roman Ort ohne Grenzen wurde 1978 von Arturo Ripstein verfilmt.
Auch nach seinem Tod blieb das Interesse an Donoso wach. Sein letzter Roman El mocho erschien posthum. 2010 veröffentlichte seine Adoptivtochter Pilar Donoso mit Correr el tupido velo eine Biographie über den Vater und die Familie.
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