1896 – 1970
John Dos Passos
Kurzporträt↑
John Dos Passos (1896–1970) zählt zu den Hauptvertretern der amerikanischen Moderne. Er steht damit neben Ernest Hemingway, William Faulkner und F. Scott Fitzgerald. Der in Chicago geborene Schriftsteller wurde vor allem durch den Großstadtroman Manhattan Transfer und die dreibändige Romantrilogie U.S.A. bekannt. In diesen Werken entwarf er ein weit gespanntes Bild der amerikanischen Gesellschaft. Mit Collagetechniken aus Zeitungsausschnitten, Schlagzeilen, Gedichten und biografischen Einschüben suchte er nach neuen Formen des Erzählens. Daneben war Dos Passos zeitlebens auch als Maler tätig. Sein politischer Weg führte vom Sympathisanten der jungen Sowjetunion zum scharfen Kritiker der stalinistischen Linken.
Biografie↑
John Roderigo Dos Passos wurde am 14. Januar 1896 in Chicago geboren. Er war der uneheliche Sohn des wohlhabenden Rechtsanwalts portugiesischer Abstammung John Randolph Dos Passos (1844–1917). Er wuchs unter der Obhut seiner Mutter Lucy Addison Sprigg Madison in Virginia auf. Noch als Schüler unternahm er mit einem Privatlehrer eine halbjährige Grand Tour durch Frankreich, England, Italien, Griechenland und den Nahen Osten. Dort studierte er Meisterwerke der klassischen Kunst und Architektur im Original.
1913 schrieb er sich an der Harvard University ein. Nach dem Studienabschluss 1916 ging er nach Spanien, um sich auch dort Kunst und Architektur anzuschauen. Damals wütete in Europa der Erste Weltkrieg, in den die USA noch nicht eingetreten waren. Im Juli 1917 meldete sich Dos Passos zusammen mit seinen Freunden E. E. Cummings und Robert Hillyer auf französischer Seite als Krankenwagenfahrer. Diese Aufgabe übte er als Mitarbeiter des Roten Kreuzes aus und war damit nicht direkt an der Frontlinie. Er erwies sich als guter Zuhörer und genauer Beobachter. Im Spätsommer 1918 hatte er den Entwurf seines ersten Romans fertiggestellt. Zur selben Zeit wurde er zu den Sanitätstruppen der US-Armee einberufen und musste sich in Camp Crane, Pennsylvania, melden. Zu Kriegsende war er in Paris stationiert. Dort wurde ihm ein Anthropologie-Studium an der Sorbonne genehmigt.
Sein erster Roman One Man's Initiation: 1917 erschien 1920. Ihm folgte 1921 der Anti-Kriegs-Roman Three Soldiers, der ihm erste Anerkennung eintrug. 1925 kam Manhattan Transfer heraus. Das Werk gilt heute neben Andrei Belys Petersburg, James Joyces Ulysses und Alfred Döblins Berlin, Alexanderplatz als einer der großen Großstadtromane der literarischen Moderne. Hier wandte er zum ersten Mal die Technik des Bewusstseinsstroms an. Der Roman war auch kommerziell ein Erfolg.
Dos Passos verstand sich zu dieser Zeit als Sozialrevolutionär. Er betrachtete die Vereinigten Staaten als in eine reiche und eine arme Nation geteilt. Voller Bewunderung schrieb er über die Wobblies. Nach der Verurteilung von Sacco und Vanzetti beteiligte er sich an einer vergeblichen Kampagne, um ihnen die Todesstrafe zu ersparen. 1928 verbrachte er mehrere Monate in der Sowjetunion, um den Sozialismus zu studieren. Von 1930 bis 1936 erschien seine Romantrilogie U.S.A., bestehend aus The 42nd Parallel, 1919 und The Big Money. Sie zeichnet ein großangelegtes Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft der Jahre 1890 bis 1930. Dabei verwandte er verschiedene experimentelle Collagetechniken mit Zeitungsausschnitten und Schlagzeilen, Gedichten, biografischen Elementen und Fiktion. Jeder Roman kann auch für sich allein stehen. Dennoch ist die Trilogie dafür angelegt, als Ganzes gelesen zu werden.
In den zwanziger Jahren war Dos Passos ein Sympathisant der jungen Sowjetunion. Während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) stand er auf Seiten der Republikaner. Daher fuhr er zusammen mit seinem Freund Ernest Hemingway nach Spanien. Dort sah er, wie terroristisch die sowjetische Fraktion ihre Führungsstellung gegen die verbündeten Trotzkisten und Anarchisten durchsetzte. Unter anderem ermordete sie 1937 Dos Passos' Übersetzer José Robles. Daraufhin ging er auf Distanz zur stalinistischen Linken und schrieb eine Reihe kritischer Artikel gegen sie. Es kam zum Bruch mit Hemingway und Herbert Matthews wegen deren herablassender Haltung zum Krieg. In The Big Money schuf er die Figur eines idealistischen Kommunisten, der durch innerparteilichen Terror zerstört wird. Die Sowjetunion galt damals in Europa als wichtigste antifaschistische Macht. Deshalb musste Dos Passos einen scharfen Einbruch seiner Verkaufszahlen hinnehmen.
Von 1942 bis 1945 arbeitete er als Journalist im Zweiten Weltkrieg. 1947 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Seit 1937 war er Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Durch einen Autounfall verlor er seine Ehefrau Katharine Smith, mit der er 18 Jahre verheiratet gewesen war, sowie das Augenlicht auf einer Seite. Später heiratete er Elizabeth Holdridge (1909–1998). Bis zu seinem Tod 1970 in Baltimore schrieb er weiter. 1967 erhielt er in Anerkennung seiner literarischen Leistungen den Antonio-Feltrinelli-Preis. Begraben ist er auf dem Yeocomico Churchyard in Cople Parish, Westmoreland County, Virginia.
Literarische Merkmale↑
Erzählerisch suchte Dos Passos beständig nach neuen Formen. In Manhattan Transfer wandte er zum ersten Mal die Technik des Bewusstseinsstroms an. Das Leben einer Großstadt fügte er dabei aus vielen Einzelschicksalen zusammen. In der Trilogie U.S.A. trieb er dieses Verfahren weiter. Er mischte verschiedene experimentelle Collagetechniken, in denen Zeitungsausschnitte und Schlagzeilen, Gedichte, biografische Elemente und erfundene Handlung nebeneinandertreten. So entstand ein weit gespanntes Sittenbild der amerikanischen Gesellschaft. Es übersteigt einen einzelnen Roman und besteht doch aus klar abgegrenzten Teilen.
Seine Sicht auf die politische und wirtschaftliche Richtung der Vereinigten Staaten war von Pessimismus geprägt. Nur wenigen seiner Figuren gelingt es, ihre Ideale durch den Ersten Weltkrieg zu retten. Bevor er als Romanschriftsteller hervortrat, zeichnete und malte Dos Passos. Viele seiner Bücher trugen Umschlagbilder und Illustrationen, die er selbst geschaffen hatte. Beeinflusst von Impressionismus, Expressionismus und Kubismus entwickelte er als Maler einen eigenen Stil.
Rezeption↑
Heute zählt Dos Passos zu den Hauptvertretern der amerikanischen Moderne, in einer Reihe mit Ernest Hemingway, William Faulkner und F. Scott Fitzgerald. Manhattan Transfer gilt als einer der großen Großstadtromane der literarischen Moderne und war schon zu seiner Zeit auch kommerziell erfolgreich.
Sein politischer Weg hatte allerdings Folgen für seine Wirkung. Er wandte sich von der stalinistischen Linken ab und verfasste kritische Artikel. Daraufhin brach der Verkauf seiner Bücher ein, denn die Sowjetunion galt in Europa trotz der Moskauer Prozesse als wichtigste antifaschistische Macht. Erst rund dreißig Jahre später wurde er in Europa rehabilitiert. 1967 erhielt er den angesehenen Antonio-Feltrinelli-Preis. Auch als Maler fand er Beachtung, schon 1922 mit einer Ausstellung im New Yorker National Arts Club. 2001 würdigte die Schau The Art of John Dos Passos sein bildnerisches Werk. Seit 1980 verleiht die Longwood University in Farmville, Virginia, den nach ihm benannten Dos Passos Prize.
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