Masnawī
Überblick↑
Das Werk Masnawī ist ein umfangreiches Lehrgedicht in persischer Sprache. Sein Verfasser ist der Dichter und Mystiker Dschalal ad-Din ar-Rumi. Es gehört zu den einflussreichsten Werken in der Geschichte des Sufismus, der mystischen Strömung des Islam. Das Werk umfasst sechs Bücher mit zusammen rund 25.000 Versen. Gelegentlich wird es als „Koran in persischer Sprache" bezeichnet. Manche Muslime zählen es zu den wichtigsten Werken der islamischen Literatur, gleich nach dem Koran. Es ist ein geistlicher Text, der den Anhängern des Sufismus zeigen will, wie sie zu ihrem Ziel gelangen: der wahren Liebe zu Gott.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In sechs Büchern reiht Rumi eine große Zahl von Anekdoten und Geschichten aneinander. Das Werk eröffnet mit seiner berühmtesten Passage, dem „Lied des Rohres": Eine Rohrflöte klagt darüber, aus dem Schilf geschnitten worden zu sein – ein Sinnbild für die Sehnsucht der Seele nach der Rückkehr zu Gott, von dem sie sich getrennt fühlt. Die Stoffe stammen aus dem Koran, aus den Überlieferungen über den Propheten Mohammed und aus ganz alltäglichen Erzählungen. Jede Geschichte dient dazu, einen Gedanken zu veranschaulichen; die darin enthaltene Lehre wird anschließend ausführlich erörtert. Einen durchgehenden Handlungsfaden gibt es nicht. Im Mittelpunkt steht die innere, persönliche Deutung des Glaubens, wie sie der Sufismus lehrt. Im Vergleich zu Rumis Diwan-i Schams-i Tabrizi wirkt das Masnawī ruhig und nüchtern. Es erklärt die verschiedenen Seiten des geistlichen Lebens – den Schülern des Sufismus ebenso wie jedem, der über den Sinn des Lebens nachdenken möchte.
Die Handlung im Detail↑
Sechs Bücher bilden das Masnawī. Jedes von ihnen umfasst etwa 4.000 Verse und hat eine eigene Einleitung in Prosa sowie einen eigenen Prolog. Die sechs Bücher lassen sich zu drei Paaren ordnen, weil je zwei von ihnen ein gemeinsames Thema verbindet.
Das erste und das zweite Buch handeln vor allem vom niederen, sinnlichen Selbst des Menschen, das die Sufis nafs nennen – von seiner Selbsttäuschung und seinen schlechten Neigungen.
Das dritte und das vierte Buch kreisen um Vernunft und Erkenntnis. Rumi verkörpert diese beiden Themen in der Gestalt des Propheten Mose, den sowohl der Koran als auch die Bibel kennen.
Das fünfte und das sechste Buch sind durch einen gemeinsamen Gedanken verbunden: Der Mensch muss sein leibliches, irdisches Dasein hinter sich lassen, um das Dasein Gottes zu begreifen.
Einen festen Rahmen oder eine fortlaufende Handlung besitzt das Werk nicht. Es versammelt volkstümliche Geschichten, Szenen vom Basar, Fabeln und Erzählungen aus Rumis Zeit, dazu Verse aus dem Koran und Berichte aus der Zeit Mohammeds. Meist folgt Rumi dabei einem bestimmten Muster: Zuerst steht ein Problem oder ein Thema, dann tritt eine Verwicklung hinzu, am Ende steht die Auflösung.
Rumi begann das Werk erst in seinen letzten Lebensjahren. Um das Jahr 1258, im Alter von etwa 54 Jahren, diktierte er die ersten Verse und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 1273 daran weiter. Das sechste Buch blieb unvollendet. Sein offener Schluss hat manche zu der Vermutung geführt, das Werk sei bei Rumis Tod noch nicht fertig gewesen; andere nahmen sogar an, es habe einmal ein weiteres Buch gegeben.
Stil↑
Der Titel des Werks lautet vollständig Masnavi-ye Ma'navi und bedeutet so viel wie „geistliche Doppelverse". Zugleich benennt der Titel die Form: Das Masnawi ist eine Gattung der persischen Dichtung, deren Verse zu Paaren angeordnet sind. Rumi wählte einen belehrenden, unterweisenden Ton, wie ihn vor ihm bereits die Dichter Sana'i und Attar gepflegt hatten.
Entstanden ist das Werk im mündlichen Austausch. Rumi trug die Verse vor, sein Lieblingsschüler Husam ad-Din Chalabi schrieb sie nieder und las sie ihm wieder vor. Angeregt hatte Chalabi das Werk, weil viele von Rumis Anhängern die Bücher von Sana'i und Attar lasen.
Innerhalb der Geschichten wechselt Rumi immer wieder die Stimme und lädt den Leser so zu einer Art bildhafter Verzauberung ein. Man kann mehrere solcher Stimmen unterscheiden: die des lehrenden Meisters, die des Erzählers, der durch Nebengeschichten unterbrochen werden kann, eine Stimme, die einen Gedanken durch Vergleiche erläutert, die Reden und Zwiegespräche der Figuren, die sittliche Betrachtung mit Belegen aus Koran und Überlieferung sowie die geistliche Erörterung. Mitunter hält Rumi auch inne und schreibt, er könne nicht mehr sagen, weil der Leser es nicht zu fassen vermöchte.
Rezeption↑
In der Geschichte des Sufismus zählt das Masnawī zu den einflussreichsten Werken. Manche Muslime stellen es unter den Werken der islamischen Literatur gleich hinter den Koran und beschreiben es als „Koran in persischer Sprache". Von vielen Auslegern wird es als eines der großen mystischen Gedichte der Weltliteratur angesehen.
Seine Wirkung reicht weit über den persischen Sprachraum hinaus, wie die zahlreichen Übersetzungen zeigen. 1881 übertrug James W. Redhouse das erste Buch ins Englische. Zwischen 1924 und 1940 legte R. A. Nicholson eine vollständige Ausgabe mit englischer Übersetzung und Kommentar vor, die lange als maßgeblich galt. Weitere Übertragungen ins Englische folgten, ebenso ins Türkische und ins Urdu. Bis in die Gegenwart erscheinen neue Übersetzungen, unter ihnen die erste vollständige englische Versübersetzung von Jawid Mojaddedi. Bis heute wird das Werk gelesen, rezitiert und ausgelegt.
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