1831
Napoleon
Überblick↑
Mit seinem Drama Napoleon oder Die hundert Tage wandte sich Christian Dietrich Grabbe einem der größten Stoffe der jüngeren europäischen Geschichte zu: der Rückkehr Napoleons aus Elba, seinem kurzen Wiederaufstieg und seiner endgültigen Niederlage bei Waterloo im Frühjahr 1815. Das Stück in fünf Aufzügen erschien 1831 in Frankfurt am Main im Erstdruck. Uraufgeführt wurde es erst 64 Jahre später, ebenfalls in Frankfurt. Grabbe verzichtet auf einen klassischen Helden. Stattdessen entwirft er ein faktenreiches, vielstimmiges Geschichtspanorama. Es folgt eng den überlieferten Ereignissen und übt zugleich scharfe Zeitkritik. Das Werk gilt heute als eines der wichtigen Geschichtsdramen des Vormärz, zugleich aber als ein technisch und dramaturgisch riskantes Experiment.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist Frankreich und Belgien im Februar und März 1815, die Zeit der berühmten "hundert Tage". In Paris herrschen unter den wiedereingesetzten Bourbonen Unsicherheit und Opportunismus. Unter den Arkaden des Palais Royal mischen sich Stimmen des Volkes, alter Gardisten, adliger Emigranten und Bänkelsänger zu einem Stimmungsbild einer zerrissenen Hauptstadt. Während sich der Hof seiner Macht sicher wähnt, steht Napoleon auf Elba am Strand und denkt an Frankreich zurück.
Aus dieser Ausgangslage entwickelt Grabbe einen rasanten Bilderbogen. Napoleon landet in Südfrankreich und zieht in Eilmärschen auf Paris zu, während der König Schreckensbotschaft auf Schreckensbotschaft erhält. Parallel dazu führt das Stück die Gegenspieler ein: den englischen Herzog von Wellington und den preußischen Generalfeldmarschall Blücher. Alles steuert auf das Schlachtfeld zu, auf dem sich das Schicksal Europas entscheiden soll. Daneben treten Dutzende Nebenfiguren auf: Pariser Mob und Berliner Freiwillige, Höflinge und Verschwörer, alte Gardisten und junge Soldaten. So kommt nicht ein einzelner Held, sondern eine ganze Epoche auf die Bühne.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Aufzug zeigt in einer großen Massenszene das Paris der Restauration. Ein Bänkelsänger spottet über den Kaiser, zwei abgedankte Gardisten – Vitry und Chassecoeur – empören sich darüber, das Volk gibt sich königstreu, zwei adlige Emigranten schwelgen in Erinnerungen an die Zeit vor der Französischen Revolution. Bei Hofe fühlt man sich sicher. Auf Elba aber steht Napoleon am Strand: "Mit mir ging die Sonne unter."
Dann überstürzen sich die Ereignisse. Der König erfährt von seinem jagdliebenden Bruder die Nachricht: "Ja, eben hör ich, Bonaparte ist gelandet bei Toulon." Napoleon steht vor Lyon, am 17. März marschiert er in Auxerre ein. In Paris setzt sich der "zynische Radikale" Jouve – eine Figur, die auf den historischen Mathieu Jouve Jourdan zurückgeht – an die Spitze des Mobs, ermordet einen königstreuen Schneidermeister, und die Menge ruft: "Hoch der Kaiser!" Der König flieht nach Lille, der Wiener Kongress läuft auseinander.
Napoleon hat keine Zeit. Die Preußen lagern bei Ligny. Eilig setzt er alte Minister wieder ein und stellt die Grande Armée auf. In einer einzigen Szene zeigt Grabbe den Herrscher menschlich: im Gespräch mit seiner Stieftochter Hortense. Sonst ist er ganz Feldherr und Organisator, Grabbe inszeniert ihn geradezu als Chef einer Nachrichtenzentrale, der die optische Telegraphie souverän nutzt – während der König nur passiver Empfänger von Botschaften bleibt.
Auf dem Schlachtfeld wähnen sich die Franzosen zunächst als Sieger über die Preußen, doch bald heißt es: "Die Preußen fechten besser wie bei Jena." Das Blatt wendet sich. In einem Brüsseler Hotel feiert Wellington unbekümmert, als die Meldung eintrifft. "Alarm! Alarm! Alle Truppen vorgeschoben nach Waterloo!" Unterwegs entfährt ihm der berühmte Satz: "Ich fürchte, wenn Blücher nicht bald kommt …" Als ein Offizier zum Rückzug rät, hält Wellington stand.
Die Franzosen müssen erkennen: "Das ganze Gehölz von Frichemont ist voll von Preußen", und auch die Briten rücken vor. Napoleon schiebt die Schuld auf Marschall Grouchy: "Daß das Schicksal des großen Frankreich von der Dummheit, Nachlässigkeit oder Schlechtheit eines einzigen Elenden abhängen kann!" Er steigt vom Pferd, zieht den Degen und ruft: "Garden aller Waffengattungen mir nach!" – doch dann besinnt er sich anders und lässt seine zurückweichende, untergehende Garde im Stich. Sein nüchternes Resümee: "Verräterei, Zufall und Mißgeschick machen das tapferste Heer furchtsamer als ein Kind – Es ist aus – Wir haben seit Elba etwa hundert Tage groß geträumt."
Die Garde wird von der alliierten Reiterei zusammengehauen, stirbt aber mit einem trotzigen Spruch: "Sterbt … würdig, es geht nicht anders. – Also, Kameraden, die Schnurrbärte hübsch zurechtgedreht – bald sind wir im Himmel." Noch sterbend brüllen die Gardisten ihr "Es lebe der Kaiser!" – auch dann, wenn einem von ihnen eine Kanonenkugel den Leib aufreißt. Napoleon selbst bemitleidet am Ende die Sieger: "Statt eines großen Tyrannen, wie sie mich zu nennen belieben, werden sie bald tausend kleine besitzen."
Stil↑
Grabbe arbeitet mit einem riesigen Personal von weit über hundert Sprechern und einer Folge rasch wechselnder Schauplätze. Daraus entsteht ein breites Panorama, aber auch eine auffällige Zerfahrenheit. Viele Figuren treten nur einmal auf und verschwinden wieder. Wichtige Akteure der Schlacht, etwa Milhaud, erscheinen erst spät. Nur wenige Gestalten begleiten den Zuschauer durch das Stück. Dazu gehören die alten Gardisten Vitry und Chassecoeur, die später im Umkreis Napoleons in Ligny wiederkehren, sowie der etwas blasse Grand Maréchal Bertrand.
Sprachlich mischt Grabbe Volkssprache, Soldatenjargon, höfische Rede und prägnante Sentenz. Für die Pariser Volksszenen nimmt er sich erkennbar die Bürger- und Rüpelszenen Shakespeares zum Vorbild. Manche dieser Auftritte wirken wortreich und gewollt komisch, etwa der eines Berliners, der ständig "mir" und "mich" verwechselt. Daneben stehen Figuren von harter Kontur wie der "Kopfabhacker" Jouve oder die wirklichkeitsnah gezeichneten Verschwörer Fouché und Carnot.
Die Sprache des Krieges ist drastisch. Grabbe verschweigt die Gräuel nicht. Eine Kanonenkugel reißt dem Berliner jüdischen Freiwilligen Ephraim mitten im Gespräch den Kopf ab. Wellington bemerkt während der Schlacht trocken, der Tod würge heute so allgemein, daß er etwas ganz Gewöhnliches scheine. Das Schreckliche bricht stets unvorhersehbar herein.
Eingearbeitet ist außerdem klare Zeitkritik. Ein Berliner Freiwilliger gibt zu, er habe sich nur deshalb freiwillig gemeldet, weil man ihn sonst unfreiwillig dazu gemacht hätte. Napoleon selbst spricht den Sieg der Restauration als kommende Herrschaft tausend kleiner Tyrannen aus. Auffallend pathetisch geraten dagegen die patriotischen Szenen unter den Preußen am Vorabend der Schlacht. Ostpreußen, Schlesier und Berliner singen, ihres Sieges gewiss, mit ihrem Major ein patriotisches Lied. Das Bild Blüchers ist makellos gezeichnet: Den 72-jährigen Generalfeldmarschall bringt nichts aus der Ruhe. Grabbe selbst hat das Wagnis dieses Aufbaus übrigens nüchtern beurteilt und sein späteres Drama Hannibal für dreimal besser gelungen erklärt als den Napoleon.
Rezeption↑
Grabbes Drama wird in der Forschung als eines der ehrgeizigsten Geschichtsstücke des Vormärz gelesen. Es richtet seine Kritik gleichermaßen gegen den Feudalismus und Absolutismus der Restauration, gegen den Liberalismus und gegen den revolutionären Aktivismus eines Jouve. In der Figur Blüchers, so eine verbreitete Deutung, artikuliere Grabbe die Hoffnung auf ein unter preußischer Führung vereintes Deutschland.
Die Urteile über das Stück gehen weit auseinander. Einerseits wird es als "grandioses Experiment" (Löb) gewürdigt. Andererseits gilt es als "monströser Historienschinken" und wird zu den sogenannten "Unspielbaren" gerechnet. Nicht zufällig wurde es erst 1895 uraufgeführt, 64 Jahre nach dem Druck. Diskutiert wird auch, ob Grabbe seinen Napoleon zur lächerlichen Figur mache, wenn er ihn vor der Schlacht inmitten aufgeregter Franzosen auf einer Lafette schlafen lässt.
Eine neuere Lesart steht unter dem Stichwort "Grabbes Technotheater". Sie hebt die Rolle der Nachrichten- und Kommunikationstechnik im Stück hervor. Napoleon erscheine als geistesgegenwärtiger Chef einer Nachrichtenzentrale, die optische Telegraphie als Medium des Geschichtsverlaufs, während der bloß empfangende König zum Verlierer wird. Auf die Frage, warum Grabbe gerade den Napoleon-Stoff gewählt habe, hat die Forschung unter anderem geantwortet, er und seine Landsleute hätten sich in der politischen Verlogenheit der Restaurationszeit gelangweilt und Sehnsucht nach der Größe der napoleonischen Epoche empfunden.
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