1791
Der Traum der Roten Kammer
Überblick↑
Zu den vier klassischen Romanen Chinas zählt Der Traum der Roten Kammer von Cao Xueqin. Das Werk schildert den Aufstieg und den Verfall einer vornehmen chinesischen Familie und versammelt dabei über 350 Figuren. In frühen Handschriften des 18. Jahrhunderts trägt es auch die Titel Die Geschichte des Steins oder Aufzeichnungen auf einem Stein. Cao Xueqin verarbeitete darin sein eigenes Leben; es ist sein einziges überliefertes Werk. Der Roman gilt als eine der gelungensten Darstellungen Chinas zur Zeit der Qing-Dynastie.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird der Niedergang der in Peking lebenden Familie Jia. Im Mittelpunkt steht der verwöhnte und weltentrückte Adelssohn Jia Baoyu. Nach außen führt er ein sorgenfreies und dekadentes Leben, doch gelegentlich fällt er in Schwermut. Um ihn gruppiert sich die Handlung mit seinen beiden Cousinen Lin Daiyu, deren Name „Blaujuwel“ bedeutet, und Xue Baochai.
Über dreihundertfünfzig Figuren bevölkern diese fein verästelte Familiengeschichte. Der Autor hat die Ereignisse in die Ming-Zeit zurückdatiert, um der Zensur zu entgehen. Tatsächlich beschreibt der Roman jedoch sehr genau die Gesellschaft und die sozialen Verhältnisse unter Kaiser Qianlong. Die großen chinesischen Denkrichtungen Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus sind im Werk gleichermaßen greifbar.
Die Handlung im Detail↑
Im Zentrum der Erzählung steht die Familie Jia in Peking, deren Aufstieg und Verfall über 120 Kapitel hinweg geschildert wird. Der Adelssohn Jia Baoyu wächst in großem Wohlstand auf. Er ist verwöhnt und der Welt entrückt, lebt scheinbar sorgenfrei und dekadent, gerät aber immer wieder in gedrückte Stimmung. Die Haupthandlung ordnet sich um ihn und seine beiden Cousinen Lin Daiyu und Xue Baochai.
Am Ende entsagt Jia Baoyu der Welt und wird Mönch. Der Weg dorthin führt durch den Niedergang seiner Familie, den der Roman in vielen Verästelungen und mit einem riesigen Personal nachzeichnet.
Über die Gestalt des Schlusses wird bis heute gestritten. Cao Xueqin vollendete seine Fassung letzter Hand um 1759, doch sie kursierte nur als Handschrift. Die letzten vierzig der 120 Kapitel galten mehrere Jahrzehnte als verschollen. Erst 1791 erschien eine von Gao E redigierte Fassung im Druck; ein Jahr darauf folgte eine zweite, überarbeitete Auflage. Gao E gab an, die Originalkapitel nur wieder zusammengetragen und wenig geglättet zu haben. Manche Sinologen und Rot-Forscher halten seinen Anteil für größer und vermuten, er habe das Ende angepasst, um der kaiserlichen Zensur zu entgehen. Damit wäre ein Teil der Gesellschaftskritik verlorengegangen. Schon in den überlieferten Handschriften finden sich allerdings Eingriffe, weil Cao Xueqin wirklich existierende Personen schützen wollte.
Stil↑
Angelegt ist der Roman als fein verästelte Familiengeschichte mit über 350 Figuren, die in 120 Kapitel gegliedert ist. Die Darstellung der Gesellschaft und der sozialen Verhältnisse unter Kaiser Qianlong ist außerordentlich detailliert. Die Verlegung der Handlung in die Ming-Zeit dient dabei als Schutz vor der Zensur. Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus prägen das Werk gleichermaßen. Traumszenen gehören zu den einprägsamen Bauformen des Romans.
Rezeption↑
Um das Werk hat sich in China ein eigener Zweig der Wissenschaft gebildet, die sogenannte Rot-Forschung. Seit 1979 erscheint dazu eine eigene Monatsschrift, und 1990 kam in Peking ein umfangreiches Hongloumeng-Wörterbuch heraus. Als Standardausgabe gilt die vom Traum-der-Roten-Kammer-Forschungsinstitut maßgeblich unter Feng Qiyong erarbeitete Edition der 120 Kapitel, die im Pekinger Volksliteraturverlag erschien. Auch in Deutschland gibt es eine Rot-Forschung; Wolfgang Kubin gab dazu 1999 einen Sammelband heraus.
Ins Deutsche kam der Roman zunächst nur gekürzt. Franz Kuhn legte 1932 eine auf ein Drittel verkürzte Teilübersetzung vor, die 1956 und danach neu aufgelegt wurde und der heutigen Ausgabe des Insel Verlags zugrunde liegt. Rainer Schwarz übersetzte 2007 die ersten 80 Kapitel. Martin Woesler ergänzte in der zweiten Auflage 2009 die Kapitel 81 bis 120 und edierte die Übersetzung von Schwarz. Schwarz reagierte entsetzt auf die vielen Fehler, die Woesler eingeführt hatte, und auch andere Sinologen kritisierten dessen Arbeit. In anderen Sprachen liegen längst vollständige Übertragungen vor, darunter die englische von David Hawkes und John Minford unter dem Titel The Story of the Stone.
Für Bühne und Leinwand wurde der Stoff vielfach bearbeitet. Die deutsch-chinesische Komponistin Wang Ai Qun vertonte den Roman zwischen 1986 und 1997; Teile der Oper erklangen 2004 konzertant beim Festival junger Künstler Bayreuth unter der musikalischen Leitung von Martin Wettges. Eine erste szenische Aufführung des Gesamtwerks steht noch aus. Der Choreograph Wang Xinpeng schuf 2012 mit dem Ballett Dortmund ein Ballett nach dem Roman, mit Musik von Michael Nyman und einem Szenario von Christian Baier. Zahlreiche Verfilmungen entstanden in Hongkong und in Festlandchina, darunter eine Fernsehserie mit 36 Folgen aus dem Jahr 1987.
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