1531
Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius
Überblick↑
Das politische Denken Niccolò Machiavellis entfaltet sich in den Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio. Der Titel bedeutet so viel wie „Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius“; meist wird das Werk kurz Discorsi genannt, vereinzelt auch unter Untertiteln wie „Gedanken über Politik und Staatsführung“ geführt. Es gilt als das literarische Hauptwerk des Florentiners. Darin fasst er seine Überlegungen zur Politik, zum Krieg und zur politischen Führung zusammen. Die Schrift erschien 1531.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ausgangspunkt der Abhandlung ist die römische Geschichte, wie sie der antike Geschichtsschreiber Titus Livius in seinen ersten zehn Büchern überliefert hat. Machiavelli nimmt diese Darstellung des alten Rom zum Anlass, um allgemeine Fragen der Politik zu erörtern. Er betrachtet die verschiedenen Staats- und Regierungsformen, darunter die Republik, die Alleinherrschaft, die Volksherrschaft, die Aristokratie, die Tyrannis, die Oligarchie und die Anarchie.
Das Werk ist in drei Bücher gegliedert. Es behandelt unter anderem den Ursprung der Städte und Roms, den Bau einer dauerhaften Verfassung, die Rolle der Religion für die Ordnung eines Staates sowie die Bedeutung von Heer und Waffen. Schon die zahlreichen Kapitelüberschriften lassen die Stoßrichtung erkennen, ohne dass man die einzelnen Beispiele kennen müsste. Wer sich für die Frage interessiert, wie ein Gemeinwesen frei, stark und beständig bleibt, findet hier eine breit angelegte Untersuchung.
Die Handlung im Detail↑
Anders als eine erzählende Dichtung folgt das Werk keinem Spannungsbogen, sondern entwickelt seine Gedanken Kapitel für Kapitel am Beispiel des antiken Rom. Im ersten Themenkreis geht es um die Entstehung und die innere Ordnung des Staates: woher eine Stadt und besonders Rom ihren Ursprung nahm, welche Arten von Regierungsformen es gibt und zu welcher der römische Staat gehörte. Machiavelli schildert, wie die Einführung der Volkstribunen die Republik vervollkommnete und warum gerade die Uneinigkeit zwischen Volk und Senat Rom frei und mächtig machte.
Breiten Raum nimmt die Religion ein. Der Verfasser zeigt, wie sich die Römer der Religion bedienten, um den Staat zu ordnen, und führt den Verfall Italiens darauf zurück, dass es durch die Schuld der römischen Kirche keine Religion mehr habe. Weitere Kapitel widmen sich der Verfassung: wie eine freie Ordnung in bereits verdorbenen Städten erhalten oder neu eingeführt werden kann, und dass ein Reformer wenigstens den Schatten der alten Formen beibehalten sollte. Machiavelli urteilt, dass die diktatorische Gewalt der römischen Republik zum Vorteil gereichte und dass kein Rat und kein Magistrat den Gang der Staatsmaschine hemmen dürfe.
Mehrfach wendet er sich dem Verhältnis von Volk und Fürst zu. Er hält fest, dass die Menschen selten ganz gut oder ganz böse seien und dass das Volk weiser und beständiger sei als die Fürsten – versammelt sei es mutig, einzeln aber schwach. Wo Gleichheit herrscht, lasse sich keine unumschränkte Monarchie errichten, wo sie fehlt, keine Republik. Die Sünden der Völker, so eine seiner Thesen, gehen auf die Fürsten zurück.
Ein großer Teil gilt dem Krieg und der äußeren Macht. Eine Republik ohne eigene Waffen sei tadelnswert; gute Waffen und entschlossene Soldaten seien wichtiger als Geld. Rom wurde nach seiner Deutung dadurch mächtig, dass es benachbarte Städte zerstörte und Fremde mit gleichen Rechten aufnahm. Wahrhaft mächtige Fürsten erkauften Bündnisse nicht mit Geld, sondern durch Tapferkeit und Waffenruhm. Zur Frage, ob Tapferkeit oder Glück die Ursache des römischen Erfolgs war, sucht Machiavelli ebenso eine Antwort wie zu der, ob man eher einem guten Feldherrn mit schlechtem Heer oder einem guten Heer mit schlechtem Feldherrn vertrauen solle.
Schließlich behandelt das Werk das Handeln einzelner bedeutender Menschen. Es heißt, dass man aus niederem Stande eher durch Betrug als durch Gewalt zur Größe gelange, dass Betrug im Krieg ruhmvoll sei und dass man erzwungene Versprechen nicht halten müsse. Ungestüm und Kühnheit erreichten oft mehr als das gewohnte Vorgehen, und zur rechten Zeit Torheit vorzuspielen sei sehr weise. So entsteht über die drei Bücher hinweg ein umfassendes Bild davon, wie Macht gewonnen, geordnet und behauptet wird.
Stil↑
Als Traktat folgt das Werk nicht der Form einer Erzählung: Machiavelli knüpft seine Überlegungen unmittelbar an die römische Geschichte des Titus Livius an und gewinnt aus den geschilderten Ereignissen allgemeine Lehren. Kennzeichnend ist die Gliederung in zahlreiche kurze Kapitel, deren Überschriften jeweils wie eine zugespitzte These formuliert sind. Schon an ihnen wird die Absicht des Verfassers sichtbar, bevor die Begründung folgt. Dieses Verfahren – Beobachtung am historischen Beispiel, daraus abgeleitete Regel – zieht sich durch alle drei Bücher und gibt der Schrift ihren nüchtern argumentierenden, auf Schlussfolgerungen gerichteten Ton.
Rezeption↑
Unter den Schriften Machiavellis nehmen die Discorsi einen herausragenden Platz ein; sie gelten als sein literarisches Hauptwerk. In ihnen bündelt er sein Nachdenken über Politik, Krieg und Staatsführung zu einer zusammenhängenden Untersuchung. Damit zählt das Werk zu den grundlegenden Texten, in denen sich sein politisches Denken entfaltet.
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