Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · In Stahlgewittern
Eingang · Werke · In Stahlgewittern
Cover In Stahlgewittern
In Stahlgewittern
1920
– Werkseintrag –

In Stahlgewittern

1920 · Autobiografie

Ein junger Kriegsfreiwilliger schildert in kühler, sezierender Sprache die Schlachten des Ersten Weltkriegs an der Westfront – ohne den Krieg zu verurteilen und ohne seine Ursachen zu hinterfragen.

Überblick

Mit dem Buch In Stahlgewittern legte Ernst Jünger sein erstes Werk vor. Es schildert seine Erlebnisse an der deutschen Westfront im Ersten Weltkrieg, von Dezember 1914 bis August 1918. In den 1920er Jahren begründete es Jüngers Ruf als Schriftsteller. Von Anfang an war das Werk zwiespältig: Es beschreibt den Krieg in aller Brutalität, verurteilt ihn aber nicht ausdrücklich und geht auch nicht auf seine politischen Ursachen ein. So lässt es sich zustimmend, neutral oder als Antikriegsbuch lesen. Fernab jeder politischen oder moralischen Parteinahme wird der Krieg bei Jünger zum inneren Erlebnis. Er beschreibt ihn als eine Erfahrung, die das Bewusstsein schärft und ihn zur Einsicht in die Bedeutung der Tatkraft des Einzelnen im Kampf ums Überleben führt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Aus der Sicht eines jungen Kriegsfreiwilligen schildert das Buch die Kämpfe an der Westfront. Der Erzähler erleidet im Frühjahr 1915 in der Champagne seine erste Verwundung. Danach lässt er sich zum Infanterieoffizier ausbilden und lernt in der Gegend von Arras den Stellungskrieg kennen. In den folgenden Jahren nimmt er an großen Schlachten teil, unter anderem an der Somme, in Flandern, bei Cambrai und an der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918.

Nach und nach wird aus ihm ein erfahrener Stoßtruppführer. Meist steht er an vorderster Front, wird mehrfach verwundet und erhält hohe Tapferkeitsauszeichnungen. Oft begibt er sich freiwillig in sehr gefährliche Lagen, mehr aus Neugier und Abenteuerlust als aus Pflichtgefühl. Mit einer eigenen Mischung aus Gelassenheit, wacher Aufmerksamkeit und kaltblütiger Entschlossenheit – und mit sehr viel Glück – übersteht er sie. Der Bericht folgt dem Tagebuch und wirkt durch seine Unmittelbarkeit und Nähe zum wirklichen Geschehen.

Die Handlung im Detail

Der Erzähler, ein junger Kriegsfreiwilliger, gerät bald nach seinem Eintritt in das Kampfgeschehen der Westfront. Im Frühjahr 1915 wird er in der Champagne zum ersten Mal verwundet. Nach seiner Genesung lässt er sich zum Infanterieoffizier weiterbilden. In der Gegend von Arras erlebt er den zermürbenden Stellungskrieg in den Schützengräben.

In den folgenden Jahren nimmt er an den großen Schlachten des Krieges teil: an der Schlacht an der Somme, an der Dritten Flandernschlacht, an der Schlacht von Cambrai und an der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918. Er entwickelt sich zum erfahrenen Stoßtruppführer, der immer wieder an der vordersten Linie eingesetzt wird. Mehrfach wird er verwundet, mehrfach ausgezeichnet. Häufig sucht er die Gefahr freiwillig, getrieben von Neugier und Abenteuerlust. Besonders eindringlich schildert er den Nahkampf Mann gegen Mann, den er rauschartig erlebt.

Jünger deutet den Krieg als ein schicksalhaftes Geschehen, dem die Menschen wie einer Naturgewalt ausgeliefert sind. Diese Sicht steckt schon im Titel und kehrt im Text wieder, wo Gefechte als „Unwetter“ oder „Naturschauspiel“ erscheinen. Den Sinn oder die Berechtigung des Krieges stellt er kaum in Frage. Auch sein eigenes Handeln hinterfragt er nicht, sondern konzentriert sich auf die Darstellung der Ereignisse und seiner Empfindungen. Von den gegnerischen Soldaten spricht er mit Respekt. Eine besondere Bevorzugung des Deutschtums lässt der Buchtext nicht erkennen.

In der Endphase des Krieges gibt der Erzähler die aussichtslose Lage der deutschen Verbände offen zu: Der Gegner ist an Material und Menschen überlegen, die Versorgung der eigenen Truppe ist zerrüttet. Damit widerspricht das Buch indirekt der später verbreiteten Behauptung, das Heer sei im Feld unbesiegt geblieben und nur von der Heimat verraten worden.

Die Entstehung des Werkes ist ungewöhnlich vielschichtig. Es beruht auf Jüngers Tagebuchaufzeichnungen, die er kurz nach dem Krieg zu einem Buch verarbeitete. Die erste Ausgabe druckte er 1920 im Selbstverlag. 1922 erschien eine Ausgabe beim Verlag E. S. Mittler & Sohn. Jünger überarbeitete den Text danach immer wieder; im Lauf der Jahrzehnte kamen mehrere Fassungen heraus. In den 1920er Jahren verstärkte er nationalistische Töne und fügte einen pathetischen Schlusssatz an. In den 1930er Jahren nahm er diese Wendung radikal zurück und strich die meisten dieser Stellen wieder. Spätere Änderungen betrafen vor allem den Stil, wobei er drastische Schilderungen der Kriegsgräuel eher abmilderte.

Stil

Einfach und tagebuchartig ist das Werk aufgebaut. Es reiht die Fronterlebnisse aneinander und enthält kaum übergreifende Gedanken oder Deutungen. Gerade durch diese Unmittelbarkeit und die Nähe zum wirklichen Geschehen wirkt es auf den Leser. Damit unterscheidet es sich von Jüngers späteren Büchern, die mehr nachdenken und gedanklich strenger aufgebaut sind.

Die Grausamkeit des Krieges wird eindringlich und wirklichkeitsnah geschildert, die Sprache bleibt dabei kühl und nüchtern. Stilistisch orientiert sich Jünger am Ideal der Sachlichkeit, wie es der Realist Gustave Flaubert vertrat. Sein genaues, geradezu sezierendes Beschreiben schafft eine eigene Anschaulichkeit. Anders als Kriegsteilnehmer wie Erich Maria Remarque in Im Westen nichts Neues oder Edlef Köppen in Heeresbericht hinterfragt Jünger das Geschehen nicht. Er sucht die sprachlich anspruchsvolle Darstellung. Im Vordergrund steht seine Vorliebe für den mutigen, rücksichtslosen Kampf an vorderster Front, den er oft als „männlich“ bezeichnet. Diese Haltung trug ihm den wiederholten Vorwurf ein, den Krieg zu ästhetisieren oder gar zu verherrlichen.

Rezeption

Seinen Ruf als Schriftsteller verdankt Jünger diesem Buch, das in den 1920er Jahren bekannt wurde. Von Beginn an rief es geteilte Urteile hervor, und diese Zwiespältigkeit zieht sich durch die Stimmen der Zeitgenossen wie der späteren Kritiker. Weil das Werk den Krieg schildert, ohne ihn zu verurteilen und ohne nach seinen Ursachen zu fragen, ließ es sich sehr verschieden lesen: zustimmend, neutral oder als Warnung vor dem Krieg. Immer wieder wurde Jünger vorgeworfen, den Krieg zu ästhetisieren oder zu verherrlichen.

Literaturgeschichtlich wird das Werk dem soldatischen Nationalismus der Zeit nach 1918 zugeordnet. Erst in den Vorworten späterer Ausgaben ging Jünger vage auf mögliche politische Deutungen ein, im Sinne jener national und republikfeindlich gesinnten Kreise, denen er zur Zeit der Weimarer Republik nahestand. Als zeitgeschichtliche Quelle ist das Buch auch militärhistorisch von Interesse, etwa wegen der Beobachtungen zum Wandel der Kampftaktik.

Die Wirkung reichte weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Das Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem ins Spanische, Englische, Französische, Italienische, Polnische, Russische und Japanische. Manche Werke erschienen in mehreren Übersetzungen. Jüngers eigenes Rohmaterial, seine Tagebücher, wurde erst 2010 vom Germanisten Helmuth Kiesel herausgegeben. 2013 erschien die von Kiesel besorgte historisch-kritische Ausgabe, die die Texte aller Fassungen versammelt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten