1895 – 1998
Ernst Jünger
Kurzporträt↑
Umstritten wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, prägte Ernst Jünger die Literatur von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs bis in die Bundesrepublik. Geboren 1895 in Heidelberg, gestorben 1998 im Alter von 102 Jahren in Riedlingen, wurde er zunächst durch Kriegsbücher wie In Stahlgewittern bekannt. In seinem antibürgerlichen und nationalistischen Frühwerk, das der sogenannten Konservativen Revolution zugerechnet wird, bekämpfte er die Weimarer Republik. Obwohl er der NSDAP nicht beitrat und deren rassistische Ideologie ablehnte, galt er nach 1945 vielen als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus. Sein umfangreiches Werk aus Essays, Romanen, Erzählungen und ausführlichen Tagebüchern findet bis heute internationale Beachtung.
Biografie↑
Als erstes von sieben Kindern kam Ernst Jünger 1895 in Heidelberg zur Welt. Sein Vater, der promovierte Chemiker Ernst Georg Jünger, machte die Familie durch seine Apothekertätigkeit und eine Beteiligung am Kalibergbau wohlhabend. Die Kindheit verbrachte Jünger in Hannover, in Schwarzenberg im Erzgebirge und ab 1907 in Rehburg. Sein jüngerer Bruder Friedrich Georg Jünger wurde später ebenfalls Schriftsteller. Die Schulzeit geriet zur Leidenszeit mit über zehn Schulwechseln bis zum Notabitur 1914. Laut seinem Biographen Helmuth Kiesel lag diese „schulische Odyssee“ vor allem an Jüngers schlechten Leistungen. Früh entdeckte er die Liebe zur Insektenkunde und, im Wunstorfer Wandervogel-Club, die zur Dichtung.
Von Abenteuerromanen und afrikanischen Reiseberichten fasziniert, ließ Jünger sich im November 1913 in Verdun von der Fremdenlegion anwerben. Über das Ausbildungslager Sidi bel Abbès in Algerien floh er nach Marokko, wurde aber aufgegriffen und nach einer Intervention des Auswärtigen Amtes wegen seines Alters entlassen. Diese Episode verarbeitete er später in dem 1936 erschienenen Buch Afrikanische Spiele.
Am 1. August 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, meldete sich Jünger als Kriegsfreiwilliger. An der Westfront wurde er mehrfach verwundet und machte sich durch Aktionen bei Patrouillen und Stoßtrupps einen Namen. 1917 wurde er Kompaniechef. Am 29. Juli 1917 rettete er auf dem Schlachtfeld von Langemark seinem Bruder Friedrich Georg das Leben. Am 22. September 1918 erhielt er den Orden Pour le Mérite. Sein ständig mitgeführtes Kriegstagebuch diente ihm als Rohmaterial für sein erstes Buch, In Stahlgewittern, das 1920 erschien.
Nach dem Krieg diente Jünger zunächst weiter in der Reichswehr und war beim Reichswehrministerium in Berlin mit Dienstvorschriften für den Infanteriekampf befasst. In Hannover kam er mit dem Kreis um den Verleger Paul Steegemann in Berührung, zu dem auch Dadaisten wie Kurt Schwitters gehörten. Er las Nietzsche, Spengler und begeisterte sich für Rimbaud und Baudelaire. Aus seinen überarbeiteten Kriegsaufzeichnungen entstanden Werke wie Der Kampf als inneres Erlebnis (1922), Das Wäldchen 125 (1925) und Feuer und Blut (1925). 1923 schied er aus der Reichswehr aus und schrieb sich an der Universität Leipzig für Zoologie ein. Das Studium brach er 1926 ohne Abschluss ab und wandte sich ganz der Schriftstellerei zu. 1925 heiratete er Gretha von Jeinsen, ein Jahr später wurde der Sohn Ernst geboren.
In den 1920er Jahren wurde Jünger durch seine Publizistik zu einem beachteten Wortführer der politischen Rechten. Er gab nacheinander mehrere nationalrevolutionäre Zeitschriften heraus, darunter Die Standarte, Arminius und Vormarsch. Er forderte eine Militarisierung aller Lebensbereiche und die gewaltsame Zerschlagung der Republik. 1927 übersiedelte er nach Berlin, wo er den Austausch mit konservativen Revolutionären wie Ernst Niekisch und Carl Schmitt suchte, aber auch Autoren der Linken wie Bertolt Brecht und Erich Mühsam kennenlernte. Sein Verhältnis zur NSDAP war ambivalent: 1923 veröffentlichte er im Völkischen Beobachter seinen ersten politischen Artikel, kritisierte die Partei aber zugleich, weil sie ihm nicht radikal genug war. Um 1929/30 kam es zum offenen Bruch. Seine Nähe zum Nationalbolschewismus um Niekisch trug dazu bei, dass ihm 1933 ein Bekenntnis zu Hitler unmöglich wurde. Zwischen 1930 und 1932 entstand sein Groß-Essay Der Arbeiter.
Nach 1933 zog sich Jünger auf die Position des Solitärs zurück. Er verlegte seinen Wohnsitz 1933 nach Goslar und 1936 nach Überlingen am Bodensee. Angebote des Regimes lehnte er ab, so 1939 einen diplomatisch-journalistischen Posten, den ihm Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop anbot. In der zweiten Fassung des Abenteuerlichen Herzens (1938) und in der Erzählung Auf den Marmorklippen (1939) bekundete er seinen Dissens zum Regime.
Nach dem Zweiten Weltkrieg belegte ihn die britische Besatzungsmacht mit einem Publikationsverbot, das 1949 aufgehoben wurde. Im selben Jahr erschienen das Tagebuch Strahlungen, das zum Bestseller wurde, und der Roman Heliopolis. 1951 folgte der Essay Der Waldgang, eine Art Widerstandsfibel gegen Totalitarismus und Anpassung. 1950 zog Jünger nach Wilflingen in Württemberg, wo er bis zu seinem Tod im Stauffenbergschen Forsthaus lebte. Von 1959 bis 1971 gab er gemeinsam mit Mircea Eliade die Kulturzeitschrift Antaios heraus. Nach dem Tod seiner ersten Frau Gretha (1960) heiratete er 1962 die Germanistin Liselotte Lohrer.
Das Alter blieb produktiv. Es erschienen Romane wie Gläserne Bienen (1957) und Eumeswil (1977), außerdem das Drogenbuch Annäherungen (1970). Sein Alterstagebuch Siebzig verweht führte er von seinem 70. Geburtstag an bis 1996. 1982 erhielt er den Frankfurter Goethepreis, dessen Verleihung von heftigen Protesten begleitet wurde. 1991 erlitt sein Sohn Alexander einen Schlaganfall und nahm sich zwei Jahre später das Leben. 1993 besuchten Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl Jünger in Wilflingen. Am 26. September 1996 konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben, was erst nach seinem Tod bekannt wurde. Jünger starb 1998 im Alter von 102 Jahren; an seiner Beerdigung nahmen 2.000 Menschen teil.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Jüngers Prosa ist eine eindringliche, präzise und zugleich ästhetisierende Darstellung. Laut der Deutschen Biographie erlangte In Stahlgewittern aufgrund seiner eindringlichen, präzisen und trotz vieler ästhetisierender Metaphern schonungslosen Schilderung des Frontgeschehens den Ruf eines der eindrucksvollsten Kriegsbücher. Seine oft provokativ vorgetragene Weltsicht kollidierte mit den Axiomen eines humanitären, sozialen und demokratischen Denkens. Genau daraus entstand jenes Auseinanderdriften der Urteile, das für die Aufnahme fast aller seiner Bücher charakteristisch wurde.
Bezeichnend für sein Vorgehen sind die wiederholten Überarbeitungen. Der 1924 erschienenen Fassung der Stahlgewitter fügte er nationalistische Parolen an, die er 1933 wieder tilgte, um die Nutzbarmachung des Buches für die nationalsozialistische Ideologie zu verringern. Die Deutsche Biographie nennt diesen Vorgang symptomatisch für Jüngers politische Entwicklung.
Über die reine Zeitdiagnose ging Jünger früh hinaus. In Der Arbeiter (1932) bediente er sich biologistischer und sozialdarwinistischer Metaphorik, verstand unter „Rasse“ jedoch die „Rasse der Gräben“, also die Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs. Das „Blut“ bildete für ihn keine Frage der Abstammung, sondern eine Gegenmacht zum „Intellekt“, eine Frage des Glaubens und des Opfers. Das technikkritische Buch seines Bruders Friedrich Georg brachte Jünger später auf einen ökologischen Kurs: In den Tagebüchern der folgenden Jahrzehnte, in Strahlungen und Siebzig verweht, spielt der Umgang des Menschen mit der Natur eine große Rolle. In seinem Spätwerk entwickelte er wiederkehrende Gestalten wie den Waldgänger und, in Eumeswil, den Anarchen weiter.
Rezeption↑
Kaum ein deutscher Autor des 20. Jahrhunderts wurde so widersprüchlich beurteilt wie Ernst Jünger. Sein Biograph Helmuth Kiesel und der Politikwissenschaftler Sven-Olaf Berggötz beschreiben ihn als den „umstrittensten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“. Schon zur Zeit des Nationalsozialismus warfen ihm Zeitgenossen vor, als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus gewirkt zu haben. Bereits während der Diktatur sahen Golo Mann, Hermann Rauschning und Karl Löwith in ihm einen Wegbereiter der deutschen Katastrophe.
Schon bei seinem ersten Buch zeigte sich das Auseinanderdriften der Urteile. In Stahlgewittern wurde einerseits wegen seiner heroisierenden Tendenz als kriegstreiberisch verurteilt. Andererseits attestierten ihm Leser eine „pazifistische“ Wirkung, darunter Erich Maria Remarque, der sich laut der Deutschen Biographie für seinen kriegskritischen Roman Im Westen nichts Neues an Jüngers Kriegsdarstellung geschult hatte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Aufnahme davon geprägt, dass Jünger vielen als geistiger Wegbereiter des Faschismus galt und deshalb als desavouiert. Zahlreiche seiner Bücher wurden indiziert. In Rundfunkdebatten der Nachkriegszeit gingen die Beurteilungen weit auseinander: Manche erklärten ihn zum Wegbereiter des Nationalsozialismus, andere sogar zu dessen Gegner. Thomas Mann urteilte in einer privaten Korrespondenz von 1945, Jünger sei ein „geistiger Wegbereiter und eiskalter Wollüstling der Barbarei“ gewesen. Laut Lothar Bluhm stützte sich Manns Einschätzung allerdings nicht auf eigene Jünger-Lektüre, sondern auf Hörensagen.
Ab Ende der 1970er Jahre wandelte sich das Bild. Bedingt durch die Arbeiten von Karl Heinz Bohrer, wurden Jüngers Schriften auch wegen ihrer ästhetischen Qualität betrachtet; das 1928 veröffentlichte Das abenteuerliche Herz rückte man in den Kontext der europäischen Avantgarde und des Surrealismus. Im Literaturbetrieb der Bundesrepublik, den Autoren der Gruppe 47 dominierten, blieb Jünger lange ein Außenseiter. Erst in den 1980er Jahren begann eine breitere und offenere Rezeption, die literarische Qualität und epochale Repräsentanz seines Werks anzuerkennen begann. Die Verleihung des Goethepreises 1982 bot dafür sowohl den Anlass zu heftigen Kontroversen als auch zu einem Aufschwung in der Jünger-Forschung. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und fanden vor allem in Frankreich und Italien früh große Wertschätzung. Zwischen 1956 und 1967 wurde er sieben Mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.
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