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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ernst Moritz Arndt
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Porträt Ernst Moritz Arndt
Ernst Moritz Arndt
1769 – 1860
– Autorenporträt –

Ernst Moritz Arndt

1769 – 1860 · 90 Jahre

Wortmächtiger Dichter der Befreiungskriege gegen Napoleon, der zu deutscher Freiheit und Einheit aufrief – von der neueren Forschung ebenso als Franzosen- und Judenfeind kritisiert.

Kurzbiografie↑

Ernst Moritz Arndt zählt zu den wortmächtigsten patriotischen Dichtern der deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon. Der 1769 auf Rügen geborene Sohn eines freigekauften Leibeigenen wurde Historiker, Hochschullehrer und Politiker. Mit Liedern und Gedichten wie Was ist des Deutschen Vaterland? und der Flugschrift Geist der Zeit rief er zu nationaler Freiheit und Einheit auf. Als angeblicher Demagoge wurde er in der Restaurationszeit verfolgt und seines Bonner Lehramtes enthoben; 1848/49 saß er in der Frankfurter Nationalversammlung. Die neuere Forschung benennt neben seinen Verdiensten als Freiheits- und Einheitskämpfer auch seine Feindschaft gegen Franzosen und Juden.


Biografie↑

Zur Welt kam Ernst Moritz Arndt am 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz auf Rügen, das damals zu Schwedisch-Pommern gehörte. Sein Vater Ludwig Nikolaus Arndt war Sohn eines Hirten und hatte sich kurz zuvor für die hohe Summe von 80 Talern aus der Leibeigenschaft freigekauft; zur Zeit von Arndts Geburt arbeitete er als Gutsinspektor, später als Pächter verschiedener Güter. Die Mutter Friederike Wilhelmine, Tochter eines Bauern, prägte die Früherziehung des Sohnes durch volkstümliche Sagen und Bibelgeschichten.

Nach dem Unterricht durch Hauslehrer besuchte Arndt von 1787 bis 1789 das Gymnasium im Stralsunder Katharinenkloster. Zeitweise sah er im schulischen Lernen keinen Sinn mehr und kehrte auf das elterliche Gut zurück, beendete das Gymnasium aber gleichsam im Fernstudium. Ab Mai 1791 studierte er an den Universitäten Greifswald und Jena evangelische Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde sowie Sprachen und Naturwissenschaften. Nach einer Zeit als Kandidat und Hauslehrer bei Ludwig Gotthard Kosegarten unternahm er 1798/99 eine Bildungsreise durch Österreich, Oberitalien, Frankreich und weitere Länder. Seine Eindrücke hielt er in mehreren Reiseberichten fest; im Mittelpunkt stand sein fast zweimonatiger Aufenthalt in Wien.

Im April 1800 habilitierte sich Arndt in Greifswald in Geschichte und Philologie. Er heiratete Charlotte Marie Quistorp, die 1801 nach der Geburt des Sohnes Karl Moritz an Kindbettfieber starb. 1801 wurde Arndt Privatdozent, 1806 außerordentlicher Professor. 1803 erschien seine Schrift Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen, in der er das Bauernlegen und die Leibeigenschaft anklagte. Adlige Gutsbesitzer verklagten ihn daraufhin. Nach Arndts eigener Darstellung trug die Schrift zur 1806 erfolgten Aufhebung der Leibeigenschaft in Schwedisch-Pommern bei. Im selben Jahr verfasste er den ersten Teil seiner antinapoleonischen Flugschrift Geist der Zeit.

Als Schriftsteller widmete sich Arndt vor allem der Mobilisierung gegen die Herrschaft Napoleons. Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt musste er nach Schweden fliehen und traf Ende Dezember 1806 in Stockholm ein, wo der zweite Teil von Geist der Zeit entstand. 1809 kehrte er illegal nach Deutschland zurück, kam nach Königsberg und dann nach Berlin, wo er in einen patriotischen Kreis um Friedrich Ludwig Jahn, August Neidhardt von Gneisenau und Friedrich Schleiermacher eingeführt wurde. 1812 folgte er dem Freiherrn vom Stein als dessen Privatsekretär über Prag nach Sankt Petersburg. In dieser Zeit veröffentlichte er den Großteil seiner patriotischen Lieder und Gedichte und Schriften gegen Frankreich, darunter Katechismen für den Soldaten und Wehrmann.

Zu Beginn der Befreiungskriege hielt sich Arndt 1813 in Dresden auf und kehrte später nach Schwedisch-Pommern zurück. Er unterstützte die nationale Einheitsbewegung mit zahlreichen Schriften, etwa Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze. Aus dieser Zeit stammen auch Kriegs- und Vaterlandslieder sowie 1813 der dritte Teil von Geist der Zeit. Der Gründung der Urburschenschaft stand er positiv gegenüber und gilt neben Jahn als einer ihrer Ideengeber.

1817 heiratete Arndt in zweiter Ehe Nanna Maria Schleiermacher, eine Schwester des Theologen Friedrich Schleiermacher. Er ging an die neu errichtete Universität Bonn und wurde dort 1818 Professor für Geschichte. Seine akademische Wirksamkeit währte jedoch nur kurz: 1819 wurden im Zuge der Demagogenverfolgung nach den Karlsbader Beschlüssen seine Papiere beschlagnahmt, 1820 wurde er vom Lehramt suspendiert. Das Verfahren wegen demagogischer Umtriebe endete ohne Ergebnis, doch verlor er die Erlaubnis, Vorlesungen zu halten; 1826 musste er das Amt ganz niederlegen. Erst 1840 wurde er durch Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert. 1841 wurde Arndt Rektor der Bonner Universität und lehrte bis zu seiner Emeritierung 1854. Auch privat traf ihn Schweres: 1834 ertrank sein jüngster Sohn Wilibald im Rhein.

Am 18. Mai 1848 zog Arndt als Abgeordneter für Solingen in die Frankfurter Nationalversammlung ein, wo er fraktionslos blieb, aber der Kaiserdeputation angehörte. Am 20. Mai 1849 legte er sein Mandat nieder. Im Alter blieb er als patriotischer Literat aktiv. Unter allgemeiner öffentlicher Teilnahme feierte er 1859 seinen 90. Geburtstag. Er starb kurz darauf am 29. Januar 1860 in Bonn und wurde auf dem dortigen Alten Friedhof beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Prägend für Arndts Schreiben war die Verbindung zweier Anlagen, die die Deutsche Biographie auf das Erbe seiner Eltern zurückführt: eine poetische, zur Träumerei neigende Ader von mütterlicher Seite und ein nüchterner, praktischer Sinn vom Vater her, der ihn zum tätigen Leben antrieb. Aus dieser Mischung erwuchs eine Sprache von großer Wucht, die auf Wirkung zielte.

Am unmittelbarsten zeigt sich das in seinen patriotischen Liedern und Gedichten der Befreiungskriege. Sie riefen zu nationaler Freiheit und Einheit auf, geißelten in Katechismen und Flugschriften den Tyrannen Napoleon und schilderten die Schlachten wortgewaltig. Freiheit bedeutete für Arndt dabei keine parlamentarische Demokratie, sondern eine konstitutionelle Monarchie.

Ein zweiter Strang ist das geistliche Lied. Nach dem Scheitern seiner politischen Erwartungen wandte er sich einem verinnerlichten Christentum zu. Mit seiner Schrift Von dem Wort und dem Kirchenliede von 1819 suchte er, so die Deutsche Biographie, mit all seiner großen Sprachgewalt dem Kirchenlied neue Wege zu öffnen. Lieder wie Ich weiß, woran ich glaube wurden noch zu seinen Lebzeiten in zahlreiche Gesangbücher aufgenommen und gehören bis heute zum evangelischen Liederstamm. Daneben verfasste Arndt Reiseberichte, historische Schriften und die Erzählprosa seiner Märchen und Jugenderinnerungen.


Rezeption↑

Wirkung entfaltete Arndt schon früh mit seiner historischen Streitschrift. Der Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen von 1803 fand als Kampfschrift gegen die adlige Bauernlegerei die Billigung des schwedischen Königs Gustav IV. und trug 1806 mit zur Aufhebung der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen bei. In den Befreiungskriegen wurden seine Lieder und Gedichte zu Rufen nach nationaler Freiheit und Einheit, weshalb er bis heute auch als Freiheitskämpfer bezeichnet wird.

Seine Nähe zu Gneisenau, Jahn und den Burschenschaftlern brachte ihn zugleich in Gegensatz zum revolutionären Liberalismus wie zur Reaktion in Staat, Kirche und Philosophie. In der Restaurationszeit wurde er seines Amtes enthoben und schwieg eine Weile unter dem auf ihm lastenden Druck, bis die Bedrohung Westdeutschlands durch Frankreich ihn 1830 und 1840 erneut zum Mahner deutscher Einigkeit werden ließ. In der Paulskirche gehörte er zu jenen, die das Ausscheiden Österreichs für die Gründung eines nationalen Staates für notwendig hielten.

Über seinen Tod hinaus wirkte Arndt vor allem als geistlicher Dichter fort: Seine Kirchenlieder gehören noch heute zum evangelischen Liederstamm. Auch das studentische Leben ehrte ihn – 1858 widmeten Hermann und Moritz Schauenburg ihm die erste Ausgabe des Allgemeinen deutschen Kommersbuches, und diese Widmung wird bis heute in jeder Auflage abgedruckt. Die neuere Forschung würdigt seine Verdienste als Freiheits- und Einheitskämpfer, benennt aber ebenso deutlich seine Feindschaft gegen Franzosen und Juden.

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