1900 – 1942
Roberto Arlt
Kurzbiografie↑
Roberto Arlt war ein argentinischer Erzähler, Dramatiker und Journalist. Er wurde 1900 in Buenos Aires geboren und starb dort 1942 im Alter von 42 Jahren an einem Herzinfarkt. Zu Lebzeiten fand er kaum Anerkennung; heute gilt er als Begründer des argentinischen Großstadtromans und als bedeutender Stilist. Seine Romane Los siete locos und Los lanzallamas erzählen von Menschen am Rand der großen Stadt, vom Existenzkampf und von der Gewalt. Daneben schrieb er für die Tageszeitung El Mundo fast zweitausend kurze Zeitungsstücke, die er Aguafuertes nannte, also Radierungen.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Arlt in einer Einwandererfamilie in Buenos Aires. Die Eltern waren kurz vor seiner Geburt nach Argentinien gekommen. Sein Vater Karl Arlt stammte aus Preußen, seine Mutter Ekatherine Lobstraibitzer aus Österreich-Ungarn. Zu Hause sprach die Familie deutsch.
Die Verhältnisse waren ärmlich, und der Vater war gewalttätig. Beides hat in vielen Texten Arlts Spuren hinterlassen. Die Schule verließ er schon mit acht Jahren. Mit sechzehn ging er nach Córdoba. Dort hielt er sich mit den unterschiedlichsten Arbeiten über Wasser: als Mechaniker, als Verkäufer, als Hafenarbeiter. Erst danach versuchte er sich als Schriftsteller und Journalist. Nach dem Militärdienst heiratete er.
Uneinheitlich sind die Angaben zum Geburtstag: Die algorithmisch geprüften Personendaten nennen den 26. April 1900, die Wikipedia dagegen den 2. April 1900. Sicher ist nur das Geburtsjahr 1900 und die Stadt Buenos Aires.
Sein erster Roman El juguete rabioso erschien 1926; auf Deutsch trägt er den Titel Das böse Spielzeug. Ein früherer Roman, El diario de un morfinómano von 1920, gilt als verschollen.
Zurück in Buenos Aires wurde Arlt 1927 Polizeiberichterstatter bei der Zeitung Crítica. Bald darauf bekam er eine eigene Kolumne in der Tageszeitung El Mundo, die ihm einiges Gehör verschaffte. Fast zweitausend dieser Aguafuertes sind entstanden. Manche davon zählt man heute zu den Klassikern der argentinischen Essayistik. Gesammelt erschienen sie unter Titeln wie Aguafuertes porteñas und Aguafuertes españolas.
In dieser Zeit entstanden auch seine bekanntesten Romane. 1929 erschien Los siete locos, auf Deutsch Die sieben Irren. 1931 folgte die Fortsetzung Los lanzallamas, deutsch Die Flammenwerfer. 1932 kam El amor brujo heraus. Ein Jahr darauf erschien der Erzählungsband El jorobadito y otros cuentos.
Arlt gehörte der Grupo Boedo an, einem Kreis eher sozialistisch gesinnter junger Schriftsteller. Diese Gruppe stand im Gegensatz zur europäisch und ästhetisch ausgerichteten Grupo Florida um Jorge Luis Borges. Politisch bekannte sich Arlt zum Marxismus.
In den 1930er Jahren arbeitete er zeitweise als Korrespondent für El Mundo. Er berichtete aus Rio de Janeiro, aus Spanien und aus Nordafrika.
Bis zu seinem frühen Tod wandte er sich dann fast ganz dem Theater zu. Zwischen 1930 und 1942 entstand eine ganze Reihe von Stücken, darunter Trescientos millones, El fabricante de fantasmas, Saverio el cruel, La isla desierta und El desierto entra a la ciudad. Weitere Dramen wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht, etwa La cabeza separada del tronco.
Geldnot begleitete ihn sein Leben lang. In seinen letzten Jahren versuchte er sich sogar als Erfinder: Er arbeitete an einem synthetischen Damenstrumpf, ohne Erfolg. Am 26. Juli 1942 starb er in Buenos Aires an einem Herzinfarkt.
Sein Nachlass liegt heute in der Bibliothek des Iberoamerikanischen Instituts in Berlin.
Literarische Merkmale↑
Ausdrucksstark und hart ist Arlts Sprache. Manche Kritiker nannten sie sogar „vulgär“. Er ging der Rauheit des Stadtlebens nicht aus dem Weg, sondern suchte sie.
Seine Themen blieben über die Jahre dieselben. Immer wieder schrieb er über den Fluch des Existenzkampfes, über die Rebellion gegen die Verhältnisse, über das Verbrechen und über die Psychologie der Gewalt. Was er als Kind erlebt hatte, die Armut und der gewalttätige Vater, hat sich in vielen dieser Texte niedergeschlagen.
Die große Stadt ist bei ihm nicht Kulisse, sondern Gegenstand. Deshalb gilt er als Begründer des argentinischen Großstadtromans. Neben den Romanen steht die Kurzform der Aguafuertes: knappe Zeitungsstücke über das Leben in Buenos Aires, die den Blick des Reporters mit dem des Erzählers verbinden.
Rezeption↑
Zeit seines Lebens fand Arlt kaum Anerkennung. Er schrieb für Zeitungen, war ständig knapp bei Kasse und starb mit 42 Jahren.
Erst später kehrte sich das Urteil um. Heute gilt er als bedeutender Stilist und als Begründer des argentinischen Großstadtromans. Verglichen wird er dabei häufig mit Dostojewski oder mit Alfred Döblin. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt. Seine Zeitungsstücke, die Aguafuertes, zählt man inzwischen zu den Klassikern der argentinischen Essayistik.
Auch die Forschung hat sich seiner angenommen. 1965 legte Oscar Masotta die Studie Sexo y traición en Roberto Arlt vor. 2001 erschien ein Sammelband mit Beiträgen eines Bonner Kolloquiums unter dem Titel Roberto Arlt. Una modernidad argentina. Ein internationales Symposium zwischen Buenos Aires und Berlin widmete sich 2004 der Moderne in den Metropolen und stellte Arlt neben Alfred Döblin; der Band dazu erschien 2007. Christina Komi verglich 2009 das Buenos Aires Arlts mit dem Juan Carlos Onettis. 2019 entstand an der Universität Innsbruck eine Dissertation über kosmopolitische Spuren bei Gustave Flaubert und Roberto Arlt.
Im deutschen Sprachraum wurde Arlt seit den 1970er Jahren zugänglich, zunächst bei Suhrkamp und im Insel Verlag. 2018 erschien Die sieben Irren in neu bearbeiteter Übersetzung bei Wagenbach, mit einem Nachwort von Ricardo Piglia. In Buenos Aires kamen 1981 seine gesammelten Werke in zwei Bänden heraus.
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