-038 – -032
Aristoteles
Kurzbiografie↑
Aristoteles gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen und Naturforschern der Geschichte. Geboren wurde er 384 v. Chr. in Stageira auf der Chalkidike, gestorben ist er 322 v. Chr. in Chalkis auf Euboia. Sein Lehrer war Platon, an dessen Akademie in Athen er als Siebzehnjähriger eintrat. Später schuf er in Athen eine eigene Schule im Lykeion. Er hat zahlreiche Fächer entweder selbst begründet oder stark geprägt: Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Logik, Biologie, Medizin, Physik, Ethik, Staatstheorie und Dichtungstheorie. Aus seinem Gedankengut entwickelte sich die als Aristotelismus bezeichnete Denkrichtung, die über die Antike, das Mittelalter und die Neuzeit hinweg gewirkt hat. Für ein Literaturlexikon ist er vor allem als Verfasser der Dichtungstheorie und der Rhetorik von Bedeutung.
Biografie↑
Geboren wurde Aristoteles 384 v. Chr. in Stageira, einer damals selbständigen ionischen Kleinstadt an der Ostküste der Chalkidike. Nach diesem Geburtsort wird er mitunter „der Stagirit“ genannt.
Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des makedonischen Königs Amyntas III. Die Mutter Phaestis stammte aus einer Arztfamilie von Chalkis auf Euboia. Nikomachos starb, bevor der Sohn volljährig wurde; als Vormund wurde Proxenos aus Atarneus bestimmt.
367 v. Chr. kam Aristoteles als Siebzehnjähriger nach Athen und trat in Platons Akademie ein. Zunächst beschäftigte er sich mit den mathematischen und dialektischen Themen, die dort den Anfang der Studien bildeten. Schon früh begann er, eigene Werke zu verfassen, darunter Dialoge nach dem Vorbild Platons. Er setzte sich auch mit der Rhetorik seiner Zeit auseinander, besonders mit dem Unterricht des Redners Isokrates. Gegen dessen auf unmittelbaren Nutzen zielendes Bildungskonzept verteidigte er das platonische Ideal einer philosophischen Schulung des Denkens. An der Akademie nahm er eine Lehrtätigkeit auf. In diesem Zusammenhang entstanden als Vorlesungsmanuskripte die ältesten seiner überlieferten Lehrschriften, darunter die logischen Texte, die später unter der Bezeichnung Organon zusammengefasst wurden.
Nach Platons Tod verließ Aristoteles 347 v. Chr. Athen. Möglicherweise war er nicht damit einverstanden, dass Platons Neffe Speusippos die Leitung der Akademie übernahm. Außerdem war er in politische Schwierigkeiten geraten. 348 v. Chr. hatte König Philipp II. von Makedonien die Chalkidike erobert, Olynth zerstört und auch Stageira eingenommen. Die antimakedonische Partei in Athen sah darin eine schwere Bedrohung der Unabhängigkeit der Stadt. Weil seine Familie traditionell mit dem makedonischen Hof verbunden war, richtete sich diese Stimmung auch gegen ihn. Als Metöke ohne athenisches Bürgerrecht und mit zweifelhafter Loyalität stand er zudem rechtlich schwach da.
Er folgte einer Einladung des Hermias, der die Städte Assos und Atarneus an der kleinasiatischen Küste gegenüber Lesbos beherrschte. Hermias war zur Sicherung seines Machtbereichs gegen die Perser mit Makedonien verbündet. In Assos fanden auch andere Philosophen Zuflucht. Über Hermias gehen die antiken Berichte weit auseinander: die ihm freundliche Überlieferung zeichnet ihn als weisen und heldenhaften Philosophen, die gegnerische als Tyrannen. Aristoteles war mit ihm befreundet und blieb zunächst in Assos. 345/344 v. Chr. übersiedelte er nach Mytilene auf Lesbos. Dort arbeitete er mit seinem aus Lesbos stammenden Schüler Theophrast von Eresos zusammen, der sein Interesse für Biologie teilte. Später gingen beide nach Stageira. Die Hinrichtung des Hermias durch die Perser 341/340 v. Chr. berührte ihn tief, wie ein dem Andenken des Freundes gewidmetes Gedicht zeigt.
343/342 v. Chr. ging Aristoteles auf Einladung Philipps II. nach Mieza, um dessen damals dreizehnjährigen Sohn Alexander zu unterrichten, der später „der Große“ genannt wurde. Der Unterricht endete spätestens 340/339 v. Chr., als Alexander für seinen abwesenden Vater die Regentschaft übernahm. Aristoteles ließ für den Schüler eine Abschrift der Ilias anfertigen, die Alexander als Verehrer des Achilleus später auf seinen Feldzügen mit sich führte. Wie das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler tatsächlich aussah, ist nicht näher überliefert; es hat zu Legenden und vielerlei Spekulationen geführt. Sicher ist nur, dass ihre politischen Überzeugungen grundverschieden waren, und ein Einfluss des Philosophen auf den Feldherrn ist nicht erkennbar. Er soll am makedonischen Hof den Wiederaufbau seiner zerstörten Heimatstadt erreicht haben, doch die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht ist zweifelhaft.
Als nach dem Tod des Speusippos 339/338 v. Chr. das Amt des Schulleiters an der Akademie frei wurde, konnte Aristoteles wegen seiner Abwesenheit nicht an der Wahl des Nachfolgers teilnehmen. Er galt aber weiterhin als Mitglied der Akademie. Später ging er mit seinem Großneffen, dem Geschichtsschreiber Kallisthenes von Olynth, nach Delphi, um im Auftrag der dortigen Amphiktyonen eine Siegerliste der Pythischen Spiele anzufertigen.
Mit der Zerstörung der rebellischen Stadt Theben 335 v. Chr. brach der offene Widerstand gegen die Makedonen in Griechenland zusammen, und auch Athen arrangierte sich mit den neuen Machtverhältnissen. So konnte Aristoteles 335/334 v. Chr. zurückkehren und wieder forschen und lehren. Er war nun nicht mehr an der Akademie tätig, sondern in einem anderen öffentlichen Gymnasium, dem Lykeion. Dort schuf er eine eigene Schule, deren Leitung nach seinem Tod Theophrast übernahm. Im juristischen Sinne hat erst Theophrast die Schule gegründet und das Grundstück erworben; die später üblichen Bezeichnungen Peripatos und Peripatetiker sind für seine eigene Zeit noch nicht bezeugt. Die Menge des gesammelten Materials – etwa zu den 158 Verfassungen der griechischen Stadtstaaten – lässt darauf schließen, dass ihm zahlreiche Mitarbeiter zur Seite standen, die auch außerhalb Athens recherchierten. Er war wohlhabend und besaß eine große Bibliothek. Zum makedonischen Statthalter Antipatros hatte er ein freundschaftliches Verhältnis.
Nach dem Tod Alexanders 323 v. Chr. setzten sich in Athen und anderen griechischen Städten zunächst antimakedonische Kräfte durch. Delphi widerrief ein Ehrendekret, das Aristoteles verliehen worden war. In Athen kam es zu Anfeindungen, die ihm ruhiges Weiterarbeiten unmöglich machten. Daher verließ er 323/322 v. Chr. die Stadt. Angeblich äußerte er bei diesem Anlass, er wolle nicht, dass die Athener sich ein zweites Mal gegen die Philosophie vergingen, nachdem sie bereits Sokrates zum Tode verurteilt hatten. Er zog sich nach Chalkis auf Euboia in das Haus seiner Mutter zurück und starb dort im Oktober 322 v. Chr.
Verheiratet war Aristoteles mit Pythias, einer Verwandten seines Freundes Hermias. Von ihr hatte er eine Tochter, die ebenfalls Pythias hieß. Nach dem Tod seiner Gattin wurde Herpyllis seine Lebensgefährtin; sie war niedriger Herkunft und möglicherweise die Mutter seines Sohnes Nikomachos. In seinem Testament, dessen Vollstreckung er Antipatros anvertraute, regelte er unter anderem die künftige Verheiratung seiner noch minderjährigen Tochter und sorgte für die materielle Absicherung von Herpyllis.
Literarische Merkmale↑
Antike Verzeichnisse schreiben Aristoteles fast 200 Titel zu. Nach einer Angabe des Diogenes Laertios soll sein Lebenswerk über 445.270 Zeilen umfasst haben, wobei zwei der umfangreichsten Schriften – die Metaphysik und die Nikomachische Ethik – darin vermutlich noch nicht enthalten sind. Erhalten ist nur etwa ein Viertel.
Die Forschung unterscheidet zwei Gruppen. Die exoterischen Schriften waren für ein breiteres Publikum veröffentlicht; sie sind verloren oder nur in Bruchstücken erhalten. Die esoterischen Texte dienten dem internen Gebrauch der Schule; von ihnen ist das meiste überliefert. Zu den exoterischen Werken gehörten vor allem Dialoge in der Tradition Platons, etwa der Protreptikos, eine Werbeschrift für die Philosophie, ferner Untersuchungen wie Über die Ideen und einführende Sammlungen. Cicero lobt an ihnen den „goldenen Fluss der Rede“.
Ganz anders lesen sich die esoterischen Schriften, auch Pragmatien genannt. Weite Teile von ihnen zeigen einen eigentümlichen Stil voller Auslassungen, Andeutungen, Gedankensprünge und Dubletten. Daneben stehen aber stilistisch ausgefeilte Passagen. Sie machen deutlich, dass Aristoteles wiederholt an seinen Texten gearbeitet hat, und legen die Möglichkeit nahe, dass er wenigstens für einen Teil dieser Schriften an eine Veröffentlichung dachte. Vielfach sind sie als Vorlesungsmanuskripte bezeichnet worden; gesichert ist das nicht und für einige Abschnitte auch unwahrscheinlich. Weitgehend einig ist man sich, dass sie aus der Lehrtätigkeit erwachsen sind. Von seinen Lesern setzt Aristoteles große Vorkenntnisse fremder Texte und Theorien voraus, und Verweise zeigen, dass er auch die Kenntnis der eigenen exoterischen Schriften erwartet.
Wegen der Brüche und Widersprüche im überlieferten Werk hat die Forschung die früher verbreitete Vorstellung aufgegeben, es handle sich um ein abgeschlossenes, durchkomponiertes System. Diese Brüche gehen vermutlich auf Entwicklungen, Perspektivwechsel und unterschiedliche Schwerpunkte in verschiedenen Zusammenhängen zurück. Da sich keine sichere Reihenfolge der Schriften bestimmen lässt, bleiben Aussagen über seine geistige Entwicklung Vermutungen.
Charakteristisch ist sein Verfahren im Einzelnen. Aristoteles war überzeugt, dass die „Menschen für das Wahre von Natur aus hinlänglich begabt sind“. Deshalb geht er typischerweise zuerst die allgemein oder bei Vorgängern anerkannten Meinungen durch und erörtert wichtige Schwierigkeiten, um einen möglichen wahren Kern herauszuarbeiten. Auffällig ist zudem seine Vorliebe, am Beginn einer Schrift mit einer allgemeinen Aussage die Grundlage der Argumentation zu legen und den Gegenstand abzustecken. Sein Wissen teilt er in theoretische, praktische und poietische Wissenschaft ein und hält dabei fest, dass jedes Gebiet eigene Prinzipien und eine eigene Genauigkeit hat: in der Ethik etwa gelten die Sätze nur in der Regel, und sie liefert nur ein nicht-exaktes Wissen im Grundriss.
Für die Literatur ist vor allem die Poetik bedeutsam, eine Theorie der Dichtung, die sich im erhaltenen Teil vor allem mit der Tragödie befasst: mit dem Aufbau der Handlung, dem tragischen Helden und der Wirkung auf den Zuschauer. Die Schrift kündigt eine Behandlung der Komödie an, die im überlieferten Text fehlt; ein antikes Schriftenverzeichnis führt die Poetik in zwei Büchern, und nach verbreiteter Forschungsmeinung ist das zweite verloren.
Rezeption↑
Nach dem Tod des Aristoteles blieben seine Manuskripte zunächst bei seinen Schülern. Als Theophrast starb, soll dessen Schüler Neleus die Bibliothek erhalten haben und mit ihr aus Ärger über die verpasste Nachfolge nach Skepsis in Kleinasien gezogen sein. Antike Berichte erzählen weiter, die Erben des Neleus hätten die Handschriften zum Schutz vor fremdem Zugriff im Keller vergraben, wo sie verschollen blieben; diese Geschichte gilt als abenteuerlich und zweifelhaft. Weitgehend gesichert ist dagegen, dass im ersten Jahrhundert v. Chr. Apellikon von Teos die beschädigten Manuskripte erwarb und nach Athen brachte und dass sie nach der Eroberung Athens durch Sulla 86 v. Chr. nach Rom gelangten. Dort ließ man sie durch Tyrannion sichten und ergänzen. Auf dieser Arbeit aufbauend besorgte Andronikos von Rhodos in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts v. Chr. die erste Ausgabe der Pragmatien, die das Corpus Aristotelicum bilden. Die heutige Anordnung der Schriften entspricht weitgehend dieser Ausgabe. Die damals noch vorhandenen exoterischen Schriften berücksichtigte Andronikos nicht; sie gingen in der Folgezeit verloren.
Obwohl die Bibliothek jahrhundertelang verschollen war, blieb die Lehre im Hellenismus mindestens teilweise bekannt, vor allem durch die exoterischen Schriften und wohl auch indirekt durch das Wirken Theophrasts. Mit über 1000 Handschriften ist Aristoteles unter den nichtchristlichen griechischsprachigen Autoren derjenige mit der weitesten Verbreitung; die ältesten stammen aus dem 9. Jahrhundert. Wegen seines Umfangs ist das Corpus nie vollständig in einem einzigen Kodex enthalten. Nach der Erfindung des Buchdrucks erschien 1495–1498 die erste Druckausgabe aus der Hand von Aldus Manutius. Die 1831 von Immanuel Bekker besorgte Gesamtausgabe der Berliner Akademie ist die Grundlage der modernen Aristotelesforschung; nach ihrer Seiten-, Spalten- und Zeilenzählung wird Aristoteles bis heute überall zitiert. Die Schrift Die Verfassung der Athener galt als verloren und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts in Papyrusform gefunden.
Die Wirkungsgeschichte reicht von der Antike über das Mittelalter bis in die Gegenwart und ist in eigenen Forschungszweigen aufgearbeitet. Untersucht werden der Aristotelismus bei den Griechen und die antiken Kommentatoren, die Aufnahme seiner Ethik in der mittelalterlichen Philosophie und die Anfänge der lateinischen Aristoteles-Rezeption bei Albertus Magnus, außerdem die Wirkung seiner Naturphilosophie bis ins siebzehnte Jahrhundert und seine Rolle unter den Ärzten der Renaissance. Eine eigene Traditionslinie bildet die aristotelische Rhetorik, eine weitere die Rezeption seiner Politik von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Auch im 20. Jahrhundert blieb er in der politischen Philosophie ein Bezugspunkt, und die Frage, was heute noch mit ihm anzufangen ist, wurde eigens verhandelt. Sein Nachleben in Literatur, Kunst und Musik ist in Nachschlagewerken zu historischen Gestalten der Antike beschrieben.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (4 weitere Titel)