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Werkseintrag · Der Richter und sein Henker
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Der Richter und sein Henker
1952
– Werkseintrag –

Der Richter und sein Henker

1952 · Roman

Ein todkranker Kommissär jagt seit vierzig Jahren denselben Mann – und macht am Ende ausgerechnet einen Mörder zu seinem Werkzeug.

Überblick

Der Kriminalroman Der Richter und sein Henker stammt von dem Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Er erschien zunächst zwischen dem 15. Dezember 1950 und dem 31. März 1951 in acht Folgen in der Zeitschrift Der Schweizerische Beobachter. Als Buch kam das Werk 1952 heraus. Dürrenmatt schrieb es aus Geldnot – „als ich auf dem trockenen saß", wie er selbst sagte – für ein Honorar von tausend Franken. Hinter der Form des Kriminalromans verbirgt sich die Frage, ob am Ende der Zufall jedes Verbrechen ans Licht bringt oder ob die verworrenen menschlichen Verhältnisse Schuld auch ungesühnt lassen können.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der alte Berner Kommissär Bärlach, der inzwischen schwer krank ist. Sein Werdegang ist mit dem eines Mannes namens Gastmann verbunden, einem Abenteurer, der sich oberhalb des Bieler Sees zurückgezogen hat. Vor vier Jahrzehnten schlossen die beiden eine Wette über die Macht des Zufalls: Bärlach hielt dafür, dass am Ende jedes Verbrechen ans Tageslicht komme, Gastmann hingegen, dass die Wirrnis der menschlichen Beziehungen die meisten Taten ungeahndet lasse. Seither liegt zwischen den beiden eine lange, zähe Geschichte.

Die Handlung des Romans setzt mit einem Mord ein: Auf einer Landstraße zwischen Twann und Lamboing wird der Polizist Schmied erschossen in seinem Wagen gefunden. Bärlach übernimmt die Untersuchung, zur Seite gestellt wird ihm der junge, ehrgeizige Polizist Tschanz. Während Tschanz mit Eifer Beweise sucht, geht Bärlach die Sache auffällig gelassen an. Es geschehen merkwürdige Dinge, und der Leser ahnt bald, dass der alte Kommissär weit mehr verfolgt, als er preisgibt.

Die Handlung im Detail

Der Roman verbindet zwei Kriminalfälle, die zeitlich weit auseinanderliegen. Vor mehr als vierzig Jahren wetteten der junge Bärlach und der Abenteurer Gastmann über die Wirkung des Zufalls. Um seine These zu beweisen, dass Verbrechen unentdeckt bleiben können, tötete Gastmann drei Tage später vor den Augen Bärlachs einen Kaufmann – und es gelang dem Kommissär nicht, ihn zu überführen. In den folgenden Jahrzehnten machte Gastmann eine erfolgreiche Verbrecherkarriere, gut vernetzt in Politik und Finanzwelt, während Bärlach ihm stets einen Schritt hinterher war.

Inzwischen ist Bärlach alt und todkrank. Als letzten Versuch schleust er seinen besten Mitarbeiter Schmied unter falschem Namen in Gastmanns gehobene Gesellschaft ein. Nach ersten Ergebnissen wird Schmied jedoch auf der Landstraße zwischen Twann und Lamboing in seinem Auto ermordet aufgefunden. Mit diesem Fund beginnt die eigentliche Erzählung. Bärlach erhält den jungen Polizisten Tschanz zur Unterstützung, der mit großem Eifer versucht, Gastmann die Tat nachzuweisen. Tschanz ist verwundert und zunehmend verärgert über die Gleichmut, mit der Bärlach ermittelt.

Es häufen sich rätselhafte Vorgänge. Bärlach deutet gegenüber seinem Vorgesetzten Lutz an, einen konkreten Verdacht zu haben, nennt ihn aber nicht. Er stellt nachts die Tat am Tatort nach, nur dass nun Tschanz am Steuer sitzt. Bei Gastmann greift ein Bluthund den Kommissär an; Tschanz erschießt das Tier, doch es zeigt sich, dass Bärlach durch einen Armverband und eine Pistole in der Tasche längst geschützt war. Gastmann dringt in Bärlachs Haus ein und nimmt die Mappe mit Schmieds Recherchen an sich. In diesem Gespräch erfährt der Leser von der alten Wette.

Bei einem späteren Treffen eröffnet Bärlach dem Gegner, dass er ihn im Mordfall Schmied für unschuldig hält – ihm aber einen Henker schicken werde, der ihn tötet, als Ausgleich dafür, dass der Mord am Kaufmann nie gesühnt wurde. Dieser Henker ist Tschanz. Er selbst ist der Mörder Schmieds, denn er beneidete den Kollegen um dessen privaten und beruflichen Erfolg und fühlte sich stets zurückgesetzt. Um den Verdacht von sich abzulenken, drängte er immer verzweifelter darauf, Gastmann zu belasten. Nachdem Tschanz Gastmann tatsächlich getötet hat, offenbart Bärlach ihm in einem großen Finale, dass er ihn von Anfang an verdächtigt und gezielt eingesetzt hat: Tschanz musste den Verdacht von sich weglenken und war deshalb ganz auf Gastmann fixiert – eben jenen Mann, den Bärlach selbst zur Strecke bringen wollte. So wurde der eine Mörder zum Werkzeug, das den anderen richtete.

Stil

Friedrich Dürrenmatt nutzt die vertraute Form des Kriminalromans, füllt sie aber mit einer gedanklichen Frage: Bringt der Zufall am Ende jedes Verbrechen ans Licht, oder lassen die verwickelten menschlichen Verhältnisse Schuld ungesühnt? Diese Wette zwischen Bärlach und Gastmann liegt unter der Handlung wie ein zweiter Boden. Die Erzählung verschränkt zwei Fälle, die Jahrzehnte auseinanderliegen, und führt sie kunstvoll zusammen. Der Leser folgt scheinbar einer gewöhnlichen Mordermittlung, ahnt aber zunehmend, dass der alte Kommissär ein eigenes, verborgenes Spiel treibt. Die rätselhaften Handlungen Bärlachs – das nächtliche Nachstellen der Tat, die verborgene Pistole – halten die Spannung, bis sich am Schluss zeigt, dass der Ermittler von Beginn an die Fäden in der Hand hielt.

Rezeption

Das Werk zählt zu den bekanntesten Erzählungen Friedrich Dürrenmatts und wird bis heute viel gelesen. Aus einer Auftragsarbeit in Geldnot entstanden, gewann der Kriminalroman rasch eigenes Gewicht. Mehrfach wurde der Stoff für die Leinwand bearbeitet: 1968 entstand eine Verfilmung unter der Regie von Imre Mihályfi, 1975 folgte eine Fassung von Maximilian Schell. 2008 wurde der Roman zudem zu einem dramatisch-musikalischen Werk verarbeitet.

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