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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ferdinand Kürnberger
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Porträt Ferdinand Kürnberger
Ferdinand Kürnberger
1821 – 1879
– Autorenporträt –

Ferdinand Kürnberger

1821 – 1879 · 58 Jahre

Scharfzüngiger Feuilletonist des liberalen Wien und Chronist der „Wiener Seele“, dessen Roman „Der Amerika-Müde“ noch Max Weber und Theodor W. Adorno beschäftigte.

Kurzbiografie↑

Zu den scharfzüngigen Feuilletonisten des liberalen Wien im 19. Jahrhundert gehört Ferdinand Kürnberger. Geboren in Wien, gestorben 1879 in München, stammte er aus einfachsten Verhältnissen und wurde durch seine Beobachtung der Wiener und der österreichischen Verhältnisse bekannt. Seinen Ruf begründete vor allem der Roman Der Amerika-Müde, der die deutschen Amerika-Träume der Zeit satirisch aufs Korn nahm. Karl Kraus zählte ihn später zu den sprachmächtigsten Autoren des Wiener Feuilletons und zu seinen Vorbildern.


Biografie↑

Geboren wurde Kürnberger in Wien, auf der Laimgrube im heutigen Bezirk Mariahilf. In der Forschung umstritten ist das Geburtsjahr: Wikidata und die Deutsche Biographie in ihrem NDB-Artikel nennen den 3. Juli 1821, während die Deutsche Nationalbibliothek und der ältere ADB-Eintrag den 3. Juli 1823 angeben. Er stammte aus einem einfachen Haushalt. Der Vater arbeitete als Schuster und später als städtischer Laternenanzünder, die Mutter war Obst- und Gemüsehändlerin am Naschmarkt. Trotz der bescheidenen Lage erhielt er eine gute Erziehung und besuchte in Wien mehrere Schulen, darunter das Piaristen-, das Schotten- und das Akademische Gymnasium. Weil ihm eine schlechte Mathematiknote die Studienberechtigung verwehrte, verschaffte er sich als Hospitant an der Universität Wien selbst eine philosophische Ausbildung. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch Nachhilfeunterricht.

Mit etwa zwanzig Jahren trat er als Journalist hervor und schrieb für Wiener Zeitschriften wie die Sonntagsblätter. Schon früh distanzierte er sich von Österreich und sah in Deutschland das fortschrittliche Vorbild. Die heimischen Verhältnisse empfand er als „asiatisch, zurückgeblieben, faul dumm und tadelnswert“, das Beamtentum nannte er „großäthiopisch“. Im Revolutionsjahr 1848 war er Mitglied der Akademischen Legion und des Studentenkomitees. Er geriet in den Verdacht, an der Ermordung des Kriegsministers Latour beteiligt gewesen zu sein, und floh im November 1848 über Breslau nach Dresden. Dort wurde er der Teilnahme am Maiaufstand 1849 beschuldigt und mehr als neun Monate in Haft gehalten, obwohl laut Wikipedia nur seine Kappe und seine langen Haare den eigentlichen Verhaftungsgrund bildeten. Nach seiner Freilassung lebte er unter dürftigsten Umständen in Hamburg, Bremen und Frankfurt am Main.

Von Wien aus verfolgten ihn die Behörden steckbrieflich und beschrieben ihn als „Vaganten“ und „Herumtreiber“. In diesen Jahren entstand sein Roman Der Amerika-Müde, den er mehrfach umarbeitete, obwohl er die Vereinigten Staaten nie betreten hatte. Erst 1856 gelang ihm die Rückkehr nach Wien, wo ihm freier Aufenthalt gewährt wurde. Dorthin zog es ihn vor allem wegen seiner alternden Mutter, die 1858 starb; der Vater war bereits um 1854/55 gestorben. 1857 veröffentlichte er seine Ausgewählten Novellen. Danach wechselte er ruhelos die Aufenthalte und lebte unter anderem in München, Stuttgart, Coburg und Graz. Von 1867 bis 1870 war er Sekretär der Deutschen Schiller-Stiftung, deren Zweigverein in Wien von 1865 bis 1869 als Hauptsitz diente. Journalistisch arbeitete er unter anderem für die Deutsche Zeitung.

Nach wiederholten, erfolglosen Versuchen, ans Burgtheater zu gelangen, zog er sich enttäuscht nach Graz zurück. Kurz vor seinem Tod verglich er sich mit dem ewigen Juden; beide hätten Leben und Tod mit scharfem Humor betrachtet. Kürnberger starb am 14. Oktober 1879 in München an einer Lungenentzündung, während er im Haus seines Freundes, des Malers Wilhelm von Kaulbach, zu Gast war. Begraben wurde er in Mödling in Niederösterreich, in der Nähe der Grabkapelle seines Freundes Josef Schöffel.


Literarische Merkmale↑

Bekannt wurde Kürnberger vor allem als gefürchteter Feuilletonist, der keine Tabus scheute. In seinen Artikeln prangerte er auf humorvolle Weise die Zustände in Wien und in Österreich an und wurde so zu einem Chronisten der „österreichischen“ und besonders der „Wiener Seele“. So rücksichtslos er die Verhältnisse in seiner Heimatstadt kritisierte, so hellsichtig sagte er den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und ihres Vielvölkerstaats voraus. Zugleich blieb er Österreich in einer Art Hassliebe verbunden.

Sein Roman Der Amerika-Müde gilt laut der Neuen Deutschen Biographie als sein bestes Erzählwerk, obwohl Kürnberger die dortige Gesellschaft nie aus eigener Erfahrung kannte. Der Roman widerlegt den deutschen Amerika-Enthusiasmus satirisch und durch die polemische Karikatur des Materialismus. Spätere Romane wie Der Haustyrann und Das Schloß der Frevel blieben nach demselben Urteil weit hinter dem zeitgenössischen realistischen Roman zurück. Seine zahlreichen Novellen beschreibt die NDB als gehobene Unterhaltungsliteratur mit zeit- und gesellschaftskritischem Anspruch, der jedoch eine eigenständige Erzählsprache fehle; kürzere Formen wie „Novelletten“ und „Humoresken“ entsprachen dem journalistischen Bedarf. Als Dramatiker bemühte er sich vergeblich um ein Echo der Bühnen. Nur das Drama Firdusi wurde 1871 am Münchener Hoftheater aufgeführt.


Rezeption↑

Zeit seines Lebens behauptete Kürnberger eine Außenseiterposition, die er reizbar und mit schroffem Unabhängigkeitsbewusstsein verteidigte. Er lebte zurückgezogen und pflegte nur einen kleinen Freundeskreis, zu dem Autoren wie Berthold Auerbach, Leopold Kompert und Karl von Holtei zählten. Größere Bühnenerfolge blieben ihm trotz umfangreicher dichterischer Produktion versagt. Ansehen gewann er vor allem als gefürchteter Feuilletonist. Seinen größten literarischen Erfolg erzielte er mit dem Roman Der Amerika-Müde; daneben stand die preisgekrönte Novelle Das große und das kleine Los.

Über seinen Tod hinaus wirkte er auf bedeutende Denker. Max Weber verwies in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus auf Kürnbergers „amerikanisches Kulturbild“ und nannte es als Dokument der Gegensätze deutschen und amerikanischen Empfindens „schlechthin unübertroffen“. Theodor W. Adorno entnahm dem Amerika-Müden das Motto „Das Leben lebt nicht“ für den ersten Teil seiner Minima Moralia und berief sich bis in sein Spätwerk auf ihn. Ludwig Wittgenstein stellte einen Satz aus Kürnbergers Aufsatz Das Denkmalsetzen in der Opposition seinem Tractatus logico-philosophicus als Motto voran. Karl Kraus schließlich zählte Kürnberger neben Daniel Spitzer und Ludwig Speidel zu den sprachmächtigsten Autoren des historischen Wiener Feuilletons und zu seinen Vorbildern. In Mödling und in Wien wurde je eine Kürnbergergasse nach ihm benannt.

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