1678
La Laitière et le Pot au lait
Überblick↑
Die Fabel La Laitière et le Pot au lait ist die zehnte Fabel im siebten Buch der zweiten Fabelsammlung von Jean de La Fontaine, die 1678 erschien. Sie erzählt von der Milchmagd Perrette. Auf dem Weg zum Markt rechnet diese ihre künftigen Einnahmen in immer kühnere Wunschbilder um. Dann macht ein einziger Augenblick alles zunichte. Auf diese kleine Geschichte geht die deutsche Redewendung von der „Milchmädchenrechnung" zurück. La Fontaine verpackt darin seine Kritik am zügellosen Wunschdenken: Wer sich seinen Reichtum vorab zusammenträumt, steht beim kleinsten Zufall wieder mit leeren Händen da.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine junge Frau namens Perrette macht sich beschwingt auf den Weg in die Stadt. Auf dem Kopf trägt sie einen Eimer mit Milch, den sie dort verkaufen will. Noch unterwegs beginnt sie zu rechnen, was sie mit dem Erlös alles anstellen könnte: Zuerst hundert Eier, dann Küken daraus, später ein Schweinchen, am Ende eine Kuh mit Kalb. Sie spinnt ihre Pläne immer weiter aus und berauscht sich am Bild des hüpfenden Kälbchens. Dabei fängt sie selbst an, vor Freude mitzuhüpfen. Schon dieser Anfang lässt ahnen, dass die kühne Rechnung mit der Wirklichkeit noch eine Begegnung haben wird. Wie diese ausgeht, ist die Pointe der Fabel.
Die Handlung im Detail↑
Die Milchmagd Perrette macht sich beschwingten Schrittes mit einem Milcheimer auf dem Kopf auf den Weg in die Stadt, um die Milch dort zu verkaufen. Schon unterwegs beginnt sie zu rechnen, was sie mit dem Erlös anfangen will. Zuerst will sie hundert Eier kaufen. Aus den Eiern schlüpfen Küken, die Küken werden verkauft, und vom Geld ersteht sie ein junges Schweinchen. Auch das wird, sobald es gemästet ist, weitergegeben – der Erlös reicht dann für eine Kuh mit Kalb. Perrette malt sich aus, wie das Kälbchen vor ihr im Stall herumspringt, und vor lauter Vorfreude hüpft sie selbst beim Gehen mit.
Bei diesem Sprung verrutscht der Eimer auf ihrem Kopf. Die Milch ergießt sich auf den Boden und versickert – mit ihr versickern alle Reichtümer, die Perrette sich eben noch ausgerechnet hatte. Eier, Küken, Schwein, Kuh und Kalb sind im selben Augenblick verloren wie der Inhalt des Eimers. Am Ende bleibt der jungen Frau nur noch ein einziger Wunsch: dass ihr Ehemann sie zu Hause nicht für den entstandenen Schaden verprügeln möge.
La Fontaine selbst weist in der Vorrede seiner Ausgabe von 1678 darauf hin, dass er die Anregung beim indischen Weisen Pilpay gefunden habe. In der altindischen Sammlung Panchatantra gibt es eine verwandte Erzählung von einem geizigen Brahmanen, der nachts im Bett auf einen Topf mit erbettelten Reisresten starrt und sich, ausgehend von dessen Verkauf, Ziegen, Kühe, Büffel, Pferde, ein vierflügeliges Haus, eine schöne Frau mit Mitgift und einen Sohn zusammenträumt. Als er in Gedanken seiner trödelnden Frau einen Fußtritt versetzen will, schlägt er den Topf von der Wand. Eine ähnliche Geschichte findet sich auch in Tausendundeine Nacht: Der fünfte Bruder des Barbiers besitzt nur einen Korb mit Glaswaren, rechnet sich daraus phantasievoll einen ganzen Aufstieg zusammen und zertritt am Ende, in einer geträumten Szene mit der Tochter des Wesirs, in der Wirklichkeit den Korb. Auch in den Märchen der Brüder Grimm – bei der hageren Liese und beim faulen Heinz – findet das Motiv vom zerplatzenden Wunschtraum seinen Niederschlag.
Stil↑
Der Stoff ist in die für La Fontaines zweite Fabelsammlung typische Form gebracht. Es ist eine knappe, anschauliche Verserzählung, die eine alltägliche Szene zum Lehrstück verdichtet. Im Mittelpunkt steht ein einziges, scharf gezeichnetes Bild – die junge Frau mit dem Eimer auf dem Kopf, die vor lauter Rechnen das Gehen vergisst. La Fontaine reiht ihre Wunschkette Stufe um Stufe auf (Eier, Küken, Schwein, Kuh, Kalb). Er steigert sie bis zu dem Punkt, an dem die Träumerin körperlich in ihre Phantasie hineinhüpft. Das macht den Umschlag in die Pointe so wirkungsvoll: Ein einziger unbedachter Sprung genügt, um das ganze aufgetürmte Luftschloss in einem Augenblick zum Einsturz zu bringen. Die Geschichte verpackt die Kritik am zügellosen Wunschdenken in ein leichtes, beinahe heiteres Bild, ohne den moralischen Stachel zu verlieren.
Rezeption↑
Die Fabel gehört zu den bekanntesten Stücken aus La Fontaines zweiter Sammlung und hat weit über die französische Literatur hinaus gewirkt. Im Deutschen ist sie die Quelle der bis heute gebräuchlichen Redewendung von der „Milchmädchenrechnung": jener allzu optimistischen Rechnung, die einen einzigen ungünstigen Umstand nicht einkalkuliert. Damit ist Perrettes Geschichte in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen. Sie lebt auch dort weiter, wo der Name La Fontaines gar nicht mehr fällt. Das Motiv des zerplatzenden Wunschtraums verbindet die Fabel mit einer langen, internationalen Erzähltradition: mit der Geschichte vom geizigen Brahmanen aus der Panchatantra, mit dem fünften Bruder des Barbiers aus Tausendundeine Nacht und mit den Grimm-Märchen von der hageren Liese und vom faulen Heinz. In dieser Reihe steht La Fontaines Milchmagd als die wohl eingängigste und am leichtesten zitierbare Fassung – eine kleine Szene, die für eine ganze Lebensweisheit einsteht.
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