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Werkseintrag · La Storia
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La Storia
1974
– Werkseintrag –

La Storia

1974 · Roman

Der Zweite Weltkrieg im Rom der kleinen Leute – erzählt am Schicksal einer scheuen Lehrerin und ihres kleinen Sohnes, der aus einer Vergewaltigung hervorging.

Überblick

Der Roman La Storia von Elsa Morante erschien 1974 und spielt im Rom der Jahre 1941 bis 1947. Er zeigt den Zweiten Weltkrieg und die erste Nachkriegszeit nicht aus der Sicht der Mächtigen, sondern aus der der verwundeten kleinen Leute. Im Mittelpunkt steht Ida Ramundo, eine scheue Volksschullehrerin und Witwe, mütterlicherseits jüdischer Herkunft, mit ihren beiden Söhnen. Es handelt sich um einen vielstimmigen Roman, der die zerbombten römischen Viertel und die Elendssiedlungen der Vorstädte einfängt. 2002 nahm der Norwegische Buchklub das Werk in seine Liste der hundert besten Bücher der Weltliteratur auf.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Rom des Januars 1941 begegnet die siebenunddreißigjährige Lehrerin Ida Ramundo auf der Straße einem betrunkenen jungen deutschen Soldaten. Er vergewaltigt sie und hinterlässt sie schwanger. Aus dieser Gewalttat geht ein Kind hervor: Giuseppe, den sein älterer Bruder Nino bald nur noch „Useppe" nennt. Ida trägt ein schweres Erbe mit sich – die jüdische Herkunft ihrer Mutter, die anarchischen Überzeugungen ihres Vaters und eine geheim gehaltene Krankheit.

Der Roman folgt dieser kleinen Familie durch die Kriegsjahre. Ein Bombenangriff zerstört die Wohnung im Viertel San Lorenzo, und Mutter und Kind müssen von einer Notunterkunft zur nächsten ziehen. Der ältere Sohn Nino, ein lebenshungriger Draufgänger, wechselt vom Faschismus zum Partisanenkampf. Um die Familie herum entfaltet sich ein ganzes Panorama von Figuren: Flüchtlinge, alte Kommunisten, Deserteure, Prostituierte und Vertriebene. Zwischen Hunger, Angst und kleinen Augenblicken des Glücks bewegen sich Ida und der aufgeweckte Useppe durch eine Stadt, die der Krieg zeichnet. Ein treuer Hund und wenige Freunde begleiten sie durch diese Jahre.

Die Handlung im Detail

An einem Januartag des Jahres 1941 irrt der blutjunge, betrunkene deutsche Soldat Gunther durch Rom auf der vergeblichen Suche nach einem Bordell. Dabei trifft er auf Ida Ramundo, eine verwitwete Lehrerin und Mutter des fünfzehnjährigen, aufsässigen Nino. Er vergewaltigt sie und macht sie schwanger. Gunther kommt bald darauf beim Truppentransport nach Afrika ums Leben; Ida hört nie wieder von ihm. Aus der Schwangerschaft wird Giuseppe geboren, den Nino „Useppe" tauft.

Idas Misstrauen gegen den Deutschen hat einen Grund in ihrer Familiengeschichte. Geboren in Cosenza, war sie das einzige, geliebte Kind zweier Volksschullehrer: des heimlich trinkenden Anarchisten Giuseppe Ramundo und der Eleonora „Noruzza" Almagià, die jüdischer Herkunft war und diese stets verbarg. Aus Angst ließ die Mutter Ida katholisch taufen, um sie vor jedem Verdacht zu schützen. Ida leidet seit ihrer Kindheit an einer geheim gehaltenen Krankheit, die als Epilepsie bezeichnet wird. Nach dem Ersten Weltkrieg heiratete sie den Handlungsreisenden Alfio Mancuso und zog nach Rom. Ihr Vater starb, verzweifelt über den Zusammenbruch seiner alten Ideale; später starben auch Alfio an einem unerkannten Krebsleiden und die alte, von den Judenverfolgungen zu Tode geängstigte Noruzza, die bei dem verzweifelten Versuch, nach Palästina zu gelangen, ertrank.

Ida lebt mit ihren Söhnen in San Lorenzo. Der Erstgeborene Nino ist ein lebenslustiger Draufgänger und begeisterter Faschist – allerdings nur aus Prahlerei, ohne die geringste Ahnung, was Faschismus bedeutet. 1943 schließt er sich einem Bataillon von Schwarzhemden an, das nach Norditalien aufbricht. Kurz darauf zerstört ein Bombenangriff die Wohnung in San Lorenzo, tötet Ninos Hund Blitz und lässt Ida und Useppe obdachlos zurück.

Die beiden finden Unterschlupf in einem großen Saal in Pietralata, einer Notunterkunft für Ausgebombte. Sie teilen ihn mit dem alten kommunistischen Marmorarbeiter Giuseppe Cucchiarelli – wegen der vielen Namensvettern „Giuseppe Secondo" genannt, in Useppes Kindersprache „Eppetondo" – samt seiner Katze, und mit der halb neapolitanischen, halb römischen Großfamilie, die man wegen ihrer Zahl „die Tausend" nennt. Eines Tages taucht ein Fremder auf, der sich Carlo Vivaldi nennt und sich als Bologneser Student und mutmaßlicher Deserteur ausgibt; er ist schroff, scheu und von nächtlichen Albträumen gequält.

Unerwartet kehrt Nino zurück – nun nicht mehr Schwarzhemd, sondern kommunistischer Partisan mit dem Decknamen „Assodicuori". Bei sich hat er den Kameraden Oreste, genannt „Quattropunte". Ihr Erscheinen versetzt den alten Giuseppe Secondo in solche Begeisterung, dass er sich trotz Alter und Gebrechlichkeit der Partisanengruppe „Libera" anschließt, unter dem Namen „Mosca". In diesen Tagen werden Ida und Useppe am Bahnhof Tiburtina zufällig Zeugen, wie ein Zug die beim Überfall auf das römische Ghetto am 16. Oktober 1943 verhafteten Juden nach Auschwitz bringt. Ida erlebt die Verzweiflung einer der Verhaftung entkommenen Mutter, Celeste Di Segni, die verlangt und erreicht, mit Mann und fünf Kindern in den Zug steigen zu dürfen – in den Tod.

Nino bringt Carlo Vivaldi schließlich zum Reden: Der Fremde ist ein anarchistischer Regimegegner, von der SS gefoltert und auf dem Weg in die Deportation entkommen. Erst als er erfährt, dass seine ganze wohlhabende jüdische Familie ermordet wurde, schließt er sich der „Libera" an, nennt sich „Piotr" und gibt seinen wahren Namen preis: Davide Segre. Die „Tausend" kehren nach Neapel zurück. Der Januar des folgenden Jahres bringt den Tod mehrerer Partisanen: Giuseppe Secondo und Quattropunte fallen, ebenso Maria, Ninos Verlobte, die mit ihrer Mutter von den Nazis erschossen wird. Der Tod des alten Kommunisten hat für Ida eine unverhoffte Seite: Er hinterlässt ihr zehntausend Lire, die in seiner Matratze versteckt waren.

Durch eine ältere Kollegin findet Ida ein neues Zimmer in Testaccio bei der Familie Marrocco aus der Ciociaria: der Schneiderin Filomena, ihrem Mann Tommaso, dessen greisem Schwiegervater und der jungen Annita, die den fernen Sohn Giovannino per Stellvertreter geheiratet hat. Oft kommt Santina, eine alte Prostituierte, die aus den Karten zu lesen vorgibt und die man immer wieder nach dem Schicksal Giovanninos befragt – der in Wahrheit beim Rückzug aus Russland gefallen ist. Eines Tages sucht Davide dort nach Nino; kurz darauf erscheint Nino selbst und eröffnet der bestürzten Mutter, dass er von ihrer jüdischen Herkunft erfahren hat – mit spöttischer Gelassenheit: Selbst Karl Marx sei Jude gewesen.

Mit dem Jahr 1946, der Krieg ist vorbei, beginnen Useppes Nächte von langen, furchtbaren Albträumen heimgesucht zu werden, genährt von den Kriegsbildern in den Zeitungen. Eine Ärztin verschreibt ein Stärkungsmittel, das den Zustand des Kindes vorübergehend stabilisiert. Bald darauf wird Santina von ihrem Zuhälter Nello D'Angeli erschlagen. Ende August zieht Nino, inzwischen heimlich Schmuggler, für einige Tage in Idas neue Wohnung und bringt eine prächtige Maremmen-Hirtenhündin namens Bella mit, an die sich Useppe sofort mit ganzer Seele bindet. Am 16. November erleidet Useppe einen ersten epileptischen Anfall – die von der Mutter geerbte Krankheit. Wenige Tage später stirbt Nino bei einer Verfolgungsjagd der Polizei in einem Autounfall. Bella bleibt fortan bei Useppe.

Frühling und Sommer 1947 verbringen Useppe und Bella streifend durch Rom und am Tiber, bis sie eine unberührte Lichtung als geheimen Zufluchtsort entdecken. Dort treffen sie den aus einer Besserungsanstalt geflohenen Jungen Pietro Scimò, der neben Davide Segre ihr einziger Freund wird. Davide lebt inzwischen in Santinas alter Wohnung und greift zu immer neuen Drogen, um seine inneren Qualen zu betäuben – den Hass auf die Bürgerklasse, aus der er stammt, die Schuld am Tod seiner Familie und die Reue, im Krieg einen deutschen Soldaten totgeschlagen zu haben.

Betäubt von Alkohol und Rauschmitteln hält Davide in einer Osteria eine lange Rede, die kaum jemand beachtet. Bald darauf stirbt er in seiner Wohnung an einer Überdosis – nicht ohne zuvor in einem seiner Gewaltausbrüche Useppe, der ihn mit Bella besucht hatte, wüst zu beschimpfen. Diese Kränkung erschüttert das Kind so tief, dass es von immer neuen epileptischen Anfällen heimgesucht wird, die es schließlich töten. Ida, die im Augenblick seines Todes in der Schule war, kehrt einer Vorahnung folgend heim. Beim Anblick des toten Kindes verliert sie den Verstand und schließt sich ein, aus Angst, man könne ihr den Sohn wegnehmen. Als die Behörden kommen, müssen sie die Hündin Bella erschießen, die sich ihnen drohend in den Weg stellt. Ida wird in eine psychiatrische Anstalt gebracht, wo sie neun Jahre später stirbt.

Stil

Als vielstimmiger Roman ist La Storia angelegt: Nicht ein einzelner Held trägt die Handlung, sondern eine ganze verwundete Bevölkerung. Die Ereignisse des Krieges erscheinen durch die Augen der einfachen Leute. Morante wechselt dabei zwischen zwei Tonlagen. Bald schildert sie die zerbombten Viertel und die überfüllten Elendssiedlungen der Vorstädte mit schroffem Realismus – San Lorenzo, Testaccio, Pietralata, das jüdische Ghetto Roms und die nahen Höhen, in denen die Partisanen kämpfen. Bald hebt sie dieselbe Wirklichkeit in eine ausgeprägte poetische Visionshaftigkeit.

Die Sprache passt sich den Figuren an. Bei Nino klingt der freche, derbe Tonfall der römischen Vorstadt an, bei Useppe die zärtliche, verstümmelte Kindersprache, die schon seinen eigenen Namen hervorbringt. Viele Gestalten tragen Spitznamen und Kampfnamen, die ihre Herkunft und ihr Milieu verraten. So verbindet der Roman das genaue Ohr für den Alltag der kleinen Leute mit einem weiten, mitfühlenden Blick auf ihr Leiden.

Rezeption

Schon vor dem Erscheinen fiel das Werk durch die Umstände seiner Veröffentlichung auf. Elsa Morante arbeitete mindestens drei Jahre daran und wollte, dass es sogleich als billiges Taschenbuch in Broschur herauskam, damit es möglichst viele Leser erreichte. Der Verlag brachte den Roman im Juni 1974 in der Reihe „Gli Struzzi" bei Einaudi heraus. Ungewöhnlich waren die begleitende Werbekampagne in den italienischen Tageszeitungen und die für damalige Verhältnisse hohe Startauflage von hunderttausend Exemplaren. Auch das Titelbild sorgte für Aufsehen: Die erste Ausgabe zeigte die Fotografie eines im Spanischen Bürgerkrieg getöteten Kindes; später wurde sie durch das Bild eines lebenden Kindes zwischen den Trümmern des Krieges ersetzt.

Das Werk fand einen festen Platz in der Weltliteratur. 2002 nahm der Norwegische Buchklub es in seine Liste der hundert besten Bücher aller Zeiten auf. 1986 brachte der Regisseur Luigi Comencini den Stoff als dreiteilige Fernsehminiserie heraus.

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