1912 – 1985
Elsa Morante
Kurzbiografie↑
Zu den wichtigsten Vertreterinnen der italienischen Nachkriegsliteratur zählt Elsa Morante. Sie wurde 1912 in Rom geboren und starb 1985 ebenda. Schon als Jugendliche schrieb sie Erzählungen für Zeitungen. Später legte sie vier große Romane vor. Dazu gehört La Storia, der 1974 zu einem außergewöhnlichen Publikumserfolg wurde. Heute gilt sie gerade wegen ihrer unideologischen Sicht auf die Geschichte als eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation.
Biografie↑
Elsa Morante wurde am 18. August 1912 als zweites von fünf Kindern in Rom geboren. Sie stammte aus dem proletarischen römischen Stadtteil Testaccio. Dort lebte sie bis 1922 in der Via Anicia. In diesem Jahr zog die Familie in den Stadtteil Monteverde Nuovo westlich des Stadtzentrums. Morante besuchte dort das Virgilio-Gymnasium. Die familiären Verhältnisse waren verwickelt. Ihre Mutter war die aus der Nähe von Modena stammende Grundschullehrerin Irma Poggibonsi, eine Jüdin. Ihr leiblicher Vater Francesco Lo Monaco kam aus Sizilien. Ihr gesetzlicher Vater Augusto Morante arbeitete als Erzieher in einer Besserungsanstalt für Jugendliche in Rom.
Bereits mit 18 Jahren, kurz nach dem Abitur, verließ Morante ihr Elternhaus. In den folgenden Jahren wohnte sie in möblierten Zimmern in Rom. Aus Geldmangel beendete sie ihr Literaturstudium. Sie veröffentlichte Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften und gab Nachhilfeunterricht in Italienisch und Latein. Zu Beginn der 1930er Jahre bezog sie eine kleine Wohnung im Corso Umberto. 1936 lernte sie den Schriftsteller Alberto Moravia kennen. Sie heiratete ihn am 14. April 1941 in Rom. Wie sie selbst hatte auch Moravia einen jüdischen Elternteil.
Moravia wurde antifaschistischer Aktivitäten beschuldigt. Deshalb floh das Paar im Herbst 1943 nach Fondi und kehrte von dort im Sommer 1944 nach Rom zurück. Nach Kriegsende unternahmen beide zahlreiche Reisen, unter anderem nach Spanien, in die UdSSR, nach China und in die USA. 1962 trennte sich das Paar. Moravia zog aus der gemeinsamen Wohnung in der Via dell’Oca aus. Zu Morantes engsten Freunden zählten Natalia Ginzburg und Pier Paolo Pasolini. Pasolini besuchte sie Mitte der 1960er Jahre häufig. Bereits 1959 hatte sie auf einer Reise nach New York den damals 23-jährigen Maler Bill Morrow kennengelernt. Die intensive Freundschaft zu ihm endete im April 1962 tragisch durch dessen tödlichen Sturz.
Im Jahr 1980 erlitt Morante infolge eines Sturzes einen Oberschenkelhalsbruch. Von diesem erholte sie sich nie wieder. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich, und sie konnte das Bett nicht mehr verlassen. Im Frühjahr 1983 unternahm sie einen Suizidversuch, der scheiterte. Nach zweieinhalb Jahren in einer Klinik starb Elsa Morante 1985 an einem Herzinfarkt in Rom. Sie war die Tante der italienischen Schauspielerin Laura Morante.
Literarische Merkmale↑
Schon im Alter von dreizehn Jahren veröffentlichte Morante Erzählungen in Zeitungen für Kinder. 1941 erschien ihr erster Erzählband. Er erfuhr später eine erweiterte Neuauflage unter dem Titel Der andalusische Schal. 1948 folgte mit Lüge und Zauberei der erste ihrer vier großen Romane. Dafür wurde ihr im selben Jahr die Hälfte des Premio Viareggio zugesprochen. Die andere Hälfte ging an Aldo Palazzeschi für I fratelli Cuccoli. Ihr zweiter Roman, Arturos Insel, erhielt 1957 den Premio Strega. An einem Roman mit dem Titel Senza i conforti della religione arbeitete sie mehrere Jahre, ohne ihn zu veröffentlichen.
Mit dem 1974 erschienenen Roman La Storia erreichte sie internationale Anerkennung. Das Buch wurde zu einem bis dahin unerreichten Publikumserfolg. Allein bis 1974 verkauften sich in Italien 600.000 Exemplare. Der Spiegel nannte Italien ein „Nichtleserland“. Ihr letzter Roman Aracoeli wurde 1984 mit dem Prix Médicis ausgezeichnet. Kennzeichnend für ihr Werk ist eine individualistische, bewusst unideologische Sicht auf die Geschichte. Die zeitgenössische Kritik warf ihr das teils scharf vor. Später wurde es aber gerade als Stärke gewürdigt. Über ihr literarisches Schaffen hinaus stand Morante dem Film nahe. 1961 spielte sie eine kleine Rolle in Pasolinis Film Accattone.
Rezeption↑
Großen, aber zwiespältigen Widerhall fand vor allem La Storia. Der Roman wurde zum überragenden Verkaufserfolg. Er stieß jedoch auf langanhaltende Kritik der damals in Italien starken und populären Linken. Diesen Kritikern galt das Buch als ideologisch nicht gefestigt. Morante breite eine individualistische Sicht auf die Geschichte aus, es fehle der klare marxistisch-leninistische Standpunkt. Morante hatte eine bezahlbare Taschenbuchausgabe gefordert. Nach deren Erscheinen wurde in der linken Tageszeitung Il Manifesto einen ganzen Sommer lang in Artikeln und Leserbriefen über den Roman gestritten.
Erst in den 1990er Jahren revidierten diese Kritiker ihre Meinung. Heute gilt Elsa Morante gerade wegen ihrer unideologischen Perspektive als eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Sie wird zu den wichtigsten Vertreterinnen der italienischen Nachkriegsliteratur gezählt.
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