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Werkseintrag · Die beiden Tauben
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Die beiden Tauben
– Werkseintrag –

Die beiden Tauben

· Ballade

Zwei Tauben, eine zärtliche Bindung und ein Aufbruch in die weite Welt: La Fontaine verwandelt eine altindische Erzählung in eines der berührendsten Liebesgedichte der französischen Sprache.

Überblick

Die zweite Fabel im neunten Buch der Fabelsammlung von Jean de La Fontaine gilt als eines der berührendsten Liebesgedichte der französischen Sprache. Die beiden Tauben erzählt von zwei Vögeln, die einander innig zugetan sind. Dann bricht einer von ihnen auf, um die Welt zu sehen. La Fontaine schöpft aus einer altindischen Erzählung. Er verwandelt den Stoff in eine Meditation über Liebe, Trennung und die Sehnsucht nach dem vertrauten Zuhause.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zwei Tauben leben in zärtlicher Verbundenheit. Eines Tages reift in einer der beiden der Wunsch, fortzuziehen und die Welt zu entdecken. Die andere bleibt zurück und versucht, den Gefährten von dem Aufbruch abzuhalten. Der Abschied ist von schmerzlicher Zärtlichkeit. Er wird begleitet vom Versprechen einer baldigen Rückkehr.

Die reisende Taube macht sich auf den Weg in eine Welt, die La Fontaine als Ort der Versuchungen und Gefahren entwirft, voller Fallen und lauernder Feinde. Was der Wandernden auf ihrer Fahrt begegnet, entfaltet das Gedicht in eindringlichen Bildern. Es zeigt auch, ob die Sehnsucht nach dem Zuhause oder die Lust an der Ferne stärker ist. Beschlossen wird die Fabel durch einen Monolog des Dichters. Dieser verwandelt die Tiergeschichte in eine Reflexion über das Lieben selbst.

Die Handlung im Detail

Zwei Tauben lieben einander mit zärtlicher Liebe. Eine von ihnen aber fühlt sich an ihrem Ort nicht mehr heimisch und fasst den Entschluss, in die Welt hinauszufliegen. Der zurückbleibende Gefährte versucht, sie zurückzuhalten: Er warnt vor den Gefahren der Reise, beklagt die bevorstehende Einsamkeit und nennt den Geliebten in seiner direkten Rede grausam, weil dessen Liebe ihm ein „katastrophales Malheur" eintrage. Die Rede erschüttert das Herz der Reisewilligen, doch ihre Lust nach der Ferne ist stärker. Mit dem Versprechen, bald zurückzukehren, nehmen die beiden weinend voneinander Abschied.

Auf der Reise gerät die wandernde Taube in eine Welt voller Fallen und Feinde. Ein Gewitter zwingt sie zur Rast, ein Köder lockt sie in ein Netz, dem sie nur mit Mühe entkommt und aus dem sie wie ein entflohener Gefangener davonkommt. Ein Raubvogel stürzt sich auf sie, ein weiterer greift in den Kampf ein – auch hier entrinnt sie knapp. Schließlich trifft sie ein Junge mit einer Steinschleuder; der Schleuderstein verwundet sie schwer und macht endgültig allen Reiseträumen ein Ende. Halb tot und halb lahm schleppt sich die Taube nach Hause, wo sie ihren Gefährten wiederfindet. Die beiden sind vereint, die Wunden werden vergessen, und La Fontaine wechselt vom Tierbild zu den Menschen.

Im abschließenden inneren Monolog richtet sich der Dichter an die Liebenden: Sie sollen einander eine ganze Welt sein und ihr Glück nicht in der Abwechslung anderswo suchen. Daran knüpft sich eine wehmütige Erinnerung an die eigenen früheren Lieben, jede von ihnen eine entzückende junge Hirtin, denen der Dichter unter Cupido, dem „Sohn von Cythère", gedient habe. In den letzten Zeilen spricht La Fontaine vom Alter und von seiner Scheu, wie Frauen ihn nun sehen mögen. Er nennt sich selbst „fragend", gesteht, dass er nicht mehr zu lieben wagt, und schließt mit der offenen Frage, ob auf die einstigen Lieben wohl noch weitere folgen würden.

Stil

La Fontaine wählt die knappe Form der Verstierfabel, weitet sie aber in eine Odyssee aus. Die Reise der einen Taube wird zur allegorischen Wanderung durch das Leben. Sturm, Netz, Raubvogel und Schleuderjunge werden dabei zu Stationen einer Welt voller Versuchungen. Die Sprache trägt von der ersten Zeile an die Tönung der Liebesdichtung. Das eröffnende „Deux pigeons s'aimaient d'amour tendre" ruft ein Vokabular auf, das eher der ernsten Liebesdichtung und der Tragödie zugehört als der Tierfabel. Die Klage der zurückbleibenden Taube ist in Wendungen gehalten, die an Didos Worte gegenüber dem abreisenden Aeneas erinnern. Das doppelsinnige Wort Amitié umfasst im Französischen sowohl Freundschaft als auch Liebschaft und hält die Bedeutung so in der Schwebe.

Auffällig ist der Übergang vom Apolog zum Epilog. Ohne Vermittlung wechselt das Gedicht vom Tierpaar zur Anrede an die „Amants, heureux amants" und schließlich zum Ich des Dichters. Mit dieser Bewegung verschiebt sich auch das Geschlecht der Tauben. Beide sprechen einander als „Bruder" an. Doch im Lauf der Reise erscheint die heimkehrende Taube plötzlich grammatisch weiblich – „demi-morte et demi-boiteuse". Am Ende wird das Paar geschlechtsneutral als „gens" zusammengefasst. Diese Verschiebungen schaffen einen mehrdeutigen Subtext. Er lässt die Liebe zwischen Männern und die Liebe zwischen Mann und Frau einander überblenden.

Rezeption

Die Fabel gilt als eine der bewegendsten La Fontaines. Sie zählt zu den bekanntesten Liebesgedichten der französischen Sprache. Bereits die Erstausgabe wurde von dem Illustrator François Chauveau bebildert. Er griff für seine Darstellung auf die altindische Vorlage aus dem Pañcatantra zurück, in der eine Taube auf einer Mauer von einer Steinschleuder getroffen wird. Möglicherweise geschah dies mit Duldung des Dichters.

Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung kreist seit langem um den erotischen Subtext. Frühere Kritiker zauderten angesichts der Tatsache, dass beide Vögel einander als „Bruder" anreden und damit eindeutig männlich gezeichnet sind. Leo Spitzer hat darauf hingewiesen, dass La Fontaine von Anfang an einen mehrdeutigen versteckten Subtext schaffe, in dem der Gedanke an heterosexuelle Liebe mitschwinge. Die neuere Forschung sieht diesen Subtext in noch weit größerem Maß angelegt, als früher anerkannt wurde. Auch das Bild des Netzes, das die Taube gefangen hält, und das des „herzlosen Kindes", das den Helden verwundet, sind von der Forschung in eine Reihe mit Motiven der zeitgenössischen Liebesdichtung gestellt worden. In diesen Motiven stehen sich abgewiesene Liebende und gefühlskalte Geliebte gegenüber.

Das Gedicht hat über die Literaturkritik hinaus gewirkt. Es ist als Ballett Les Deux Pigeons und in weiteren Bühnen- und Bildbearbeitungen unter dem englischen Titel The Two Pigeons adaptiert worden.

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