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Porträt Giacomo Casanova
Giacomo Casanova
1725 – 1798
– Autorenporträt –

Giacomo Casanova

1725 – 1798 · 73 Jahre

Venezianischer Abenteurer, Jurist und Bibliothekar, der aus dem Staatsgefängnis des Dogenpalasts floh und sein Leben an den Höfen Europas in den Erinnerungen „Histoire de ma vie“ festhielt.

Kurzbiografie↑

Giacomo Casanova wurde 1725 in Venedig geboren und starb 1798 auf Schloss Dux im Königreich Böhmen. Er war Schriftsteller und Bibliothekar, studierter Jurist, dazu Glücksspieler, Geheimagent, Freimaurer und Abenteurer. Bekannt wurde er durch die Schilderung zahlreicher Liebschaften und durch seine Flucht aus dem venezianischen Staatsgefängnis unter dem Dach des Dogenpalasts. Sein Lebensweg führte ihn an viele Höfe Europas; festgehalten hat er ihn in der kulturgeschichtlich bedeutenden Lebensbeschreibung Histoire de ma vie. Diese Erinnerungen zählen zur Weltliteratur.


Biografie↑

Seine Mutter war die Schauspielerin Giovanna Maria Farussi, genannt „Zanetta“, sein mutmaßlicher Vater der Tänzer und Schauspieler Gaetano Giuseppe Casanova. Beide heirateten 1724 in San Samuele; dort wurde Giacomo auch getauft. Er war das älteste von sechs Kindern. Seine Kindheit verbrachte er im Kirchspiel San Samuele. Seiner Herkunft entsprechend verglich er sein Leben später mit einem dreiaktigen Theaterstück.

Im ersten Kapitel seiner Lebensbeschreibung konstruierte Casanova eine recht unwahrscheinliche adlige Abstammung. Er selbst räumte in seinem Büchlein Né amori né donne ein, er sei wohl die Frucht einer Beziehung seiner Mutter mit dem venezianischen Adligen Michiel Grimani. Grimani war der Besitzer des Teatro San Samuele, wo seine Eltern arbeiteten. Ende 1733 starb der Vater an einer eitrigen Mittelohrentzündung. Die Mutter hatte Engagements im Ausland, später auf Lebenszeit in Dresden. Giacomo wuchs daher bei seiner Großmutter Marzia Farussi auf. Bei ihr litt er häufig unter Nasenbluten; das war nach eigener Aussage seine älteste Erinnerung. Zur Behandlung besuchte die Großmutter mit ihm eine Art Zauberin auf Murano. Diese erste Begegnung mit magischen Vorstellungen brachte den Jungen erheblich durcheinander.

An seinem neunten Geburtstag kam er nach Padua in die Schule des Antonio Gozzi. Er fühlte sich abgeschoben, Schmutz und Hunger trieben ihn dort zum Mundraub. Nach eigener Darstellung erkannte Gozzi bald seine Begabung und übertrug ihm die Aufsicht über die Aufgaben seiner Mitschüler. In diesen Jahren lernte er, wie er schreibt, Ariost und Horaz auswendig. Er befasste sich auch mit den Naturwissenschaften und lernte Violine spielen. Nach eigener Aussage trieb ihn das Glück der ersten Beifallsbekundung dazu, sich literarisch zu betätigen. Nach eigener Darstellung verliebte er sich als Junge in Bettina, die etwas ältere Schwester seines Lehrers.

An der Universität Padua schrieb er sich ein. Er selbst wollte Medizin studieren, doch seine Mutter überzeugte ihn, die Rechte zu wählen. Ab November 1737 erhielt er eine akademische Grundausbildung. Durch den Antiquar Carlo Ottaviani kam er mit der Alchemie in Berührung. Als sich herausstellte, dass er sich vor allem vergnügte, wurde er 1739 nach Venedig zurückgerufen. Seine Philosophie- und Rechtskenntnisse vertiefte er nun bei dem Gelehrten Biagio Schiavo. An San Samuele Profeta sollte er auf eine kirchliche Karriere vorbereitet werden; im Februar 1740 erhielt er die Tonsur. Nach seinen vier niederen Weihen versuchte er sich als Prediger; bei seiner zweiten Predigt täuschte er nach eigener Darstellung eine Ohnmacht vor, weil ihm der Text entfallen war. Für kurze Zeit lernte er danach am Seminar von San Cipriano.

Der Pfarrer seiner Gemeinde stellte ihn dem vermögenden Senator Alvise Gasparo Malipiero vor, einem über siebzigjährigen Feinschmecker. Als dessen Tischgenosse im Palazzo Malipiero und durch die Freundschaft des adligen Dichters Giorgio Baffo erhielt Casanova Zugang zur Nobilität der Stadt. Zugleich war ihm klar, dass diese Führungsgruppe für ihn abgeriegelt blieb, weil er keiner der adligen Familien angehörte. Dieses schmerzhafte Bewusstsein der Ungerechtigkeit verbarg er stets. Er selbst gab an, mit siebzehn Jahren in Padua den Grad eines Doktors beider Rechte erworben zu haben. Lange ließ sich das in den Quellen nicht belegen, und man hielt ihm vor, seine Lebensbeschreibung geschönt zu haben. Später fand sich im Paduaner Matrikelregister ein Vermerk über den Verlust mehrerer Zertifikate, darunter die von 1742. Ob er den Doktortitel tatsächlich erwarb, ist in der Forschung bis heute umstritten. Die Rechtskunde war ihm, wie er schrieb, „in den Tod zuwider“.

Die Chronologie der frühen Jahre ist unsicher. Zumeist wird angenommen, dass er Mitte der 1740er Jahre über Korfu nach Konstantinopel reiste und dort den adligen Abenteurer Claude Alexandre de Bonneval traf. 1743 starb seine Großmutter Marzia, die er bis zuletzt gepflegt hatte. 1755 wurde Casanova in Venedig ohne Begründung und unter unwürdigen Bedingungen fünfzehn Monate im Staatsgefängnis unter dem Dach des Dogenpalasts festgesetzt. Ihm gelang ein für unmöglich gehaltener Ausbruch. Nach der Flucht durfte er achtzehn Jahre lang nicht nach Venedig zurückkehren. Nach eigener Darstellung trug er aus der Haft ein lebenslanges Leiden davon. In Paris war er maßgeblich an der Einführung einer staatlichen Lotterie beteiligt und verdiente gut daran.

Mehrfach wurde Casanova eingekerkert oder des Landes verwiesen, unter anderem aus Wien und Frankreich. Anlass waren sein Lebenswandel oder geplatzte Wechsel. Mehrfach geschah es zu Unrecht, manchmal ohne Begründung. Das brachte ihn besonders auf. Er nutzte die Reisewege zwischen den Höfen Europas und die sich damals stärker verbreitenden Zeitungen. Dazu kam das öffentliche Auftreten bei Festen, im Theater, an Glücksspielstätten und bei Empfängen. Er tat das in Frankreich, England, Italien und Spanien, in Deutschland, Polen und Russland. Mehr als 65.000 Kilometer legte er wohl in Kutschen zurück. Zu seinen Bekannten zählten Da Ponte, Voltaire, Crébillon, von Haller, Winckelmann und Mengs. Von Armut und Heimweh getrieben, ließ er sich 1774 in Venedig als Spitzel anwerben. Bedeutende Ergebnisse lieferte er dabei aber nicht. Nachdem er 1782 mit einer Schmähschrift gegen einen Patrizier Anstoß erregt hatte, verließ er Venedig Anfang 1783 endgültig.

Seine letzten dreizehn Jahre verbrachte er als Bibliothekar des Grafen Joseph Karl von Waldstein auf Schloss Dux im Norden Böhmens, blieb aber bis zuletzt viel auf Reisen, die vor allem seinen Veröffentlichungen dienten. Er korrespondierte weiter mit bedeutenden Männern seiner Zeit, verfasste und erhielt Tausende von Briefen und schrieb Tagebücher, die nicht erhalten sind. 1789 begann er seine Lebenserinnerungen. Casanova war nie verheiratet, obwohl er es nach eigener Darstellung oft versprach; er hatte mehrere Kinder. Elf Mal, so schreibt er, erkrankte er an einer Geschlechtskrankheit. Seine umfangreichen medizinischen Kenntnisse erlaubten es ihm meist, sich selbst zu kurieren, wobei er sich wochenlang zurückzog, manchmal dem Tode nah. Zwiespältig blieb er bis zuletzt: Er verachtete die Willkür und den Standesdünkel des Adels, ließ sich aber immer wieder von vermögenden Adligen protegieren. Er war der modernen Rationalität geneigt und seit seiner Kindheit doch vom Aberglauben durchdrungen, den er bei anderen skrupellos ausbeutete. Die Französische Revolution hielt er für ein noch größeres Übel als den Hochmut des Adels.

Er starb 1798 in Dux, dem heutigen Duchcov.


Literarische Merkmale↑

Seine Lebenserinnerungen verfasste Casanova bewusst auf Französisch, weil diese Sprache am weitesten verbreitet war. Der Text umfasst rund 3700 Seiten. Er arbeitete dabei aus Dokumenten, vor allem aus Briefen, die er aufbewahrt hatte und aus denen er vielfach zitiert, sowie aus einem Tagebuch, das er spätestens seit den 1750er Jahren führte. Dieses Tagebuch vernichtete er, nachdem er daraus seine Histoire de ma vie verfasst hatte. Entsprechend dem Titel im Manuskript wollte er die Erinnerungen bis in seine letzten Lebensjahre fortführen, doch brechen sie 1774 mit der Heimkehr nach Venedig ab. In einem Brief von 1793 begründete er das selbst: Über sein Leben nach dem fünfzigsten Jahr könne er nur noch Trauriges darbieten, das mache ihn selbst traurig und würde sein Publikum nur langweilen.

Als Erzähler hält er die Einzelheiten der äußeren Welt fest. Reiserouten, Kosten und Ausstattung seiner Kutschen erwähnt er meistens. Für das Elend in den wachsenden Städten hatte er kaum einen Blick. Ihn interessierten eher Gastronomie, Wein und Speisen, Tanz und Konversation, Feste, Oper und Theater. Neben Herrschern und der geistigen Elite Europas spielen auch die unteren Stände in seinen Erinnerungen eine bedeutende Rolle. Über die Völker und Länder, die er bereiste, äußerte er sich mehrfach. Dabei bediente er eine Reihe von Klischees: Die Deutschen seien „kalt oder prosaisch“, bisweilen „phlegmatisch“, die Gelehrten „geheimtuerisch“, „Ofenhocker“ und voller „Heimweh“. Diese Urteile veränderten sich im Lauf der Erzählung kaum.

Seine Schriften dienten in seinen Augen der angemessenen Darstellung seiner Person und auch seiner Rehabilitation. Dabei war er gewarnt worden, das Schlechte werde aufgebauscht, das Gute als Eitelkeit ausgelegt werden. Er bekannte selbst: „Ich bin stets nach Auszeichnung begierig gewesen und habe stets die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken geliebt.“ Die Neuedition von 2013 bis 2015 nahm auch die von ihm durchgestrichenen Passagen und seine eigenen, nicht korrigierten Schreibweisen auf. Damit trat nicht nur sein Italienisch im Französischen wieder zu Tage, sondern auch die erzählerische Energie und Frische des Originals.


Rezeption↑

Möglicherweise ist Casanova der erste, der anhaltende Berühmtheit nicht vorrangig durch Stellung, Taten oder Leistungen erlangte, sondern dadurch, dass er unentwegt von sich reden machte. 1797 erschien eine stark überarbeitete deutsche Übersetzung seines Berichts von der Flucht aus dem Dogenpalast. Das Manuskript der Lebenserinnerungen vererbte er Carlo Angiolini. Dessen Tochter Camilla bot es 1820 dem Verlag Brockhaus in Leipzig an, der es im Januar 1821 für 200 Taler erwarb.

Im Auftrag des Verlages übersetzte zunächst Wilhelm von Schütz das Werk ins Deutsche. Zuvor hatte Ludwig Tieck es begutachtet und zu einer Herausgabe mit Einschränkungen geraten. Er schrieb: „Vieles ist für uns Deutsche, ja vielleicht für jeden Menschen gar zu arg“. Ende 1822 erschien der erste deutsche Band. Weil er reißenden Absatz fand, gab Brockhaus zwischen 1822 und 1828 eine zwölfbändige, stark überarbeitete Ausgabe heraus. Aus Sorge vor Zensur und Ablehnung bearbeitete Schütz das Original. Gerd Forsch stellte in seiner 1988 erschienenen Dissertation fest, dass „anrüchige sexuelle Praktiken und dunkle Punkte der Biographie – Onanie, Homoerotik und Päderastie, Abtreibungen und Geschlechtskrankheiten“ getilgt wurden. Erich Loos nannte die Übersetzung „ein ganz erbärmliches Machwerk“. Nach einem französischen Raubdruck beauftragte Brockhaus den Dresdner Romanisten Jean Laforgue mit einer französischen Ausgabe. Laforgue griff noch tiefer in den Text ein: Die im Original eher nüchtern gehaltenen erotischen Passagen erhielten eine Tendenz zum Wollüstigen.

Diese Edition blieb über ein Jahrhundert lang die einzige Textbasis. Nachdrucke und Auswahlausgaben waren so tendenziös gestaltet, dass Casanova nur noch als Verführer erschien. Dem Erfolg half das enorm: Laut dem Biographen James Rives Childs gab es bis 1956 insgesamt 104 deutsche und 91 französische Ausgaben. Erst 1960 veröffentlichten Brockhaus in Wiesbaden und Plon in Paris den Originaltext; die zwölfbändige Ausgabe wurde 1962 abgeschlossen. Eine Forschung auf verlässlicher Grundlage, die die kulturgeschichtliche Bedeutung Casanovas herausarbeitete, setzte entsprechend erst nach diesen Editionen ein. 2010 erwarb der französische Staat das Manuskript für über sieben Millionen Euro. Von 2013 bis 2015 erschien unter Leitung von Gérard Lahouati und Marie-Françoise Luna eine Neuedition in drei Bänden bei Éditions Gallimard. Zwischen 1822 und 2021 erschienen rund 1400 Editionen; die Aufarbeitung der in Dux erhaltenen Korrespondenz, die heute im Staatsarchiv Prag liegt, ist noch nicht abgeschlossen.

Erst im frühen 19. Jahrhundert tauchte die Figur Casanova in künstlerischen Werken auf. Eine verlässliche Quellengrundlage fehlte damals noch weitgehend. Mitte des Jahrhunderts wurden die zahllosen Einzelheiten seiner Schilderung genauer geprüft. Auch die Identifizierung der nur verklausuliert genannten Personen machte Fortschritte. Im deutschsprachigen Raum gilt Hugo von Hofmannsthals 1899 erschienenes Werk Der Abenteurer und die Sängerin als ein erster Höhepunkt. Die Zeit bis 1933 wird als Phase höchster Intensität der Rezeption gesehen. Neben Hofmannsthal ist sie mit dem Namen Arthur Schnitzler verbunden. Der Rückgriff auf eine männliche Identifikationsfigur passte in eine Zeit der Emanzipation und der Geschlechterkrise. Carina Lehnen hebt in ihrer Untersuchung die wichtige Rolle Wiens als Zentrum der Casanova-Rezeption hervor. Spätere Werke führten diese Ansätze vereinfacht und verkürzt fort, ohne wesentlich neue künstlerische Wege zu gehen. 2026 wurde in Venedig unter Leitung von Antonio Trampus eine nationale Editionsreihe zu Casanovas Werken eröffnet.

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