1825 – 1890
Camilo Castelo Branco
Kurzbiografie↑
Zu den umtriebigsten Schriftstellern des portugiesischen 19. Jahrhunderts zählt Camilo Castelo Branco. Er wurde am 16. März 1825 in Lissabon geboren und starb am 1. Juni 1890 in São Miguel de Seide. Er war Romancier, Kritiker, Dichter und Übersetzer. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens machte er das Schreiben zu seiner einzigen Einnahmequelle. Sein eigenes Dasein war von früher Verwaisung, leidenschaftlichen Liebesaffären, einem aufsehenerregenden Ehebruchsprozess und schweren Schicksalsschlägen geprägt. Diese Erfahrungen flossen in seine umfangreiche Erzählwelt ein. 1885 wurde er von König Luís mit dem Titel eines Visconde de Correia Botelho geehrt. Sein Werk siedelt er vor allem in den nördlichen Provinzen Minho und Trás-os-Montes an, mit der Stadt Porto im Mittelpunkt.
Biografie↑
Geboren wurde Camilo Ferreira Botelho Castelo Branco am 16. März 1825 in Lissabon. Er war der leibliche Sohn von Manuel Joaquim Botelho Castelo Branco, der aus einer kleinbürgerlichen Familie aus Trás-os-Montes stammte. Seine Mutter verlor er, als er zwei Jahre alt war, seinen Vater im Alter von zehn Jahren. Auf Beschluss des Familienrats kamen er und seine Schwester Carolina nach Vila Real in die Obhut einer Tante väterlicherseits, Rita Emília. Diese brachte den beiden Waisenkindern wenig Zuneigung entgegen. Als die Schwester 1839 den späteren Arzt Francisco José de Azevedo heiratete, zog Camilo mit nach Vilarinho da Samardã. Dort erhielt er seine erste Bildung durch Pater António de Azevedo, den Bruder seines Schwagers. Der brachte ihm die christliche Lehre, Latein, Französisch und Portugiesisch bei.
Im Alter von sechzehn Jahren heiratete er am 18. August 1841 Joaquina Pereira da França, eine Bäuerin aus Friúme, wo er vorübergehend als Schreiber arbeitete. Er verließ sie jedoch bald wieder. Die junge Ehefrau und die im Oktober 1841 geborene Tochter starben wenige Jahre später, 1847 und 1848. Es folgte eine lange Kette von Liebesaffären. Dazu gehörten Patrícia Emília, die ebenfalls eine Tochter von ihm bekam, Isabel Cândida Mourão, eine Nonne des Klosters Avé Maria, und schließlich Ana Plácido, die zur entscheidenden Frau seines Lebens wurde.
Zunächst wollte Camilo Medizin studieren. Er schrieb sich an der Schule für Medizin und Chirurgie in Porto ein, die er von 1842 bis 1845 besuchte. 1846 war er in Coimbra, vermutlich um Jura zu studieren. Dieses Studium trat er nicht einmal an. Ab 1848 ließ er sich in Porto nieder, entschlossen, seinen Lebensunterhalt als Journalist zu verdienen. In einem Anflug religiöser Begeisterung trat er 1850 in das Priesterseminar der Diözese ein, um die Weihe zu empfangen. Doch die Berufung erlosch schon nach wenigen Monaten. Bald nahm er sein unstetes Leben zwischen Cafés, Theatern, den Salons des Bürgertums und den Zeitungsredaktionen wieder auf.
In dieser Zeit lernte er Ana Augusta Plácido kennen, die mit dem aus Brasilien zurückgekehrten Kaufmann Manuel Pinheiro Alves verheiratet war. Ana verließ ihren Mann und floh mit Camilo nach Lissabon. Nach Bekanntwerden des Skandals wurde sie im Juli 1859 im Conceição-Kloster in Braga in Einzelhaft untergebracht. Nach gut einem Monat floh sie jedoch. Ein Ehebruchsprozess wurde eröffnet. Ana kam ins Gefängnis von Porto, und Camilo stellte sich dort am 1. Oktober 1859. Nach dem Freispruch zogen beide nach Lissabon, wo 1863 ihr Sohn Jorge geboren wurde. 1864 ließen sie sich in São Miguel de Seide nieder, in dem Haus, das einst Pinheiro Alves gehört hatte. Durch Erbschaft ging es an dessen vermeintlichen Sohn Manuel Plácido über, der jedoch offenbar Camilos Sohn war.
Er hatte eine Familie zu ernähren und besaß keine anderen Mittel als seine Arbeitskraft. So machte er das Schreiben zu seiner einzigen Einnahmequelle. Die letzten rund 25 Jahre seines Lebens vergingen mit fieberhaftem Schreiben in einem traurigen Haus, begleitet von düsteren Sorgen um seine Kinder. Sein Sohn Manuel starb 1877 nach einem gescheiterten Geschäft in Angola und einem ausschweifenden Leben. Nuno folgte im selben Jahr nach einer Folge von Abenteuern und Glücksspiel. Jorge versank allmählich in geistiger Umnachtung. 1858 wurde Camilo auf Vorschlag von Alexandre Herculano in die Akademie der Wissenschaften gewählt. Am 18. Juni 1885 ehrte ihn König Luís mit dem Titel eines Visconde de Correia Botelho. Am 9. März 1888 heiratete er schließlich Ana Plácido. Von Krankheit gequält, von Blindheit bedroht und in der Furcht, dem Wahnsinn entgegenzugehen, versank er in tiefen Pessimismus. Am 1. Juni 1890 nahm er sich das Leben.
Literarische Merkmale↑
Aus seinem eigenen, von Widersprüchen durchzogenen Leben schöpfte Castelo Branco den Stoff für seine Erzählwelt. In ihm mischen sich das Tragische mit dem Komischen, der Ernst mit dem Burlesken, ein Sinn für das Religiöse mit Unglauben und sogar Blasphemie. Sein Temperament war romantisch und sentimental zugleich. Auf seine Schwermut reagierte er mit den Mitteln der Ironie und des Sarkasmus. Eine scharfe Beobachtungsgabe und eine grenzenlose Phantasie bestimmen die Perspektive, aus der heraus er schrieb.
Seine fiktive Welt ist in den nördlichen Provinzen Minho und Trás-os-Montes angesiedelt, mit ihren ländlichen und provinziellen Schauplätzen und der weiter entwickelten Stadt Porto im Zentrum. Dort schildert er eine Gesellschaft, die in tiefem Widerspruch zwischen den materiellen Interessen der Wirklichkeit und den Ansprüchen von Gefühl und Ideal steht – ganz im Geist der Romantik.
Sein Schaffen ist umfangreich und in mehreren Gattungen verstreut. Zu den Romanen zählen Mistérios de Lisboa, der zuerst 1853 in einer Zeitung erschien, und A Queda d'Um Anjo von 1866. Daneben stehen Erzählsammlungen wie die Novelas do Minho und die zwölfteilige Folge Noites de insomnia sowie Gedichte und kritische Schriften, darunter biografische Notizen über den Dichter Luís de Camões.
Rezeption↑
Anerkennung erfuhr Castelo Branco schon zu Lebzeiten durch das literarische Establishment seines Landes. 1858 wurde er auf Vorschlag von Alexandre Herculano in die Akademie der Wissenschaften gewählt. 1885 verlieh ihm König Luís den Titel eines Visconde de Correia Botelho. Diese Ehrungen vermochten allerdings, wie das überlieferte Material betont, seine inneren Nöte und seinen Pessimismus nicht zu mildern.
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