Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Lore Lay
Eingang · Werke · Lore Lay
Abbildung nicht verfügbar
Lore Lay
1801
– Werkseintrag –

Lore Lay

1801 · Lyrik

Eine schöne Zauberin am Rhein, der jeder Mann verfällt – und aus der Brentano jene Loreley schuf, die heute fast jeder für eine uralte Sage hält.

Überblick↑

Die Ballade Lore Lay von Clemens Brentano entstand 1800 in Jena und gehört zum zweiten Teil seines Romans Godwi. Brentano griff darin den Loreley-Felsen am Rhein und sein Echo auf. Mit diesem Ort verband er erstmals eine weibliche Gestalt: die schöne Zauberin Lore Lay. Aus dieser Erfindung wuchs in den folgenden Jahrzehnten ein Stoff, der bald für eine alte Sage gehalten wurde – und vielfach bis heute dafür gehalten wird.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Zu Bacharach am Rhein wohnt eine Zauberin von solcher Schönheit, dass ihr jeder Mann verfällt. Wer in ihre Augen blickt, dem ist keine Rettung mehr beschieden. Schließlich lässt ein Bischof sie vor ein geistliches Gericht laden, um sie wegen ihrer Zauberei zu richten.

Doch auch er erliegt sofort ihrer Erscheinung und bringt es nicht über sich, den Stab über sie zu brechen. Lore Lay aber bittet seltsamerweise selbst um den Tod: Ihr Geliebter hat sie verlassen, sie ist des Lebens müde und will niemanden mehr lieben. Der Bischof entscheidet anders, als sie erbittet, und schickt drei Ritter mit ihr fort. Auf diesem Weg führt die Ballade an den Felsen über dem Rhein, an dem sich das Schicksal der jungen Frau entscheidet.

Die Handlung im Detail↑

Zu Bacharach am Rhein wohnt eine Zauberin, deren Macht allein in ihrer Schönheit liegt. Jeder Mann verfällt ihr und findet dadurch sein Verderben. Darum lässt der Bischof sie vor ein geistliches Gericht rufen. Doch kaum steht sie vor ihm, ergeht es ihm wie allen anderen: Auch sein Herz entbrennt für sie, und er gesteht, dass er den Stab über sie nicht brechen kann, ohne sein eigenes Herz zu zerbrechen.

Lore Lay jedoch fleht um ihre Verurteilung. Sie erklärt, dass ihr Zauber gerade dort versagt hat, wo sie wirklich liebte: Ihr Geliebter hat sie betrogen, sich von ihr abgewandt und ist fortgezogen in ein fremdes Land. Nun ist ihr der eigene Zauber zur Last geworden, sie kann nicht einmal ihr eigenes Bildnis ansehen, ohne Schmerz zu empfinden. Sie will sterben wie eine Christin, weil ohne den Geliebten für sie alles vergehen muss.

Der Bischof schickt sie nicht in den Tod, sondern bestimmt sie zum Klosterleben. Drei Ritter sollen sie dorthin bringen, damit sie ein Nönnchen werde. Unterwegs bittet Lore Lay, ein letztes Mal auf einen hohen Felsen über dem Rhein steigen zu dürfen, um noch einmal nach dem Schloss ihres Geliebten und hinab in den Strom zu sehen. Die Ritter binden ihre Rosse unten an und klettern ihr nach.

Oben auf dem steilen Felsen erblickt sie ein Schifflein auf dem Rhein. Sie glaubt fest, ihr Geliebter stehe darin, ihr Herz wird ihr munter – und im Glauben, ihn wiederzusehen, lehnt sie sich hinunter und stürzt in den Fluss. Die drei Ritter können nicht mehr hinabsteigen und müssen ebenfalls sterben, ohne Priester und ohne Grab. Am Ende fragt die Ballade, wer dieses Lied gesungen habe: ein Schiffer auf dem Rhein, dem vom Felsen, dem Dreiritterstein, immer wieder der Name herüberklingt – „Lore Lay“, dreifach, als wären es seiner drei.

Stil↑

Die Dichtung ist als Ballade gehalten. Ihr Ton ist schlicht und volksliedhaft, mit kurzen Versen und einfachem Wortschatz, der an alte Erzähllieder erinnert. Gerade diese liedhafte Einfachheit trug dazu bei, dass der Stoff später wie eine überlieferte Sage wirkte.

Ein großer Teil des Gedichts besteht aus wörtlicher Rede. Im Wechselgespräch zwischen dem Bischof und Lore Lay entfaltet sich das ganze Drama, sodass die beiden Figuren unmittelbar zu Wort kommen. Der Rhein bildet dabei den festen Rahmen: Die erste Strophe führt mit „Zu Bacharach am Rheine / Wohnt eine Zauberin“ in den Schauplatz ein, und im selben Strom findet die Handlung ihr Ende. So spannt sich ein Bogen vom Anfang bis zum Schluss. Brentano nahm zudem das Echo des Loreley-Felsens auf: Der dreifach widerhallende Name am Versende verknüpft den Klang des Ortes mit der Gestalt, die er erfunden hat.

Rezeption↑

Mit dieser Ballade verband Brentano erstmals eine weibliche Gestalt mit dem Loreley-Felsen. Das Motiv wurde in den folgenden Jahren von vielen Autoren aufgegriffen und weitergesponnen. Dabei wandelte sich die Figur allmählich zu einer nixen- oder sirenenhaften Erscheinung, die mit Gesang und Schönheit die vorbeifahrenden Schiffsleute ablenkt und ins Verderben lockt.

Zu den bekanntesten Bearbeitungen zählt Heinrich Heines Gedicht Die Lore-Ley mit der Anfangszeile „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“. Noch im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatte sich die Geschichte von der sirenenhaften Loreley so weit verbreitet, dass sie für eine alte Sage gehalten wurde – ein Eindruck, der vielfach bis heute fortwirkt. Damit gehört Brentanos Erfindung zu den folgenreichsten Beispielen dafür, wie ein erdichtetes Motiv zum scheinbaren Volksgut werden kann.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten