Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Lorenzaccio
Eingang · Werke · Lorenzaccio
Cover Lorenzaccio
Lorenzaccio
1834
– Werkseintrag –

Lorenzaccio

1834 · Drama

Um einen tyrannischen Fürsten zu stürzen, wird ein junger Idealist selbst zum Ausschweifenden – und weiß nicht mehr, wo die Maske endet und er beginnt.

Überblick

Lorenzaccio ist ein romantisches Bühnenwerk in fünf Akten, das Alfred de Musset im Jahr 1834 schrieb. Angeregt wurde es von George Sand, die ihm das Manuskript ihrer bis dahin unveröffentlichten historischen Szene Une conspiration en 1537 überließ. Erschienen ist das Stück im August 1834 im ersten Band der zweiten Folge von Un spectacle dans un fauteuil. Im Mittelpunkt steht der junge Florentiner Lorenzo de' Medici, eine zwiespältige Gestalt zwischen Idealismus und Selbstverachtung. Der Stoff geht auf tatsächliche Ereignisse aus dem Florenz des 16. Jahrhunderts zurück, überliefert in der Chronik Storia fiorentina von Benedetto Varchi. Das Werk gilt als eines der bedeutenden Beispiele des französischen romantischen Dramas.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die Handlung spielt in Florenz im Januar 1537. Über die Stadt herrscht Herzog Alexander de' Medici, ein tyrannischer und ausschweifender Fürst, gestützt auf den Papst und auf Kaiser Karl V., dessen deutsche Garnison ihn schützt. Gegen ihn richtet sich der neunzehnjährige Patrizier Lorenzo de' Medici, ein entfernter Verwandter des Herzogs. Als belesener junger Mann bewundert er die Helden der Antike und träumt davon, in Florenz die Republik wiederherzustellen.

Um diesem Ziel näherzukommen, macht Lorenzo sich zum treuen Diener und Gefährten des Herzogs und teilt mit ihm das Leben der Ausschweifung. Die Florentiner, die seinen sittlichen Verfall beobachten, geben ihm den verächtlichen Beinamen „Lorenzaccio“. Doch hinter der Maske des Verdorbenen verbirgt sich ein anderer Plan. Ob die alten republikanischen Familien den Mut aufbringen, ihn zu unterstützen, und ob ein Einzelner überhaupt etwas verändern kann, treibt das Stück voran.

Die Handlung im Detail

Der Schauplatz ist Florenz in den letzten beiden Jahren der Herrschaft Herzog Alexanders de' Medici. Die Stadt wird vom Papst und von Kaiser Karl V. kontrolliert, die den lasterhaften und niederträchtigen Alexander an ihre Spitze gesetzt haben. Eine deutsche Garnison sichert seine Macht.

Lorenzo de' Medici, ein junger Verwandter des Herzogs, hat sich der Wiederherstellung der Republik verschrieben. Weil er die großen republikanischen Familien für zu träge und zu feige hält, um ihre Pflicht zu erfüllen, beschließt er, allein zu handeln. Um an den Herzog heranzukommen, wird er dessen engster Vertrauter und Genosse seiner Ausschweifungen. Nach und nach lebt er die Verkommenheit seiner Stadt so überzeugend vor, dass ihm der Spottname „Lorenzaccio“ anhaftet. In ihm ringen zwei Gestalten: „Lorenzino“, der von Idealen erfüllte, von den beiden Brutus der Antike begeisterte romantische Held, und „Lorenzaccio“, die verdorbene, zynische Figur, die immer mehr sein wahres Ich zu überwuchern droht.

Sein Vorhaben scheint von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn er handelt ohne Verbündete. Niemand traut ihm die Tat zu, und niemand hat den Mut, aus ihr etwas zu machen. Im Augenblick des Mordes am Herzog wird Lorenzaccio für einen Moment wieder zum idealistischen Lorenzo, zum mutigen und poetischen Mann des Schwertes. Doch nach der Tat findet sich keiner, der die Gelegenheit ergreift, um in Florenz eine weniger tyrannische Ordnung zu errichten.

Gegenüber der überlieferten Geschichte nahm Musset sich eine entscheidende Freiheit. In der historischen Vorlage flieht Lorenzo und bleibt am Leben, ebenso seine Mutter. Bei Musset dagegen erfährt der Held vom Tod der Frau, die ihm das Leben schenkte, und stirbt selbst kurz darauf. Aus dieser dichterischen Umformung erklären sich einige Anachronismen und historische Ungenauigkeiten des Stücks.

Stil

Ein Zug prägt die Form dieses Werks besonders: Es gehört zu den Stücken, die Musset unter dem Titel Un spectacle dans un fauteuil zusammenfasste, also zum „Schauspiel im Lehnstuhl“. Diese Texte waren allein für die Lektüre gedacht, nicht für die Bühne. Musset zog sich auf diese Form zurück, nachdem sein früheres Stück La Nuit vénitienne bei seinen einzigen beiden Aufführungen im Dezember 1830 gescheitert war.

Von dieser Freiheit machte er reichen Gebrauch. Die fünf Akte umfassen sechsunddreißig Szenen und verlangen zahllose Schauplätze und eine gewaltige Zahl von Figuren. Der Reichtum des Werks liegt vor allem in der Doppelnatur und Vieldeutigkeit der Titelfigur, die zugleich Idealist und Verdorbener ist. Sprachlich zeigt sich eine für die Literatur des 19. Jahrhunderts kennzeichnende Haltung: Der Autor achtet stärker auf den Rhythmus und Klang der Sätze als auf die realistische Genauigkeit der Situation. Ein Ausspruch der Figur bringt die gedankliche Spannung des Werks auf den Punkt: „Das Böse existiert, aber nicht ohne das Gute, wie der Schatten existiert, aber nicht ohne das Licht.“

Rezeption

Zu Lebzeiten Mussets kam das Stück nicht auf die Bühne. Seine Fülle stand einer Aufführung im Weg: Die sechsunddreißig Szenen der fünf Akte hätten drei Theaterabende, an die sechzig Bühnenbilder und mehr als vierhundert Mitwirkende erfordert. Im Jahr 1863 richtete Mussets Bruder Paul einen Text für das Théâtre de l'Odéon ein, doch die kaiserliche Zensur verweigerte die Genehmigung. Sie erklärte, die Erörterung eines Rechts, einen Herrscher zu töten, und der Mord am Fürsten durch einen Verwandten seien ein gefährliches Schauspiel für das Publikum.

Zur ersten Aufführung kam es erst 1896 am Théâtre de la Renaissance, also lange nach Mussets Tod. Sarah Bernhardt verkörperte den Lorenzo in der Tradition der Hosenrollen, in der die Figur zunächst von Frauen gespielt wurde. Erst 1933 übernahm mit Jean Marchat in Bordeaux ein Mann die Rolle. Zu den Aufführungen, die dem Werk seinen Ruf sicherten, zählt die Inszenierung beim Festival von Avignon im Jahr 1952, in der Gérard Philipe die Titelrolle spielte und zugleich Regie führte. In den folgenden Jahrzehnten kehrte das Stück immer wieder auf die Bühne zurück und fand auch außerhalb des Theaters Nachhall, etwa in einer bibliophilen Ausgabe und einer Bildergeschichte.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten