1810 – 1857
Alfred de Musset
Kurzporträt↑
Zu den großen Vertretern der französischen Romantik zählt Alfred de Musset. Er wurde 1810 in Paris geboren und starb 1857 ebenda. Schon als junger Mann wurde er als frühreifer Dichter im Kreis um Victor Hugo bewundert. Berühmt machten ihn vor allem seine Theaterstücke. Daneben schrieb er Gedichte, Erzählungen und einen autobiografischen Roman. Sein Leben war geprägt von einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zu George Sand. Dazu kamen häufige Depressionen und schließlich der Alkohol, der seine Gesundheit zerstörte.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Alfred de Musset in Paris als wohlbehüteter Sohn adeliger Eltern. Seine Schulzeit absolvierte er mit Glanz am Traditionsgymnasium Lycée Henri IV. Danach begann er lustlos ein Jura- und dann ein Medizinstudium. Vor allem aber betätigte er sich als junger Lebemann. Daneben war er ein frühreifer Dichter. Ab 1828 ließ er sich im Kreis um Victor Hugo, dem „Cénacle", bewundern.
Schon 1830 erschienen die Contes d'Espagne et d'Italie (deutsch „Spanische und italienische Erzählungen"). Es war eine Sammlung formvollendeter Gedichte im Stil der Romantik, voller Exotik und exaltierter Gefühle. Im selben Jahr begann er auch, Theaterstücke zu schreiben. Sein erstes aufgeführtes Stück La Nuit vénétienne (deutsch „Venezianische Nacht", 1830) blieb ohne Erfolg. Danach bestimmte er seine Dramen nur noch zum Lesen und veröffentlichte sie in Sammelbänden. So erschienen 1832 und 1834 je ein Band Spectacles dans un fauteuil (deutsch „Schauspiele in einem Sessel") und 1840 ein Band Comédies et Proverbes (deutsch „Komödien und Sprichwörter").
Mussets Vater starb 1832 in der großen Typhusepidemie. Danach beschloss Musset, wohl auch dank der Erbschaft, fortan als Schriftsteller zu leben. 1833 lernte er die sechs Jahre ältere Romanautorin George Sand kennen. Mit ihr begann er ein romantisch-leidenschaftliches Liebesverhältnis. Dieses endete bald auf einer gemeinsamen Italienreise im Winter 1833/1834. In Venedig erkrankte er, und sie betrog ihn mit dem Arzt. Die tiefe Krise, die dies bei Musset auslöste, inspirierte ihn zu Gedichten voller Weltschmerz. Sie erschienen gesammelt als Nuits (deutsch „Nächte", 1835 und 1837). Aus derselben Zeit stammt auch der autobiografische Roman Confession d'un enfant du siècle (deutsch „Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen", 1836). Dessen Protagonist Octave ist einer jener typisch romantischen, also desillusionierten Helden, die sich selbst und ihrer Umwelt zum Problem werden.
Zu seinen bekanntesten und auch heute noch gelegentlich aufgeführten Stücken gehören Les caprices de Marianne (deutsch „Mariannes Launen", 1833), Fantasio (1834) und On ne badine pas avec l'amour (deutsch „Mit der Liebe spaßt man nicht", 1834) sowie Lorenzaccio (1833/1834). Die erstgenannten handeln von enttäuschter Liebe. Dieses Thema beschäftigte den leicht entflammten, aber narzisstischen Musset immer wieder. Lorenzaccio erzählt die Geschichte eines Tyrannenmords, der den Täter am Ende nur frustriert. Das Stück spiegelt die politische Enttäuschung Mussets und vieler Intellektueller seiner Generation. Sie hatten große Hoffnungen in die Juli-Revolution von 1830 gesetzt. Sie fühlten sich betrogen, als das Regime des neuen „Bürgerkönigs" Louis-Philippe I. rasch von der Großbourgeoisie vereinnahmt wurde und ab 1832 zunehmend autoritär und repressiv agierte.
Neben seinen zahlreichen Theaterstücken und seiner Lyrik verfasste Musset in den für ihn fruchtbaren 1830er Jahren auch eine Reihe von Erzählungen. 1838 erhielt er im Innenministerium einen bescheidenen Bibliothekarsposten. Dieser belastete ihn wenig, sicherte ihm aber ein Grundeinkommen. Ab 1845 wurden einige seiner Schachaufgaben veröffentlicht.
Das Jahr 1840 brachte mit einer schweren Krankheit einen tiefen Einbruch. Danach litt er an häufigen Depressionen und schrieb nur noch wenig. Er flüchtete sich in Liebesaffären und Alkoholkonsum, was seinen Zustand weiter verschlechterte. 1845 erhielt er das Kreuz der Légion d'honneur. 1847 erlebte er die erfolgreiche Aufführung seines Stücks Un Caprice (deutsch „Eine Laune", 1837). 1852 wurde er in die Académie française gewählt, nach vergeblichen Anläufen in den Jahren 1848 und 1850. Hilfreich war dabei, dass er sich dem neuen Regime von Louis-Napoléon Bonaparte angeschlossen hatte.
Am 2. Mai 1857 starb Alfred de Musset in Paris im Schlaf an einer Herzschwäche. Diese war durch langjährigen Alkoholismus und eine Aortenklappeninsuffizienz begründet. Vor seinem Tod beobachtete sein Bruder ein pulssynchrones Kopfnicken. Dieses Symptom ist auch heute noch als Musset-Zeichen bekannt. Er wurde auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Geprägt ist Mussets dichterisches Frühwerk vom Stil der Romantik, voller Exotik und exaltierter Gefühle. Das zeigen schon die formvollendeten Gedichte der Contes d'Espagne et d'Italie. Seine Krisen und Enttäuschungen verarbeitete er zu Versen voller Weltschmerz.
Sein dramatisches Werk verfasste er nach dem frühen Misserfolg nicht mehr mit Blick auf die gerade herrschende romantische Theaterdoktrin. Er folgte stattdessen seinen eigenen, gemäßigt klassizistischen Vorstellungen. Wiederkehrendes Thema seiner Stücke ist die enttäuschte Liebe. Das passte zu seinem eigenen Wesen: leicht entflammbar, zugleich aber narzisstisch. Seine Figuren tragen oft die Züge des typisch romantischen, desillusionierten Helden, der sich selbst und seiner Umwelt zum Problem wird. In Lorenzaccio verband er die persönliche mit der politischen Enttäuschung seiner Generation.
Rezeption↑
Als bleibende Leistung Mussets gilt heute sein dramatisches Werk. Er schuf es nach seinen eigenen, gemäßigt klassizistischen Vorstellungen statt nach der herrschenden romantischen Theaterdoktrin. So erwies es sich letztlich als zukunftsweisender als etwa das seines zunächst erfolgreicheren Konkurrenten Victor Hugo, dessen Stücke schon seit langem kaum mehr aufgeführt werden.
Im deutschsprachigen Raum wurde Musset kaum bekannt. Sein Werk La Coupe et les lèvres (1831) diente jedoch als literarische Vorlage für Edgar, Giacomo Puccinis zweite Oper. Eine Anekdote über sein spätes, vom Alkohol gezeichnetes Auftreten bei der Prinzessin Mathilde Bonaparte fand sogar Eingang in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 1999 verfilmte Diane Kurys die Liebesbeziehung zwischen Musset und George Sand unter dem Titel Les enfants du siècle mit Juliette Binoche und Benoît Magimel. Mehrere seiner Stücke wurden zudem im deutschsprachigen Raum als Hörspiele bearbeitet.
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