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Porträt Robert Musil
Robert Musil
1880 – 1942
– Autorenporträt –

Robert Musil

1880 – 1942 · 61 Jahre

Österreichischer Erzähler der Moderne, dessen unvollendeter Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ zur Weltliteratur zählt.

Kurzporträt

Robert Musil wurde 1880 in Klagenfurt geboren und starb 1942 im Genfer Exil. Er gehört zu den großen Erzählern der österreichischen Moderne. Sein 1906 erschienener Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß machte ihn schlagartig bekannt. Sein zweites Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften arbeitete er von den 1920er Jahren bis zu seinem Tod aus. Es blieb unvollendet und zählt dennoch zur Weltliteratur. Neben den beiden Romanen verfasste er Novellen, Dramen, Essays und Kritiken. Charakteristisch für sein Schreiben ist das Neben- und Miteinander von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Die Forschungsliteratur zu Musil reißt seit den 1950er Jahren nicht ab.


Biografie

Robert Musil wurde am 6. November 1880 in Klagenfurt geboren. Er war der einzige Sohn des Ingenieurs und Hochschulprofessors Alfred Musil und seiner Frau Hermine, geborene Bergauer. Die Familie väterlicherseits stammte aus dem mährischen Rychtářov, die mütterliche Familie aus Südböhmen. Roberts Großvater war der Eisenbahnpionier Franz Xaver Bergauer. Vier Jahre vor Roberts Geburt war eine ältere Schwester gestorben. Ohne sie gekannt zu haben, verspürte er zu ihr eine eigentümliche Hingezogenheit. Im Elternhaus verkehrte der Hausfreund Heinrich Reiter. Er stand zur Mutter in einem Verhältnis unklarer Nähe – eine Konstellation, die den Jungen irritierte.

Die Familie zog aus beruflichen Gründen mehrfach um: 1881 nach Komotau, 1882 nach Steyr, 1891 nach Brünn. 1892 wurde Robert in die Militär-Unterrealschule Eisenstadt geschickt. Von 1894 bis 1897 besuchte er die Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen. In dieser Kadettenanstalt erlebte er jene grausamen Machtspiele unter den Zöglingen, die er später in den Verwirrungen des Zöglings Törleß verarbeitete. Laut der Deutschen Biographie schickten ihn die Eltern nach präpubertären Auseinandersetzungen mit der Mutter dorthin. An der k.u.k. Technischen Militärakademie in Wien begann er eine Ausbildung zum Artillerieoffizier. Diese brach er bereits im Dezember 1897 nach einem Vierteljahr ab.

1898 begann Musil mit väterlicher Unterstützung ein Maschinenbaustudium an der Deutschen Technischen Hochschule Brünn, an der sein Vater Rektor war. Am 18. Juli 1901 bestand er die zweite Ingenieursprüfung mit der Gesamtnote „sehr befähigt". Geistig prägten ihn in dieser Zeit Friedrich Nietzsche, Ralph Waldo Emerson und Maurice Maeterlinck. Zwei Monate vor der Prüfung hatte er dem Verlag Cotta ein Manuskript mit dem Titel Paraphrasen angeboten. Es wurde abgelehnt.

Sein Sexualleben um die Jahrhundertwende war von Erlebnissen mit einer Prostituierten bestimmt. Daneben stand eine mystisch getönte Verliebtheit zu der Pianistin und Bergsteigerin Valerie Hilpert, die er im September 1900 in Schladming kennenlernte. Von März 1902 an behandelte er sich anderthalb Jahre lang gegen eine Syphilis-Infektion. In jene Zeit fiel auch die mehrjährige Beziehung zu der Verkäuferin Hermine (Herma) Dietz. Sie war das Vorbild der Tonka seiner gleichnamigen Novelle von 1923. Hermine starb 1907, vermutlich nach Ansteckung durch Musil.

1902/03 arbeitete Musil als Volontär-Assistent an der Materialprüfungsanstalt in Stuttgart bei Carl von Bach. Eifrig betrieb er die Materialprüfung nicht. Er holte das Abitur nach (Juni 1904), lernte die alten Sprachen und begann Die Verwirrungen des Zöglings Törleß zu schreiben. Zum Wintersemester 1903/04 schrieb er sich in Berlin für Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik ein. Der Roman erschien Ende 1906. Alfred Kerr verhalf ihm mit einer glänzenden Kritik im Berliner Tag zum Durchbruch. Ende Februar 1908 promovierte Musil über Ernst Mach. Eine akademische Karriere an der TH München oder der Universität Graz hätte ihm offengestanden. Doch er entschied sich für die „Liebe zu künstlerischer Literatur".

Im August 1906 hatte Musil im Ostseebad Graal Martha Marcovaldi kennengelernt, die dort mit ihren beiden Kindern Urlaub machte. Martha entstammte der wohlhabenden jüdischen Berliner Familie Heimann. Ihr erster Mann war 1895 in Florenz gestorben. Von ihrem zweiten, Enrico Marcovaldi, lebte sie seit November 1907 getrennt. 1908 wurde aus der Bekanntschaft eine Liebesbeziehung. 1911 heiratete das Paar in Wien. Bis Ende 1913 lebten beide in Wien, dann wieder in Berlin. 1914 wurde Musil zum Kriegsdienst einberufen. 1915 war er in Palai im Fersental stationiert. Eine Begegnung mit der Südtiroler Bäuerin Magdalena Lenzi gab den Anstoß zur Novelle Grigia. Zwischen Musil und Martha bestand laut der Forschung ein „symbiotisches Verhältnis".

Nach dem Krieg lebte das Paar wieder in Wien, ab 1923 in Berlin, 1933 erneut in Wien, 1938 dann im Schweizer Exil. An seinem Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften arbeitete Musil seit den 1920er Jahren bis zu seinem Tod, ohne es abschließen zu können. Er starb am 15. April 1942 in Genf. Er war katholisch getauft, seit 1910/11 evangelisch.


Literarische Merkmale

Musils Schreiben ist in hohem Maße von seinen Anlagen und von der Verarbeitung des eigenen Erlebens bestimmt. Sein Werk spiegelt den eigenen Werdegang, die Wahrnehmung des unmittelbaren sozialen Umfelds, die Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen und die Deutung der geistigen Strömungen seiner Zeit. Charakteristisch, so die Wikipedia-Darstellung, ist das Neben- und Miteinander von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Dieser Grundzug durchzieht sein gesamtes Werk und wird vor allem im Mann ohne Eigenschaften zur Methode.

Geprägt war Musils Denken früh von einem aufgeklärten, naturwissenschaftlich orientierten und ausgesprochen glaubenslosen Elternhaus. Auf diesem Boden las er Nietzsche, Emerson, Maeterlinck und Peter Altenberg. Regional wirkten Autoren wie Schaukal. Im Herbst 1900 erfasste ihn rings um den Wallfahrtsort Filzmoos eine naturmystische Erfahrung – jenes „ozeanische Gefühl" im Sinne Freuds, ausgelöst durch die abwesende Geliebte Valerie Hilpert. Die Deutsche Biographie nennt sie seine wahrscheinlich wichtigste Jugenderfahrung. Im Mann ohne Eigenschaften taucht sie als „vergessene, überaus wichtige Geschichte mit der Gattin eines Majors" wieder auf, verlegt auf eine südliche Insel.

In seinem zweiten Buch Vereinigungen (1911) verarbeitete Musil laut der Deutschen Biographie Anregungen aus den Hysterie-Studien Freuds und Breuers, etwa das jugendliche Trauma. Die kausale Methode der Psychoanalyse wollte er aber nicht einfach übernehmen. Dem Begriff der traumatischen Ursache stellte er den des Motivs gegenüber – ein Motiv, das dem Reich der Freiheit angehören und von Bedeutung zu Bedeutung führen sollte. Musil schwebte die Versöhnung von Notwendigkeit und Freiheit, von Psychoanalyse und Transzendentalphilosophie vor. Mit dieser Verbindung von präziser analytischer Beobachtung und der Offenheit für mystische Erfahrung gehört er zur literarischen Moderne. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß gelten als ein vielfach auch als Schullektüre genutztes Werkbeispiel dieser Moderne.


Rezeption

Den Durchbruch verdankte Musil 1906 dem Kritiker Alfred Kerr. Er besprach die Verwirrungen des Zöglings Törleß im Berliner Tag glänzend und verhalf ihnen damit zum Erfolg. Zeitgenössische Pädagogen und Psychologen lasen den Roman als Milieustudie über jugendliche Homosexualität und pubertäre Identitätsstörung. Im Rückblick gewann das Buch, so die Deutsche Biographie, „geradezu prophetische Qualitäten". Anhand der „Klassendiktatoren" von Mährisch-Weißkirchen habe es die Diktatoren des Jahrhunderts – Hitler, Stalin, Mussolini – „in nucleo" beschrieben.

Anders erging es dem 1911 erschienenen Novellenband Vereinigungen. Die Texte wurden laut der Deutschen Biographie von der literarischen Kritik nicht verstanden, selbst von Alfred Kerr und Franz Blei nicht. Mit Ausnahme enthusiastischer Rezensionen von Ernst Blaß und Alfred Wolfenstein fielen die Besprechungen fast durchweg negativ aus. Eine schriftstellerische Laufbahn ließ sich auf diesem Buch nicht gründen.

Sein Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften zählt heute zur Weltliteratur. Musil arbeitete daran seit den 1920er Jahren bis zu seinem Tod 1942, ohne es abschließen zu können. Die zu diesem Roman publizierten Werkdeutungen und Forschungspublikationen reißen seit den 1950er Jahren nicht ab. Die Neue Deutsche Biographie widmete Musil 1997 einen ausführlichen Artikel von Karl Corino. Daneben verzeichnet die Deutsche Biographie Einträge in zahlreichen weiteren Lexika – vom Österreichischen Biographischen Lexikon über das Historische Lexikon der Schweiz bis zur Liste „Verbannte und Verbrannte" der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen und Autoren.

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