1930
Der Mann ohne Eigenschaften
Überblick↑
Mit Der Mann ohne Eigenschaften hinterließ Robert Musil eines der bedeutendsten Romanwerke des 20. Jahrhunderts. Ab 1930 erschien der Roman in drei Bänden. Vollendet wurde er nie. Im Zentrum steht Ulrich, ein junger Intellektueller in Wien. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entzieht er sich jeder festen Rolle und will sich für neue Möglichkeiten offenhalten. Um ihn herum entfaltet Musil ein weites Panorama der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, die er ironisch „Kakanien“ nennt: eine in alten Strukturen erstarrte Gesellschaft, die sich geschäftig auf ihren Untergang zubewegt. Zwischen erzählenden Passagen und essayistischen Reflexionen lotet Musil das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit aus. So schafft er ein Werk, das in der deutschsprachigen Literatur ohne Vergleich dasteht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Wien, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Mathematiker Ulrich, Anfang dreißig, hat sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben genommen. Er will herausfinden, was er mit sich anfangen soll, denn keiner der bisher eingeschlagenen Wege hat ihn ausgefüllt. Ulrich beobachtet die Welt mit kühler Neugier, mit Ironie und mit der Bereitschaft, sich auf nichts festzulegen. Eben darin liegt seine Eigenart: Er hält sich frei für andere Möglichkeiten, statt sich zu einer einzigen Wirklichkeit zu bekennen.
Durch Zufall gerät er in die sogenannte Parallelaktion. Einflussreiche Kreise der Donaumonarchie wollen das siebzigjährige Thronjubiläum Kaiser Franz Josephs im Jahr 1918 vorbereiten. Es soll auf keinen Fall hinter dem dreißigjährigen Thronjubiläum des deutschen Kaisers Wilhelm II. zurückstehen. In Salons und Komitees wird beratschlagt, welche große Idee dem Vorhaben einen Sinn geben könnte. Ulrich wird Sekretär dieses Unternehmens. Aus nächster Nähe beobachtet er, wie sich Politik, Wirtschaft, Geist und gesellschaftliche Eitelkeiten miteinander verflechten. Um ihn herum bewegt sich ein vielstimmiges Personal: die schöne Diotima, der einflussreiche Graf Leinsdorf, der preußische Großindustrielle Arnheim, der Militär Stumm von Bordwehr und viele andere.
Während die Vorbereitungen ins Leere zu kreisen beginnen, kündigt sich für Ulrich eine ganz andere Erfahrung an. Der Tod seines Vaters führt ihn aus Wien hinaus und in die Nähe seiner Schwester Agathe, der er kaum begegnet ist. Mit ihr eröffnet sich ihm ein Raum, der mit der Welt der Parallelaktion nichts mehr zu tun hat.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung setzt 1913 in Wien ein, in jener österreichisch-ungarischen Monarchie, die Musil im Roman „Kakanien“ nennt. Ulrich, Mathematiker und Sohn aus gutem Hause, hat beschlossen, ein Jahr „Urlaub vom Leben“ zu nehmen. Frühere Versuche, sich als Offizier, als Ingenieur und als Wissenschaftler einzurichten, haben ihn nicht zur Ruhe gebracht. Er bleibt ein Beobachter, der jeden festen Standpunkt sofort wieder in Frage stellt. Darin liegt der Sinn seiner Eigenschaftslosigkeit: Ulrich misst alles Bestehende an seinen Möglichkeiten und will sich nicht zu einer einzigen Wirklichkeit verengen lassen.
In diese Schwebelage hinein erreicht ihn ein mahnender Brief des Vaters, der die Ziellosigkeit des Sohnes beklagt und ihn in eine gesellschaftliche Aufgabe drängt. So wird Ulrich in die Parallelaktion hineingezogen. Einflussreiche Kreise wollen das siebzigjährige Thronjubiläum Franz Josephs 1918 zu einem österreichischen Friedensjahr ausbauen, das dem für dasselbe Jahr erwarteten dreißigjährigen Thronjubiläum Wilhelms II. an Glanz und Ausstrahlung nicht nachstehen soll. Ulrich wird Sekretär dieses Unternehmens. Um ihn herum versammeln sich Graf Leinsdorf als Initiator, seine Cousine, die Salondame Diotima, der preußische Großindustrielle und Geistesmann Arnheim, der General Stumm von Bordwehr, der für das Militär eine ordnende Idee in der Welt der Begriffe sucht, und viele andere. Die Parallelaktion sucht nach der einen großen Idee, die ihrem Vorhaben Sinn geben könnte, und produziert dabei eine ironisch ausgemalte Fülle von Sitzungen, Reden, Eitelkeiten und Selbsttäuschungen.
Musil schiebt zwischen die Szenen immer wieder essayartige Reflexionen über Zeit, Geist, Wissenschaft, Liebe und Moral. Ulrich beobachtet das Treiben mit Skepsis, mit Ironie und mit jener Respektlosigkeit, die das vermeintlich Selbstverständliche der Wirklichkeit auflöst. Daneben treten Nebenhandlungen, in denen sich die Brüchigkeit der Vorkriegswelt zeigt, etwa um den Frauenmörder Moosbrugger, an dessen Fall Fragen von Schuld, Vernunft und Krankheit verhandelt werden, oder um Ulrichs Jugendfreunde Walter und Clarisse.
Eine entscheidende Wendung bringt der Tod des Vaters. Ulrich reist zur Beerdigung und begegnet dort seiner verheirateten Schwester Agathe wieder, die er kaum kennt. Zwischen den Geschwistern entsteht eine ungewöhnliche Nähe, in der sie sich wie zwei Hälften eines Wesens erkennen. Sie wenden sich von der Welt der Parallelaktion ab und suchen einen „anderen Zustand“, den Musil als „taghelle Mystik“ beschreibt: einen Zustand jenseits der gewohnten Ordnungen, in dem Denken und Fühlen zusammenfallen. Das Verhältnis zwischen Bruder und Schwester ist inzestuös getönt, ohne dass der Roman es zu einer eindeutigen Tat führt; entscheidend ist die Suche nach einer anderen Form menschlicher Verbindung.
Der Roman bleibt offen. Musil hat über zwei Jahrzehnte an dem Werk gearbeitet, hat einzelne Kapitel bis zu zwanzigmal umgeschrieben und ein Konvolut von rund 12.000 Blättern mit etwa 100.000 Anmerkungen und Querverweisen hinterlassen. Während der Niederschrift verschoben sich die Zeitebenen: Weltwirtschaftskrise und Faschismus drängten in die Reflexionen über das Jahr 1913 hinein. Aus den nachgelassenen Papieren haben spätere Herausgeber den Roman nach eigenem Ermessen fortgeführt; seit 2009 liegt das Gesamtwerk als digitale Klagenfurter Ausgabe vor. Auf das Romanende, in dem der Erste Weltkrieg über Kakanien hereinbrechen würde, läuft die Anlage zu, ohne dass Musil es erreicht hätte. Die Unabschließbarkeit ist dem Werk damit zur Form geworden.
Stil↑
Musil bricht mit der traditionellen Erzählform. Das „ordentliche Nacheinander“ gewöhnlichen Erzählens hielt er für eine Scheinordnung, die das Chaotische und Zwiespältige des Lebens nur verdecke. An ihre Stelle setzt er ein bewegliches Nebeneinander von Erzählung und Reflexion. Erzählende Kapitel und essayistische Betrachtungen wechseln und ergänzen einander. So entsteht ein Roman, in dem das Denken selbst zur Handlung wird.
Die Grundhaltung des Buches ist die eines kühlen Beobachters. Musil hatte sich früh als „monsieur le vivisecteur“ bezeichnet, als Forscher am eigenen seelischen Material. Diesen wissenschaftlichen Anspruch trägt er in den Roman hinein. Vor allem im ersten Buch herrscht jenes nüchterne Experimentalbewusstsein, das die Sprache mit Nonchalance, Liebenswürdigkeit und ironischer Sorglosigkeit grundiert. Ironie, scharfe Karikatur, Skepsis und Respektlosigkeit zersetzen das Selbstverständliche der Wirklichkeit und öffnen den Blick für das Mögliche.
Charakteristisch ist Musils Bereitschaft, jede Sichtweise sofort wieder in eine andere zu kippen. Die Welt erscheint im Roman als eine Folge von Kippbildern, in denen Standpunkte stets interessengeleitet und situationsabhängig sind. Dazu erfindet Musil eigene Begriffe: „Kakanien“ für die k. u. k. Monarchie, das „Sekretariat der Genauigkeit und Seele“, den „Mann ohne Eigenschaften“ selbst. Diese Neologismen sind keine bloßen Etiketten, sondern Werkzeuge, mit denen der Roman seine eigene Wirklichkeit erzeugt. Die sprachliche und gedankliche Dichte des Werks ist das Ergebnis eines bis ins Extreme getriebenen Umarbeitens. Einzelne Kapitel durchliefen dieses Umarbeiten bis zu zwanzigmal.
Rezeption↑
Der Roman Der Mann ohne Eigenschaften wird heute zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt. Sein Rang verdankt sich nicht zuletzt der Verbindung von erzählerischer Genauigkeit und essayistischer Reflexion, die in der deutschsprachigen Literatur ohne Vorbild ist. Mit dem Begriff „Kakanien“ hat Musil eine Formel geprägt. Sie ist längst über den Roman hinaus zum Schlagwort für die untergehende Donaumonarchie geworden.
Die Wirkungsgeschichte ist eng mit der Editionsgeschichte verflochten. Aus dem nachgelassenen Konvolut von rund 12.000 Blättern haben Herausgeber unterschiedliche Fassungen des Romans zusammengestellt. Seit 2009 liegt mit der Klagenfurter Ausgabe eine digitale Gesamtausgabe vor, die das ganze Material zugänglich macht. Gerade die Unabgeschlossenheit hat die Auseinandersetzung mit dem Werk nicht beendet, sondern angetrieben. Literaturwissenschaft und Kritik finden in der offenen Form, im Experiment mit der Möglichkeit und in Musils ironischem Blick auf eine Vorkriegsgesellschaft, die ihren Untergang nicht sehen will, immer neue Anknüpfungspunkte.
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