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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Johann Karl August Musäus
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Porträt Johann Karl August Musäus
Johann Karl August Musäus
1735 – 1787
– Autorenporträt –

Johann Karl August Musäus

1735 – 1787 · 52 Jahre

Erzähler und Literaturkritiker der Aufklärung, der mit seinen „Volksmährchen der Deutschen“ einen eigenen, ironisch gebrochenen Märchenton schuf.

Kurzporträt

Als Erzähler und Literaturkritiker der Aufklärung wurde Johann Karl August Musäus vor allem durch seine Märchen bekannt. Geboren 1735 in Jena, wirkte er in Weimar als Lehrer am Gymnasium und gehörte zum vertrauten Kreis der dortigen Geistesgrößen. Sein Ruhm gründet auf der Sammlung Volksmährchen der Deutschen, in der er überlieferte Stoffe zu kunstvoll geformten, ironisch gebrochenen Erzählungen umschuf. Daneben trat er als Verfasser satirischer Romane und als vielgelesener Romankritiker hervor. Er starb 1787 in Weimar.


Biografie

Am 29. März 1735 kam Musäus in Jena als einziger Sohn des Amtskommissarius und Landrichters Johann Christoph Musäus und dessen Frau Wilhelmine Julia, geborene Streit, zur Welt. Der Vater wurde bald nach Eisenach befördert. 1743 gab man den Jungen in die Obhut des Superintendenten Johann Weißenborn in Allstedt, eines entfernt verwandten Paten, der ihn streng nach christlichen Werten erzog. Als Weißenborn ein Jahr später nach Eisenach versetzt wurde, blieb der Junge bei ihm.

1754 ging Musäus zum Studium nach Jena und schloss die theologische Ausbildung 1757 mit einer Arbeit über Simon den Gerber an der philosophischen Fakultät ab. Die für ihn vorgesehene Pfarrstelle in Farnroda bei Eisenach verwehrten ihm die Bürger allerdings, weil er bei ausgelassenem Tanzen auf einer Kirchweih gesehen worden war. Als stellungsloser Magister schrieb er seinen ersten Roman, mit dem er die Aufmerksamkeit des Aufklärers Friedrich Nicolai gewann.

1763 richtete Anna Amalia, die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, die Stelle eines Pageninformators am Weimarer Hof ein und berief Musäus darauf. Von 1765 an – nach der Deutschen Biographie ab 1766 – arbeitete er über zwei Jahrzehnte an Nicolais Allgemeiner deutscher Bibliothek mit und rezensierte dort etwa 350 zeitgenössische Romane nach den Maßstäben einer aufklärerischen, an der antiken Redekunst orientierten Kunsttheorie. Im Mai 1769 schuf die Herzogin die Stelle eines Professors am Weimarer Wilhelm-Ernst-Gymnasium; Musäus unterrichtete dort alte Sprachen, Geschichte und Deutsch.

Im April 1770 heiratete er in Weimar Elisabeth Magdalene Juliane Krüger, Tochter des Wolfenbütteler Stadtrats Johann Anton Krüger. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, von denen einer früh starb. Juliane war eine Halbschwester von Christine Kotzebue; deren vaterlos aufwachsender Sohn August, der spätere Schriftsteller August von Kotzebue, wurde Schüler in Weimar und mit Musäus befreundet.

Musäus nahm regelmäßig am Weimarer Liebhaber-Theater teil und stand dem Geniekult und der Empfindsamkeit kritisch gegenüber. Ab 1776 gehörte er als Freimaurer der Loge Anna Amalia zu den drei Rosen an. Viel Zeit verbrachte er in seinem Sommerhäuschen mit Garten, wo er in den letzten Lebensjahren Buch über seine Aufenthalte führte und freundschaftliche Beziehungen zu den Geistesgrößen seiner Zeit pflegte, darunter Herzog Karl August, Friedrich Justin Bertuch, Gottfried August Bürger, Johann Gottfried Herder, Johann Kaspar Lavater, Friedrich Nicolai, Corona Schröter und Christoph Martin Wieland. 1783 wurde er in den Illuminatenorden aufgenommen. Am 27. August 1785 verlieh ihm die philosophische Fakultät der Universität Jena die Würde eines Ehrendoktors.

Er starb am 28. Oktober 1787 in Weimar an einem Polypen am Herzen. Herder hielt am 30. Oktober in der Schule eine Gedenkrede. Musäus wurde auf dem Jacobsfriedhof in Weimar beigesetzt; zwei Jahre später errichtete der Bildhauer Klauer im Auftrag unbekannter Verehrer ein Grabdenkmal. Wieland gab nach dem Tod seines Freundes die erfolgreiche Märchensammlung neu heraus, die viele Auflagen und Übersetzungen erlebte.


Literarische Merkmale

Bekannt wurde Musäus als satirischer wie volkstümlicher Erzähler, der gegen alle Arten der „Schwärmerei“ schrieb: gegen das Literarisch-Exaltierte und Modische, das an keiner Lebenspraxis zu messen war. Schon sein erster Roman Grandison der Zweite ist in diesem Sinn Literatur aus und gegen Literatur, indem er den idealen Gentleman aus Samuel Richardsons Vorlage der Nachahmung durch einen deutschen Landjunker aussetzt. Diese Travestie der empfindsamen Modelektüre lieferte zugleich ein frühes Muster für den realistisch-komischen Gegenwartsroman, der in Deutschland damals noch fehlte. Auch der spätere Roman Physiognomische Reisen reagiert spöttisch auf eine Zeitmode, hier auf die physiognomische Begeisterung um Lavater. Als Vorbild für die humoristische Erzählweise diente ihm Laurence Sternes Tristram Shandy.

Seinen eigenen Ton fand Musäus in den Volksmärchen der Deutschen. Deren Verdienst liegt laut der Neuen Deutschen Biographie nicht nur in der frühen Aufnahme der Volksüberlieferung, sondern auch in der bewussten Schaffung eines eigenen Märchenerzählstils. Wie Wieland war er überzeugt, dass die schlichten „Ammenmärchen“ durch freie Gestaltung erst zu „Werken des Geschmacks“ werden, denn ein Volk bestehe ja nicht nur aus Kindern. So greift er einerseits auf das kernige Deutsch des 16. Jahrhunderts zurück und versetzt es andererseits virtuos mit aktuellen Fremdwörtern und Anspielungen, geistreichen Metaphern, Sentenzen und Reflexionen. Sein Erzähler hält das historische Zeit- und Ortsbewusstsein der Leser stets wach; er entheroisiert und entmystifiziert Rittertum, Herrschaft und Klerus aus bürgerlicher, bisweilen sogar plebejischer Sicht. Dennoch bewahrt die farbige Erzählung die Aura der alten Wundergeschichten. Zahlreiche Anspielungen auf antike Mythen zeigen, dass er seine sorgsam angesiedelten einheimischen Gestalten wie Rübezahl, Libussa oder Schneewittchen bewusst neben die Figuren der griechischen Mythologie stellen wollte.


Rezeption

Zur zeitgenössischen Berühmtheit wurde Musäus durch seinen zweiten Roman Physiognomische Reisen, eine heiter-kritische Reaktion auf die physiognomische Manie der Zeit: Ein begeisterter Anhänger Lavaters unternimmt eine Reise, um seine Menschenkenntnis zu erproben, gelangt in der Anwendung aber zu den absurdesten Fehlurteilen. Trotz der deutlichen aufklärerischen Kritik behandelt der Roman den Enthusiasmus mit duldsamer Milde und setzt ihn zum harmlosen „Steckenpferd“ herab.

Alle Nachrufe betonen dieselben Charakterzüge: eine trotz Armut und Krankheit „nie getrübte Heiterkeit“, „unbegrenztes Wohlwollen, herzliche Gutmütigkeit, Dienstfertigkeit gegen jedermann und ungezwungene Bescheidenheit“. Seinen dauerhaften Rang aber verdankt Musäus dem besonderen „Ton“ seiner Volkserzählungen, mit dem er nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie endgültig zu einem Stilisten ersten Ranges wurde, aufs höchste bewundert von Jean Paul, Schubart und auch Wieland, der 1804/05 den Text der Märchen redigierte.

Danach standen seine Märchen anderthalb Jahrhunderte lang im Schatten der romantischen Volkstumsideologie und besonders des naiv-gläubigen, biedermeierlichen Märchenstils der Brüder Grimm; sie wurden entsprechend bearbeitet. Erst die kritische Distanzierung von diesem Vorbild und die neuere Aufklärungsforschung schufen die Voraussetzung für die Edition und die unbefangene Würdigung seines Originaltextes. Die Volksmärchen der Deutschen gelten heute als klassisches Werk der deutschen Literatur, das in zahlreichen Ausgaben verbreitet, mehrfach nachgeahmt und früh ins Englische und Französische übersetzt wurde.

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