Lord Jim
Überblick↑
Joseph Conrads Roman erschien zuerst als Fortsetzung in Blackwood's Magazine. Der Abdruck lief zwischen Oktober 1899 und November 1900. Erzählt wird die Geschichte eines jungen britischen Seemanns. Er versagt in einem entscheidenden Moment. Danach verbringt er sein ganzes weiteres Leben damit, diesem Versagen davonzulaufen. Den Anstoß gab ein wirklicher Vorfall. 1880 hatte der Kapitän des Pilgerschiffs Jeddah sein Schiff samt Passagieren in Seenot verlassen. Conrad griff diesen Skandal nach seiner Ankunft in Singapur 1883 auf. Der Roman gilt als eines der bedeutendsten Werke seines Verfassers. Er verbindet eine psychologische Gewissensgeschichte mit einer Abenteuererzählung aus dem fernen Südostasien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Jim ist ein junger britischer Seemann. Er dient als Erster Offizier auf der Patna, einem heruntergekommenen Schiff. Dieses Schiff soll muslimische Pilger vom indischen Subkontinent nach Mekka bringen. Als das Schiff in eine Havarie gerät und die Besatzung das Sinken fürchtet, fällt Jim eine Entscheidung, die er sich nicht mehr verzeihen kann. Anders als die übrige Mannschaft stellt er sich danach allein dem Gericht.
Nach dem Urteil versucht er, in einfachen Anstellungen ein neues Leben zu beginnen. Doch sobald seine Vergangenheit bekannt wird, gibt er die Stelle auf. Er zieht weiter, immer tiefer in den Fernen Osten. Schließlich verschafft ihm ein wohlhabender Kaufmann namens Stein eine Aufgabe in Patusan, einem entlegenen Landstrich in Südostasien. Dort, unter Malaien und Bugis, könnte Jim ein anderer Mensch werden. Was aus diesem Versuch wird, gehört zum Kern des Romans.
Begleitet wird das Geschehen vom Seemann Marlow. Er trifft Jim im Gericht und erzählt dessen Geschichte teilnehmend weiter.
Die Handlung im Detail↑
Jim dient als Erster Offizier auf der Patna, einem heruntergekommenen Schiff, das mit Pilgern beladen ist, die vom indischen Subkontinent nach Mekka zur Haddsch gebracht werden sollen. Bei einer Havarie befürchtet die aus Halunken zusammengewürfelte Besatzung, das Schiff werde sinken. Sie setzt sich in den Rettungsbooten ab und überlässt die Pilger ihrem Schicksal. Jim will eigentlich an Bord bleiben, springt im letzten Augenblick aber doch der Mannschaft hinterher. Die Patna sinkt nicht. Ein französisches Schiff nimmt sie ins Schlepptau und bringt sie in Sicherheit.
Während sich der Kapitän und die übrigen Männer dem Prozess entziehen, stellt sich allein Jim der Verantwortung. Das Gericht entzieht ihm wegen seiner Verfehlung die nautischen Patente. Im Gericht lernt er Marlow kennen, einen erfahrenen Seemann, der sich mit ihm anfreundet und versucht, ihm immer wieder neue Anstellungen zu vermitteln, etwa bei einem Müller oder einem Schiffsausrüster. Jim hofft, unerkannt zu bleiben. Doch sobald seine Vergangenheit ans Licht kommt, gibt er die Stelle auf und zieht weiter. So bewegt er sich immer tiefer in den Fernen Osten, die Schande verfolgt ihn wie ein Schatten.
Schließlich schlägt Marlows Freund Stein, ein reicher Kaufmann, vor, Jim als seinen Stellvertreter nach Patusan zu schicken. Der abgelegene Landstrich wird von Malaien und Bugis bevölkert, und dort kann Jims Vergangenheit vorerst verborgen bleiben. Er bewährt sich, gewinnt die Achtung der Menschen, besiegt den Räuber Sharif Ali und wird zum Anführer. Er beschützt die Gemeinschaft vor dem korrupten Malaien-Häuptling Rajah Tunku Allang. Er gewinnt die Liebe einer Frau, die er Jewel nennt; in ihrem Wesen mischen sich, so heißt es im Roman, auf merkwürdige Weise Scheu und Wagemut. Jim ist zufrieden, „beinahe“.
Doch dann taucht der Seeräuber „Gentleman“ Brown mit seiner Bande vor Patusan auf. Brown wird zwar vertrieben, aber bei den Kämpfen wird Dain Waris ermordet, der Sohn des Bugis-Führers und Jims engster Freund. Jim übernimmt die Verantwortung für diesen Tod. Er geht unbewaffnet zu Dain Waris' Vater. Die Menge drängt nach dem Schuss aufgeregt vor; Jim wirft den Gesichtern rechts und links einen stolzen, furchtlosen Blick zu, dann fällt er, die Hand über den Lippen, nach vorn, tot. Der Schuss ins Herz, abgegeben vom Vater seines getöteten Freundes, holt ihn endgültig ein.
Stil↑
Der Roman gliedert sich in zwei deutlich unterschiedene Teile. Der erste ist eine psychologische Erzählung über Jims moralischen Fehler an Bord der Patna. Der zweite ist eine Abenteuergeschichte über seinen Aufstieg und Niedergang in Patusan. Conrad verbindet damit die innere Studie eines Gewissens mit den äußeren Schauplätzen der Südsee. Die Figur Marlows trifft Jim im Gericht und trägt seine Geschichte weiter. Sie dient als vermittelnde Erzählinstanz. Durch ihren Blick lernt der Leser den Helden allmählich kennen.
Rezeption↑
Lord Jim gehört zu den am häufigsten gelesenen Romanen Conrads. Die Nachwelt hat vor allem seine Verbindung von seemännischem Abenteuer und moralischer Selbstprüfung beschäftigt. Der Roman fragt nach Schuld, Ehre und der Möglichkeit eines zweiten Lebens nach dem Versagen. Diese Frage hat Generationen von Lesern angesprochen.
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