1857 – 1924
Joseph Conrad
Kurzporträt↑
Joseph Conrad wurde 1857 als Józef Teodor Konrad Korzeniowski im damals russisch beherrschten Berdytschiw geboren. Er war ein polnisch-britischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten englischsprachigen Erzähler an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Bemerkenswert ist, dass er erst mit Anfang zwanzig Englisch lernte. In dieser erworbenen Sprache wurde er gleichwohl zu einem prägenden Autor der modernen Literatur. Seine Romane und Erzählungen speisen sich aus zwei Erfahrungsschätzen. Der eine sind die Jahre in der britischen Handelsmarine, die ihn über das Mittelmeer, den Indischen Ozean und bis nach Australien führten. Der andere sind die Eindrücke aus den europäischen Kolonien, namentlich Belgiens und der Niederlande. Sein Schaffen wird der Moderne und teilweise dem Realismus des 19. Jahrhunderts zugerechnet.
Biografie↑
Józef Korzeniowski kam am 3. Dezember 1857 als Sohn polnischer Eltern zur Welt, die beide Adelsfamilien entstammten. Sein Geburtsort ist in der Forschung umstritten. Wikidata nennt den Ort Terechowe, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet Berditschew. Die Wikipedia gibt Berdytschiw im Gouvernement Kiew an. Dieses war bis 1793 polnisch gewesen und kam nach der zweiten Teilung Polens unter russische Herrschaft. Sein Vater Apollo Korzeniowski war Schriftsteller und polnischer Patriot. Er übersetzte William Shakespeare und Victor Hugo ins Polnische und führte seinen Sohn früh an die polnische und französische Literatur heran. Wegen seines Einsatzes für die polnische Unabhängigkeit wurde der Vater 1861 verhaftet. Zunächst kam er im X. Pavillon der Zitadelle Warschau in Haft, neun Monate später wurde er ins nordrussische Wologda verbannt. Dorthin begleiteten ihn Ehefrau Ewelina und der kleine Sohn.
1863 durfte die Familie sich in Tschernigow bei Kiew niederlassen. Dort starb am 18. April 1865 Józefs Mutter an Tuberkulose. Apollo Korzeniowski siedelte 1868 nach Lemberg über und ein Jahr später nach Krakau im österreichisch regierten Teil Polens. Dort besuchte der Sohn, wenngleich unregelmäßig, das Gymnasium. Am 23. Mai 1869 starb auch der Vater an Tuberkulose. Das Sorgerecht für den damals Elfjährigen erhielt sein Onkel Tadeusz Bobrowski. Dieser erlaubte dem Sechzehnjährigen 1874, nach Marseille zu gehen und Seemann zu werden. Diesen Berufswunsch hatte das Schulfach Geographie in ihm geweckt.
Von 1874 bis 1889 arbeitete Korzeniowski als Seemann. Anfangs gaben ihm das väterliche Erbe und die Unterstützung des Onkels eine gewisse finanzielle Sicherheit. Eine Anstellung in der französischen Handelsmarine blieb ihm verwehrt. Er hatte seinen Militärdienst im russischen Kaiserreich nicht abgeleistet und erhielt deshalb keine Aufenthaltserlaubnis für Frankreich. Stattdessen beteiligte er sich an einem illegalen Unternehmen, das Waffen für die Carlisten nach Spanien schmuggelte. Bei der letzten Fahrt flog er auf und verlor sein investiertes Geld. Er unternahm einen Suizidversuch. Daraufhin reiste der Onkel nach Marseille, um den verzweifelten und mittellosen jungen Mann wieder aufzubauen. 1878 heuerte Korzeniowski bei der britischen Handelsmarine an und betrat am 10. Juni 1878 erstmals britischen Boden.
In den folgenden Jahren fuhr er durch das Mittelmeer, den Indischen Ozean, den malaiischen Archipel und um Australien. Er bildete sich weiter und legte 1880 die Prüfung zum Zweiten und Ersten Steuermann ab. 1886 erhielt er sein Kapitänspatent. Im selben Jahr wurde er, dreißigjährig, britischer Staatsbürger. 1888 übernahm er das Kommando über die Bark Otago. Es sollte seine einzige Position als Kapitän bleiben. Mit dem Aufkommen des Dampfschiffverkehrs waren Anstellungen auf Segelschiffen immer schwieriger zu bekommen. Deshalb heuerte er 1890 auf dem Flussdampfer Roi des Belges an, der auf dem Kongo fuhr. Die Erfahrungen dieser Reise verarbeitete er später in seiner Erzählung Herz der Finsternis. Nach seiner Rückkehr aus Afrika war er mehrere Wochen krank. Wahrscheinlich erlitt er eine erste depressive Episode, begleitet von Gichtanfällen und neuralgischen Schmerzen.
Schon 1889 hatte er begonnen, an seinem ersten Roman Almayers Wahn zu schreiben, der 1895 erschien. Er schrieb auf Englisch, einer Sprache, die er erst mit 21 Jahren zu erlernen begonnen hatte. Als Pseudonym wählte er Joseph Conrad: zwei seiner Vornamen in englischer Orthographie. Ab 1893 heuerte er auf keinem Schiff mehr an, sondern lebte in England als freier Schriftsteller. Lange war er auf Gönner angewiesen. Erst 1914 brachte ihm Spiel des Zufalls den literarischen Durchbruch.
Am 24. März 1896 heiratete der Achtunddreißigjährige die fünfzehn Jahre jüngere Jessie George. Sie hatte bis dahin als Schreibkraft in einem Londoner Büro gearbeitet. Das Paar bekam zwei Söhne, Borys (1898–1978) und John (1906–1982). Von romantischer Liebe zwischen den beiden ist in Conrads Briefen nichts zu erkennen. Der Anglist Richard Ruppel vermutet, Conrad könnte homosexuell gewesen sein. Die Familie wohnte in verschiedenen Orten in Südengland, meist in der Nähe der Themsemündung. Ab 1919 lebte Conrad in dem ihm gehörenden Oswalds house in Bishopsbourne in Kent. Dort starb er am 3. August 1924 an Herzversagen. Er liegt mit seiner Frau Jessie auf dem Friedhof von Canterbury begraben. Auf seinem Grabstein stehen Zeilen Edmund Spensers, die Conrad seinem vorletzten Roman Der Freibeuter als Motto vorangestellt hatte: „Sleep after toyle, port after stormie seas, Ease after warre, death after life, does greatly please." Der größte Teil seiner Manuskripte befindet sich heute im Rosenbach Museum in Philadelphia, darunter die zu Lord Jim, Nostromo und The Secret Agent.
Literarische Merkmale↑
Eine Besonderheit prägt Conrads Schreiben von Anfang an. Er verfasste sein Werk in einer Sprache, die er erst als junger Erwachsener gelernt hatte. Englisch wurde ihm mit 21 Jahren zur Arbeitssprache der Handelsmarine. Es blieb die Sprache, in der er ab 1889 seine Romane und Erzählungen schrieb. Dabei war er als Pole aufgewachsen und im Elternhaus an polnische und französische Literatur herangeführt worden.
Inhaltlich speist sich sein Werk aus drei Erfahrungsschichten, die im Material klar benannt sind. Die erste sind die Jahre in der britischen Handelsmarine. Die zweite ist die Begegnung mit den europäischen Kolonien, namentlich denen Belgiens und der Niederlande. Die dritte ist die Erinnerung an die polnische Heimat. Aus seiner Reise auf dem Flussdampfer Roi des Belges, der 1890 auf dem Kongo verkehrte, ging später die Erzählung Herz der Finsternis hervor. Sein Schaffen wird der Moderne und in Teilen dem Realismus des 19. Jahrhunderts zugerechnet.
Rezeption↑
Conrad begann erst mit Anfang zwanzig Englisch zu lernen. Dennoch gilt er als einer der wichtigsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die ihr Werk in englischer Sprache verfassten. Seine Romane und Erzählungen zählen zu den bedeutenden Werken der englischen Literatur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Der literarische Erfolg stellte sich jedoch spät ein. Von 1893 an lebte Conrad ausschließlich vom Schreiben. Lange war er aber auf die Unterstützung von Gönnern angewiesen. Erst 1914 gelang ihm mit Spiel des Zufalls der literarische Durchbruch – knapp zwanzig Jahre nach dem Erscheinen seines Erstlings Almayers Wahn.
Auch nach seinem Tod blieb seine Bedeutung sichtbar. Der größte Teil seiner Manuskripte wird heute im Rosenbach Museum in Philadelphia verwahrt, darunter die zu Lord Jim, Nostromo und The Secret Agent. Die Deutsche Biographie verzeichnet ihn unter zahlreichen Namensvarianten. Das spiegelt die internationale Verbreitung seines Werks in vielen Sprachen wider.
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