1767 – 1830
Benjamin Constant
Kurzporträt↑
Zwischen Literatur und Politik bewegte sich der frankophone Schriftsteller und liberale Staatstheoretiker Benjamin Constant sein Leben lang. Er wurde 1767 in Lausanne geboren, als Spross einer hugenottischen Familie, die im 16. Jahrhundert in die Schweiz ausgewandert war. Vor allem in Frankreich machte er sich einen Namen: als gefürchteter Parlamentsredner, politischer Publizist und Mitbegründer des Liberalismus. Im Mittelpunkt seines Denkens stand das Verhältnis von Staatsmacht und Einzelnem, das durch die Französische Revolution problematisch geworden war. Seinen festen Platz in der Literaturgeschichte verdankt er jedoch einem schmalen Werk. Der Roman Adolphe gilt als ein frühes Muster des psychologischen Romans. Constant starb 1830 in Paris.
Biografie↑
Benjamin Constant, eigentlich Henri-Benjamin Constant de Rebecque, stammte aus einer Familie französischer Hugenotten. Sie war im 16. Jahrhundert in die Schweiz emigriert. Sein Vater Louis-Arnold-Juste Constant de Rebecque war ein schweizerischer Offizier in niederländischen Diensten. Seine Mutter Henriette von Chandieu starb bald nach seiner Geburt. Über das genaue Geburts- und Sterbedatum gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt den 25. Oktober 1767 und den 8. Dezember 1830, in der Deutschen Nationalbibliothek ist jeweils nur das Jahr verzeichnet.
Eine unstete Kindheit prägte ihn früh. Er wuchs zunächst bei den Großeltern in der Schweiz auf. Später folgte er seinem viel reisenden Vater nach Holland, in die Schweiz, ins damals österreichische Brüssel und nach England, betreut von wechselnden Hauslehrern. Mit fünfzehn Jahren begann er ein Jurastudium an der Universität Erlangen. Nach drei Semestern musste er die Stadt wegen einer Affäre verlassen und ging nach Edinburgh. Er las viel und begann zu schreiben, verfiel aber auch dem Glücksspiel und machte Schulden. 1786 lernte er bei einem Aufenthalt in Paris die viel gelesene Autorin Isabelle de Charrière kennen, die ihm zu einer mütterlichen Freundin wurde.
1788 wurde Constant Kammerherr am Hof des Herzogs Karl II. von Braunschweig. Ein Jahr darauf heiratete er die Hofdame Wilhelmine von Cramm. Die Ehe hielt nicht lange; er reichte die Scheidung ein. 1794 begegnete er in der Schweiz der Schriftstellerin Madame de Staël. Das war der Beginn einer langen, für beide Seiten aufreibenden Beziehung, aus der 1797 die Tochter Albertine hervorging. 1795 begleitete er Madame de Staël nach Paris und betätigte sich dort als vielbeachteter politischer Publizist und Redner. Eine Bühne boten ihm die Treffen im Hôtel de Salm, der sogenannte Salmklub. Nach dem Staatsstreich Napoleons von 1799 wirkte er als Mitglied des Tribunats sogar aktiv in der hohen Politik mit, bis er 1802 kaltgestellt wurde. 1796 veröffentlichte er die Schrift Des réactions politiques, in der er die Absolutheit des Lügenverbots in Frage stellte. Sie rief eine Entgegnung Immanuel Kants hervor.
In die Jahre der Trennung und des Partnerwechsels fällt sein bekanntestes literarisches Werk. Den Roman Adolphe verfasste er 1806/07, gedruckt wurde er aber erst später. Er gestaltete ihn als Selbstbildnis eines unentschlossen schwankenden Ich-Erzählers. In denselben Zeitraum fällt seine Übertragung von Schillers Wallenstein in französische Verse. Um 1811 begann er einen weiteren autobiografischen Roman, Cécile. Dieser blieb Fragment und wurde erst 1951 wiederentdeckt. Ebenfalls um diese Zeit begann er eine Autobiografie unter dem Titel Ma Vie. Sie reichte nur bis zum Ende seiner Jugend und wurde erst 1907 aus dem Nachlass als Le Cahier rouge gedruckt. 1812 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt. Er hielt sich in Göttingen auf, um die Universitätsbibliothek für seine Arbeit über die Religion zu nutzen.
Die politischen Umbrüche der Zeit bestimmten auch seine weitere Laufbahn. 1814 kehrten die Bourbonen zurück, und Ludwig XVIII. bestieg den Thron. In diesem Jahr veröffentlichte Constant ein Plädoyer für eine konstitutionelle Monarchie. 1815 schloss er sich Napoleon an, als dieser im März überraschend an die Macht zurückkehrte. Während der Herrschaft der Hundert Tage entwarf er in dessen Auftrag einen Zusatz zur französischen Verfassung. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo musste er Frankreich verlassen und verbrachte anderthalb Jahre in England.
1817 kehrte er nach Paris und in die Politik zurück. Als Vertreter des Départements Bas-Rhin wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt. Dort betätigte er sich, mehrfach wiedergewählt, als gefürchteter Parlamentsredner und Pamphletist. Zugleich verfasste er bedeutende staats- und verfassungstheoretische Schriften und wurde damit zum Mitbegründer des Liberalismus. Diese Lehre besagt, dass der Staat sich möglichst wenig in die persönlichen und wirtschaftlichen Belange seiner Bürger einmischen solle. Seine vierbändige religionswissenschaftliche Abhandlung De la religion, an der er schon als junger Mann zu arbeiten begonnen hatte, fand wenig Beachtung und geriet bald in Vergessenheit. Constant starb 1830 in Paris.
Literarische Merkmale↑
Trotz seiner unsteten Lebensweise schrieb Constant unermüdlich, vor allem geschichtliche, staatstheoretische und politische Schriften und Artikel. Sein literarischer Rang gründet sich dagegen auf ein schmales erzählerisches Werk. Dieses zeichnet sich durch eine genaue Beobachtung des Seelenlebens aus. In Adolphe tritt ein unentschlossen schwankender Ich-Erzähler auf, in dem sich der Autor sichtlich selbst porträtiert. Auch die unvollendeten Werke Cécile und Ma Vie sind autobiografisch angelegt. Diese Nähe zwischen Leben und Werk prägt sein literarisches Schaffen. Die innere Zerrissenheit zwischen Bindungswunsch und Bindungsangst kennzeichnete seine eigenen Beziehungen und wird zum Stoff der Erzählung. Aus dem Nachlass erschienen zudem sein umfangreiches, eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Tagebuch sowie seine ausgedehnte Korrespondenz.
Rezeption↑
Seinen Platz in der Literaturgeschichte verdankt Constant vor allem der Erzählung Adolphe, die 1806/07 entstand und erst 1816 veröffentlicht wurde. Sie schildert einen jungen Mann, der eine zehn Jahre ältere Frau verführt. Als er ihre allzu große Liebe bemerkt, versucht er sich von ihr zu lösen. Wegen der vielen Opfer, die sie ihm bringt, gelingt es ihm jedoch nicht. Durch sein unentschlossenes Hin und Her treibt er sie schließlich in Krankheit und Tod. Die Erzählung spiegelt offenbar die fast krankhafte Zerrissenheit des Autors selbst zwischen Bindungswunsch und Bindungsangst. Wahrscheinlich ist sie von seiner schwierigen Lage zwischen Madame de Staël und Charlotte von Hardenberg inspiriert. Adolphe gilt als ein erstes Beispiel und Muster des sich im 19. Jahrhundert entwickelnden psychologischen Romans. Mit seinen politischen Ideen wirkte Constant darüber hinaus über Frankreich hinaus. Er beeinflusste unter anderem den Novemberaufstand, die Griechische Revolution, die Liberale Revolution in Portugal und die Belgische Revolution.
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