1955
Lolita
Überblick↑
Der Roman Lolita gilt als eines der bekanntesten Werke des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov. Er erschien 1955 bei dem in Frankreich ansässigen Verlag Olympia Press, der auf englischsprachige Erotika spezialisiert war. Über diesen Umweg erreichte das Buch 1957 in Auszügen und ein Jahr später vollständig die amerikanische Leserschaft und fand bald weltweite Verbreitung.
Im Mittelpunkt steht die verbotene, pädophile Leidenschaft des Ich-Erzählers Humbert Humbert zu der zwölfjährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Der hohe künstlerische Rang des vielschichtigen Werks wurde anfangs von seinem skandalträchtigen Thema überdeckt; der Verdacht der Pornografie begleitete die frühe Aufnahme. In einem 1956 geschriebenen Nachwort trat Nabokov diesem Verdacht entgegen und nannte den Roman seine „Liebeserklärung“ an die englische Sprache. Für ihn bedeutete das Buch den Durchbruch: Es befreite den knapp Sechzigjährigen von seinem akademischen Brotberuf. Von der Titelfigur her ist der Name Lolita zu einem festen Begriff geworden, der bis in Wissenschaft, Popkultur und Alltagssprache reicht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Vorangestellt ist das Vorwort eines fiktiven Herausgebers. Er teilt mit, der folgende Text stamme von einem Gefängnisinsassen, der sich selbst „Humbert Humbert“ nenne und kurz vor Beginn seines Prozesses gestorben sei.
Der 1910 in Paris geborene Erzähler beginnt mit einem Abriss seines Lebens. Als Sommerliebe von 1923 erinnert er eine gleichaltrige, früh verstorbene Jugendfreundin. Seither fühlt er sich magisch zu Mädchen in ihrem damaligen Alter hingezogen, die er „Nymphetten“ nennt. Sein Begehren kann er lange unterdrücken. Eine Ehe, Klinikaufenthalte und wechselnde Jobs beschreibt er mit zynischer Distanz. In den USA lebend und durch die Rente eines verstorbenen Onkels abgesichert, sucht er einen Rückzugsort für den Sommer 1947. In der neuenglischen Kleinstadt Ramsdale mietet er sich im Haus der Witwe Charlotte Haze ein und trifft dort auf ihre zwölfjährige Tochter Lolita, in der er sein Ideal verkörpert sieht.
Obwohl ihn Haus und Hausbesitzerin abstoßen, bleibt Humbert, weil das Zusammenleben ihm Nähe zu Lolita verspricht. Akribisch hält er in Tagebüchern fest, was sie betrifft und ihn erregt. Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich eine Kette von Ereignissen, die Humbert und Lolita zu einem unsteten Reiseleben quer durch die USA führt. Nabokov erzählt die verstörende Geschichte in kunstvoller, vielschichtiger Sprache, die den Leser bis zuletzt in der Schwebe hält.
Die Handlung im Detail↑
Das Vorwort des fiktiven Herausgebers meldet, der Verfasser sei am 16. November 1952, kurz vor seinem Prozess, an einer Koronarthrombose gestorben. Der Text selbst trage den Titel Lolita oder Die Bekenntnisse eines Witwers weißer Rasse.
Humbert schildert seine erste Liebe im Sommer 1923: eine als symbiotisch erlebte Beziehung zu der gleichaltrigen Annabel Leigh, die durch deren frühen Tod unerfüllt bleibt. Von da an ist er auf einen bestimmten Mädchentypus fixiert. Nach Ehe, psychiatrischen Aufenthalten und kurzen Anstellungen sucht er 1947 einen Sommeraufenthalt und landet bei der Witwe Charlotte Haze, deren Tochter Lolita ihn sofort an Annabel erinnert.
Die dreiwöchigen Annäherungen an das Mädchen gipfeln in Abwesenheit der Mutter an einem Sonntagmorgen: Humbert überführt eine neckische Spielerei auf dem Sofa in sexuelle Manipulationen und kommt zu einem heimlichen Orgasmus. Er redet sich ein, Lolitas „Reinheit“ nicht angetastet zu haben. Dann folgen mehrere Wendungen, die von Charlotte ausgehen. Sie schickt Lolita früher als geplant ins Sommerlager und erklärt Humbert brieflich ihre Liebe. Um in Lolitas Nähe zu bleiben, heiratet er sie. Charlotte verschafft sich schließlich Zugang zu seinen Tagebüchern und erkennt die Wahrheit. Sie schreibt drei Briefe, die Lolita von ihm trennen sollen. Auf dem Weg zum Briefkasten aber gerät sie unter ein Auto und stirbt.
Damit ist Humbert Lolitas alleiniger Vormund; befreundete Bekannte halten ihn sogar für ihren leiblichen Vater. Er holt sie mit der Lüge, ihre Mutter liege im Krankenhaus, vorzeitig aus dem Lager und steigt mit ihr in einem Hotel ab. Sein Plan, sie mit einem Schlafmittel zu betäuben, misslingt, weil das Mittel nicht wirkt. Am Morgen ergreift Lolita selbst die Initiative und vollzieht mit ihm, was sie im Sommerlager „gelernt“ hat. Erst danach erfährt sie von ihm, dass ihre Mutter tot ist; so hält er sie auch davon ab, nach Hause zurückzukehren.
Die erste Autoreise führt im Uhrzeigersinn durch nahezu alle Staaten der USA. Humbert will Lolita durch gemeinsame Erlebnisse an sich binden, doch das gelingt nur über Drohungen: Zeige sie ihn an, werde sie ein Mündel des Staates und komme in ein Heim. So macht er sie zur Komplizin. Sie spielt mit ihren Reizen, doch nur aus Berechnung, unter anderem um höhere materielle Zuwendungen zu erhalten. Nach einem Jahr lässt sich Humbert in der College-Stadt Beardsley nieder, wo Lolita wieder zur Schule geht. Für sie bedeutet das etwas Freiraum, für ihn wachsende Eifersucht und Kontrollsucht. Nur widerstrebend erlaubt er ihr die Teilnahme an den Proben für ein Theaterstück. Ein heftiger Streit endet mit Lolitas Flucht. Wiedergefunden, verlangt sie, Theater und Schule aufzugeben und erneut auf Reisen zu gehen, diesmal unter ihrer Bestimmung der Route.
Unterwegs spürt Humbert einen Verfolger, den er abwechselnd für einen Detektiv, einen Nebenbuhler oder ein Hirngespinst hält. Als Lolita mit einer Virusinfektion im Krankenhaus liegt und Humbert geschwächt im Hotel, verschwindet sie; ein „Onkel“ habe sie „wie vereinbart“ abgeholt. Vergeblich verfolgt Humbert die Spur des unbekannten Entführers, um ihn zu stellen und zu töten.
Mehr als drei Jahre später meldet sich Lolita – schwanger, verheiratet und in ärmlichen Verhältnissen – und bittet um Geld. Humbert gibt ihr die Einnahmen aus der Vermietung des Haze'schen Hauses, das Zehnfache der gewünschten Summe, ohne Bedingungen. Seine Hoffnung, sie zurückzugewinnen, erfüllt sich nicht. Von ihr erfährt er den Namen des Verfolgers: der Dramatiker Clare Quilty, ein alter Bekannter der Familie. Er hatte das Beardsley-Theaterstück verfasst und die Hauptrolle eigens für Lolita geschrieben. Quilty war der einzige Mann, nach dem sie je „verrückt“ gewesen sei; zum Bruch kam es, als sie sich weigerte, in seinen Pornofilmen mitzuspielen. Humbert spürt Quilty auf und erschießt ihn.
Eine Notiz im Vorwort wird nun verständlich: Humbert hatte die Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen daran geknüpft, dass Lolita nicht mehr am Leben sei. Sie stirbt, nur wenige Wochen nach ihm, im Kindbett bei der Geburt eines totgeborenen Mädchens.
Stil↑
Bemerkenswert ist die kunstvolle, vielschichtige Erzählweise, die den Roman weit über sein skandalträchtiges Thema hinaushebt. Nabokov legt seinem Ich-Erzähler Humbert Humbert eine gebildete, anspielungsreiche Sprache in den Mund und lässt ihn mit zynischer Distanz von den eigenen Taten berichten. Diese Selbstinszenierung des Täters zwingt den Leser zu ständiger Vorsicht, denn der Erzähler beschönigt und rechtfertigt sein Handeln.
Der Aufbau spielt bewusst mit der Fiktion: Ein vorangestelltes Herausgeber-Vorwort gibt den folgenden Text als Bekenntnis eines Gefängnisinsassen aus und streut zugleich Hinweise auf den Ausgang. Nabokov, der als gebürtiger Russe auf Englisch schrieb, bekannte im Nachwort, der Roman sei seine „Liebeserklärung“ an die englische Sprache. Eine in Details leicht veränderte russische Fassung besorgte er 1967 selbst.
Rezeption↑
Anfangs wurde der künstlerische Wert des Werks durch sein Thema verdeckt; der Verdacht der Pornografie begleitete die frühe Aufnahme. Nabokov selbst trat diesem Verdacht in seinem Nachwort entgegen. Trotz des Skandals setzte sich der Roman durch: Er erreichte über die französische Erstausgabe die amerikanische Leserschaft und fand rasch weltweite Verbreitung. Dem knapp sechzigjährigen Autor brachte er den Durchbruch und befreite ihn vom akademischen Brotberuf. Nabokov selbst bekundete mehrfach, dass er Lolita – seinen dritten englischen und zwölften Roman insgesamt – besonders wertschätzte.
Die Wirkung reicht bis in die Alltagssprache. Der Name Lolita wurde zum festen Begriff und fand Eingang in Wissenschaft, Popkultur und den gewöhnlichen Sprachgebrauch. Das damit verbundene Bild des frühreifen, verführerischen Mädchens ist allerdings gegenüber der Romanfigur stark verengt und trivialisiert. Dazu trugen auch die Verfilmungen von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962 und von Adrian Lyne aus dem Jahr 1997 bei. Als Vorstudie gilt die 1939 entstandene und erst postum veröffentlichte Novelle Der Zauberer.
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