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Werkseintrag · Lob des Schattens
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Lob des Schattens
1933
– Werkseintrag –

Lob des Schattens

1933 · Essay

Ein japanischer Schriftsteller nimmt Lampe, Papier und Suppenschale zum Anlass, um zu zeigen, wie viel Schönheit verloren geht, wenn helles elektrisches Licht die Schatten vertreibt.

Überblick↑

Der Essay Lob des Schattens von Tanizaki Jun'ichirō erschien 1933 in der japanischen Zeitschrift Keizai Ōrai. Der deutsche Titel trägt den Zusatz „Entwurf einer japanischen Ästhetik“. Auf verhältnismäßig knappem Raum entwickelt der Autor darin einen Gedanken, der sich durch alle Kapitel zieht: Die überlieferte japanische Schönheit lebe vom Halbdunkel, vom gedämpften Licht und vom Schatten. Das grelle elektrische Licht des Westens zerstöre sie. Der Text zählt zu den bekanntesten Zeugnissen japanischer Kunstbetrachtung im 20. Jahrhundert.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ausgangspunkt ist etwas ganz Alltägliches: der Bau und die Einrichtung eines japanischen Wohnhauses. Tanizaki geht den Fragen nach, die sich dabei stellen, und achtet besonders auf jene Bauteile, die über Licht und Dunkel entscheiden: die Beleuchtung, die Heizung, die papierbespannten Schiebetüren. Von dort führt der Gedankengang weiter zu den Tempeln in Kyōto und Nara, zum Teehaus, zum Papier, zum Essgeschirr und zur japanischen Küche.

Immer wieder stellt der Autor das Europäische neben das Japanische: elektrische Lampe und Papierlaterne, Füllfederhalter und Pinsel, lichtdurchflutete gotische Kathedrale und dämmriger Tempelbau. Daraus erwächst eine Frage, die den Essay begleitet: Was wäre gewesen, wenn Japan Wissenschaft, Denken und Literatur aus eigener Kraft entwickelt hätte, statt fremde Errungenschaften rasch zu übernehmen?

Die zweite Hälfte wendet sich der Bühne und dem Menschen zu. Tanizaki spricht über das Gold in Wandschirmen und in den Kostümen des Nō-Theaters, über die Dunkelheit der Nō-Bühne im Vergleich zum Kabuki und zum Puppentheater, über die Kleidung der Frauen früherer Zeiten und über die Schminke der Geishas. Am Ende steht der Blick auf das Japan seiner Gegenwart, das seit der Meiji-Restauration einem westlichen Kurs folgt.

Die Handlung im Detail↑

Der Essay gliedert sich in sechzehn Abschnitte, die lose aneinander anschließen. Zu Beginn steht die architektonische Liebhaberei: Tanizaki berichtet von eigenen Erfahrungen und denen eines Freundes mit dem Hausbau und behandelt die Einrichtung des japanischen Hauses. Ihn interessiert vor allem, was das Wechselspiel von Licht und Dunkelheit bestimmt, also Beleuchtung, Beheizung und die Shōji genannten Schiebewände. Der zweite Abschnitt beschreibt die Toiletteneinrichtung der Tempel in Kyōto und Nara und stellt sie dem japanischen Teehaus und der westlichen Keramik gegenüber.

Im dritten Abschnitt vergleicht der Autor moderne elektrische Lampen mit den traditionellen Papierlaternen und den Füllfederhalter mit dem Pinsel. Hier klingt erstmals die Kritik an der allzu schnellen Übernahme westlicher Errungenschaften an. Der vierte Abschnitt vertieft sie: Vieles, was Japan entlehnt habe, sei gar nicht auf japanische Bedürfnisse zugeschnitten. Tanizaki plädiert für eine eigenständige Entwicklung. Die Japaner hätten so eine ihrem „Wesen entsprechende Richtung“ einhalten und eine fast tausendjährige Tradition fortsetzen können.

Der fünfte Abschnitt gilt dem Papier. Am Unterschied zwischen der Weiße des japanischen Hōsho-Papiers und der des westlichen Papiers zeigt der Autor, wie sehr sich japanische Gebrauchsgegenstände in Glanz, Lichtwirkung und Farbton von westlichen unterscheiden. Er führt den „Handglanz“ ein, das Abgegriffensein durch langen Gebrauch, und erklärt ihn zum Merkmal des guten Geschmacks. Gebrauch bedeutet freilich immer auch eine gewisse Verschmutzung. Einen Ausspruch Ryokuus greift Tanizaki auf und erweitert ihn: Guter Geschmack sei eine kalte Sache und eine unsaubere dazu.

Es folgt der Besuch im Restaurant Waranji-ya. Der Autor genießt dort die Kerzenbeleuchtung und das Dämmerlicht, in dem hölzernes Essgeschirr und Lackarbeiten erst zur Geltung kommen. Keramikgeschirr und auch goldverzierte Lackarbeiten wirkten dagegen vulgär, sobald elektrisches Licht sie der Dunkelheit entreiße. Der siebte Abschnitt überträgt diesen Gedanken auf die japanische Küche insgesamt. Sie mache, so der Befund, gewöhnlich den Schatten zum Grundton und stehe mit der Dunkelheit in unauflöslicher Verbindung.

Der achte Abschnitt stellt europäische und japanische Bauweise nebeneinander, die lichtdurchflutete gotische Kathedrale und den dämmrigen Tempelbau. Die Schönheit des Schattens begründet Tanizaki mit Zweck und Funktion der Bauwerke, und Einfachheit sei dem Zweck am dienlichsten. Japanische Gebäude folgten dem Prinzip, das Sonnenlicht abzuschirmen, europäische dem Schutz vor der Witterung. Der neunte Abschnitt zeigt, dass erst die Magie des Schattens dem japanischen Wohnraum seinen geheimnisvollen Ausdruck gebe; besonders deutlich werde das an der Tokonoma, der Wandnische.

Im zehnten Abschnitt geht es um das Gold. Wandschirme aus Gold und in Nō-Kostüme eingearbeitete Goldfäden dienten nicht bloß der Zierde. In einer von Haus aus dunklen Umgebung setzten sie einen erhellenden Akzent und hätten damit auch praktischen Nutzen. Tanizaki kommt dabei auf die Frauendarsteller des Nō-Theaters zu sprechen, die Onnagata, und betont Unterschiede in Helligkeit und Färbung der Haut. Der elfte Abschnitt vergleicht das Nō mit dem Kabuki und dem Bunraku-Puppentheater und spricht dem traditionsreicheren Nō wegen seiner Dunkelheit die größere Schönheit zu.

Der zwölfte Abschnitt wendet sich der Schönheit der Frauen zu. Die überlieferte Art sich zu kleiden habe nur Hände, Füße und Gesicht sehen lassen; der Kimono sei darauf angelegt, den übrigen Körper in Dunkelheit zu hüllen, bis hin zum Schwärzen der Zähne. Der dreizehnte Abschnitt begründet die Suche nach dem Schönen im Dunkeln mit dem Wesen und der Eigenart der Ostasiaten: Um der Hässlichkeit zu entgehen, bevorzuge man für Gebrauchsgegenstände „umwölkte“ Farben. Der vierzehnte Abschnitt nennt das Zusammenspiel von Dunkelheit und weißer Haut unabdingbar für die ideale weibliche Schönheit. In der Dunkelheit der Vergnügungsviertel und der weißen Schminke der Geishas klingt der Zusammenhang zwischen dem Schönen und dem Hässlichen an.

Der fünfzehnte Abschnitt führt in die Nacht von Tōkyō und Osaka. Am Beispiel der Mondschau zeigt Tanizaki, dass eine moderne, helle Stadtbeleuchtung den ästhetischen Anspruch an die Dunkelheit zunichtemacht. Der Schlussabschnitt trägt die Überschrift „Die Klagen der Älteren“ und zieht das Fazit. Seit der Meiji-Restauration befinde sich Japan in einer Umbruchsituation und habe einen Kurs entlang westlicher Leitlinien eingeschlagen. Diesen Nachteil, so die Hoffnung des Autors, könne man vielleicht auf dem Gebiet der Kunst und Literatur ausgleichen. Dafür müsse die halbvergessene Welt des Schattens wieder Einzug in die Literatur halten.

Stil↑

Kennzeichnend ist die Form des langen, frei schweifenden Essays. Sechzehn Abschnitte reihen sich aneinander, jeder mit eigener Überschrift, und keiner ist streng aus dem vorigen abgeleitet. Der Gedanke wandert vom Hausbau über das Papier und das Essgeschirr bis zur Bühne und zur Schminke der Geishas, kehrt aber stets zum selben Kern zurück.

Tanizaki argumentiert nicht abstrakt, sondern am greifbaren Einzelfall. Er hält die Weiße zweier Papiersorten nebeneinander, erinnert sich an einen Restaurantbesuch, betrachtet eine Suppenschale aus Holz. Das durchgehende Verfahren ist der Vergleich: hier das Europäische, dort das Japanische, Lampe gegen Laterne, Füllfederhalter gegen Pinsel, Kathedrale gegen Tempel. Der Ton bleibt dabei persönlich und plaudernd; der Autor spricht von eigenen Erfahrungen und nennt seinen Schlussteil selbst die Klagen der Älteren.

Rezeption↑

Der Text erschien 1933 zunächst in einer Zeitschrift und wurde später als eigenständiges Werk bekannt. In der deutschen Fassung trägt er den erklärenden Zusatz „Entwurf einer japanischen Ästhetik“, der andeutet, wie das Werk gelesen wird: nicht als bloße Betrachtung über Wohnräume und Lackschalen, sondern als Versuch, die Grundlagen japanischen Schönheitsempfindens zu beschreiben.

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